Innovationsförderung : Zukunft made in Germany
Die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands fällt und statt Innovationen zu entwickeln, wird das Land zum „Durchlauferhitzer“ für Forschung und Ausbildung. Tina Klüwer analysiert die Probleme und zeigt Lösungswege auf.
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Wettkämpfe sind meist gut sichtbar, werden im Fernsehen übertragen und im Radio kommentiert. Doch ein Rennen bleibt oft unsichtbar und entscheidet trotzdem über unsere gemeinsame Zukunft: das Rennen um die Technologieführerschaft von morgen.
Weltweit investieren Unternehmen und Staaten massiv in Künstliche Intelligenz, Quantentechnologien, neue Mikrochips und Energietechnologien. Manche Länder haben umfassende Strategien, um in fünf Jahren Technologieführer zu sein – und das aus gutem Grund.
Der diesjährige Wirtschaftsnobelpreis zeigt eindrücklich, wie technologische Innovation Wirtschaftswachstum antreibt. Entscheidend sind neue Ökosysteme aus Anwendungen, Produkten und Lieferketten, die erst durch Technologien möglich werden. Das Auto, das Internet und digitale Geräte sind Beispiele dafür.
Gleichzeitig verändert sich das geopolitische Umfeld. Protektionismus, Krisen und Konflikte richten den Blick auf die eigene Souveränität: Welche Technologien haben wir? Auf welche Partner sind wir angewiesen? Unterbrochene Mikrochip-Lieferketten zwangen deutsche Autobauer während der Pandemie, die Produktion zu drosseln. Auch die Sicherheit hängt von Technologiesouveränität ab: Drohen Cyberattacken durch Quantencomputer, hilft es, selbst über die nötige Technologie zu verfügen, um sich zu schützen.
Doch in dieser entscheidenden Phase übt sich Deutschland in Zurückhaltung. Während andere Staaten ihre Bemühungen steigern, bleibt hierzulande alles beim Alten. Die Innovatorenquote sinkt, die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands fällt – erstmals seit Jahrzehnten ist das Land nicht mehr unter den Top 10 des Global Innovation Index. Die Folgen sind sichtbar: Die Wirtschaft schrumpft, tausende Arbeitsplätze gehen verloren, die Produktivitätsentwicklung ist niedrig wie nie zuvor.
Deutschland wird „Durchlauferhitzer“ für Forschung
Forschung und Entwicklung laufen zwar weiterhin auf hohem Niveau, doch die Investitionen zahlen sich volkswirtschaftlich nicht aus. Die meisten Innovationen entstehen in großen Industrien wie Automobil oder Anlagenbau, die jedoch unter schwacher Dynamik und wachsendem Wettbewerb, vor allem aus China, leiden.
Noch dazu gehen auf dem Weg von einer ersten Forschungsidee zu einer kompletten Innovation, zum Beispiel einem nachgefragten Produkt, zu viele Neuerungen verloren. Stattdessen begnügen wir uns mit der Forschungstätigkeit und verschenken unsere Ergebnisse an Andere, die sie kommerzialisieren. Deutschland wird so zum „Durchlauferhitzer“ für Forschung und Ausbildung, ohne selbst zu profitieren. Viele ausländische Studierende kommen nach Deutschland, aber wir schaffen es nicht, diese Menschen nach einer guten, kostenfreien Ausbildung hier zu halten. Ihre Kenntnisse und Ergebnisse nehmen sie mit, zu großen internationalen Technologieanbietern oder in ihr neues Start-up, das sie außerhalb von Europa gründen.
Natürlich gibt es in Deutschland auch großartige Innovationen in Start-ups und etablierte Unternehmen. Und selbstverständlich gibt es auch Erfindungen, die ihren Weg in die Umsetzung finden. International gesehen reicht dies jedoch nicht mehr aus. Andere Länder erhöhen Tempo und Investitionen schneller und entschiedener. In digitalen Geschäftsmodellen konnte sich Deutschland bereits nur schwach positionieren – für zukünftige Technologien wird es schwerer. Es sind Google, Microsoft und Co die nun maßgeblich Künstliche Intelligenz vorantreiben und bereits Quantencomputer erforschen und entwickeln.
Dennoch hat Deutschland alle Voraussetzungen für technologische Innovation: Talente, Kapital, exzellente Forschung und starke Unternehmen. Entscheidend ist, Forschungsergebnisse konsequent zu verwerten und Innovationshürden für Unternehmen zu senken. Forschung und Wirtschaft agieren hierzulande oft in getrennten Silos, die nur wenig Austausch miteinander pflegen. In innovationsstarken Ländern hingegen arbeiten Wissenschaftler auch in Unternehmen oder Unternehmen intensiv in der Forschung. Karrierewechsel zwischen den beiden Welten sind deutlich einfacher als in Deutschland, wo eine Auszeit aus der Forschung häufig das Ende einer akademischen Karriere bedeutet.
Forschende für Transferarbeit belohnen
Transferarbeit, also das Engagement, Ergebnisse aus der Wissenschaft in die Anwendung zu „transferieren“, wird hierzulande kaum belohnt. In der kennzahlengetriebenen, wissenschaftlichen Arbeit dreht sich alles um die Publikation. Forschende, die Start-up-Gründungen unterstützen, tun dies ohne dass es für ihre Karriere Vorteile bringt. Hier braucht es eine eigene Kennzahl und öffentliche Anerkennung dieser Arbeit. Helfen Forschende mit, Unternehmenskooperationen aufzubauen, muss das belohnt werden, zum Beispiel indem ihr Institut finanziell davon profitiert und sie neue Forschung finanzieren können.
Unternehmen müssen verstehen, dass fehlende Innovation ein langfristiges Risiko ist. Innovationsprojekte sind teuer und riskant, aber Entscheidungen gegen Innovationstätigkeit können zum entscheidenden Wettbewerbsnachteil werden. Im ärgsten Fall riskiert man langfristig die eigene unternehmerische Existenz. Daher müssen die Bedingungen für Innovation so einfach wie möglich gestaltet werden.
Der Staat hat hier in den letzten Jahren schon einiges initiiert, zum Beispiel die Forschungszulage für F&E-Tätigkeit. Trotzdem stehen die Unternehmen unter Druck. Das Stichwort „Bürokratie“ entlockt selbst den gefasstesten Vorständen Emotionsausbrüche. Dabei ist, was unter Bürokratie verstanden wird, vielfältig. Offensichtlich ist, dass die Unternehmen nicht nur mit Berichtspflichten, sondern auch mit sonstigen Regularien beschäftigt sind. Wenn dann auch noch hohe Kosten für Umstrukturierungen dazu kommen, wie sie kürzlich in Forschungen zu den Kosten des Scheiterns für Deutschland und Europa ermittelt wurden, mag ein Innovationsvorhaben schon mal erscheinen wie eine unlösbare Mammutaufgabe. Aber auch hier lohnt sich der Blick ins Ausland, in unser Nachbarland die Schweiz zum Beispiel oder nach Dänemark, das mit seinem Flexicurity Modell eine gute Balance zwischen unternehmerischer Handlungsfähigkeit und Absicherung der Arbeitnehmerinnen anstrebt.
Letztlich betrifft die technologische Transformation jeden von uns: Kaufen wir ein Elektroauto oder den Verbrenner? Reagieren wir ängstlich auf neue Technologien oder geben wir ihnen eine Chance? Sehen wir Start-ups als die Mittelständler von morgen oder als amerikanischen Unsinn? Verbraucher können Innovationen aktiv unterstützen. Gelingt uns dieser Sinneswandel und stellen Staat, Unternehmen, Forschung und Gesellschaft, Innovation in den Mittelpunkt, ist die nächste technologische Spitzenleistung „made in Germany“ nur eine Frage der Zeit.
Tina Klüwer leitete bis Juni 2025 die Abteilung „Forschung für technologische Souveränität und Innovation“ im Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR). Gerade ist ihr Buch „Zukunft made in Germany“ zur Innovationsförderung erschienen.
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