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Digitalisierung & KI

Standpunkte Deutschland braucht ein neues Internet!

Ivo Ivanov, CEO des weltweit führenden Internetknoten Betreibers De-Cix
Ivo Ivanov, CEO des weltweit führenden Internetknoten Betreibers De-Cix Foto: De-Cix

Damit Künstliche Intelligenz und das immersive Internet in der Breite zum Einsatz kommen kann, muss sich die Internet-Infrastruktur in Deutschland weiterentwickeln. Das Internet, wie wir es heute kennen, werde den hohen Anforderungen an Performance, Resilienz und Sicherheit nicht mehr genügen, schreibt Ivo Ivanov, CEO des Internetknoten-Betreibers De-Cix im Standpunkt.

von Ivo Ivanov

veröffentlicht am 05.12.2023

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Mit jeder Innovation in der virtuellen Welt steigt die Latenzempfindlichkeit. Latenz versteht sich als die Zeit, die Daten zum Ort ihrer Verarbeitung und zurück benötigen. Dabei entsteht unweigerlich eine Verzögerung, denn bei der Datenübertragung ist man an die Grenzen der Lichtgeschwindigkeit gebunden. Was zunächst enorm schnell klingen mag, äußert sich bei weiten Distanzen, die Daten zurücklegen müssen, in einer schlechten Nutzererfahrung, insbesondere bei Anwendungen des immersiven Internets der Zukunft. Während bei textbasierter Kommunikation oder Videotelefonaten ein wenig Verzögerung allenfalls als störend empfunden wird, hängt bei der modernen Smart Factory und anderen Einsatzgebieten von Künstlicher Intelligenz (KI) sogar die Geschäftsfähigkeit davon ab, denn hier müssen Latenzzeiten im einstelligen Millisekundenbereich realisiert werden.

Die Automobilindustrie veranschaulicht diesen Trend besonders deutlich anhand der latenzempfindlichen Anwendung eines KI-gesteuerten autonomen Fahrzeugs. Hierbei muss der Bordcomputer innerhalb von Millisekunden erkennen, ob sich ein Hindernis oder gar eine Person auf der Fahrbahn befindet und entsprechende Lenkmanöver starten. Die gesamte Datenverarbeitung und KI müssen im Fahrzeug selbst integriert sein, zusammen mit der Live-Telemetrie, die an ein Rechenzentrum übertragen wird. Während eine verzögerte Verarbeitung bei Alltagsaufgaben wie Kreditkartentransaktionen oder Videokonferenzen lediglich frustrierend sein mag, stellt ein Ausfall beim autonomen Fahren eine potenziell lebensbedrohliche Situation dar.

In Zukunft müssen Daten also nicht nur nahezu in Echtzeit aus den Unternehmensnetzen oder der Cloud bezogen werden. Die digitale Lebensader bestehend aus Datenübertragung, -austausch und Netzzusammenschaltung muss nahtlos, zuverlässig, sicher und hoch-performant funktionieren. Die dafür notwendigen Infrastruktur-Komponenten bestehend aus Internetknoten, Glasfaser und Rechenzentren müssen daher deutlich schneller ausgebaut werden. Wollen wir ein digitales Wirtschaftswunder, gibt es diesbezüglich keine Optionen. Geht es um Anwendungen des immersiven Internets oder der KI ist es absolut notwendig, Daten mit niedriger Latenz so nahe wie möglich am Nutzer zu verarbeiten. Weil die potenziellen Nutzer aber nicht nur in gut versorgten Ballungszentren angesiedelt sind, sollten sich überall, wo Daten verarbeitet werden, auch Infrastrukturanbieter ansiedeln können, um die nötigen niedrigen Latenzen garantieren zu können.

Der Ausbau der digitalen Infrastruktur und der entsprechenden Konnektivität kann nur gelingen, wenn alle Teilnehmer der digitalen Wertschöpfungskette ein regulatorisches Umfeld vorfinden, in dem sie eine dichte, global verteilte und vernetzte Infrastruktur aufbauen können, die niedrige Latenzzeiten, Ausfallsicherheit und Zuverlässigkeit gewährleistet.

Heute die Voraussetzungen für morgen schaffen

Die Politik muss strategische Entscheidungen treffen und die regulatorischen Rahmenbedingungen schaffen, damit der Standort Deutschland ein digitales Wirtschaftswunder erleben kann. Zunächst gilt es Genehmigungsverfahren für den Ausbau von Rechenzentren zu beschleunigen, da sie die Grundvoraussetzung einer erfolgreichen Digitalisierung sind. Exzellente Leistung von Anwendungen ist davon abhängig, dass digitale Infrastruktur so nah wie möglich an den Endnutzer heranrückt.

Trifft die Politik nicht die notwendigen Maßnahmen, werden Infrastrukturbetreiber im Ausland investieren, wo ihnen weniger Hürden bereitet werden. Das Internet kennt keine Landesgrenzen und Daten können ortsunabhängig gespeichert und verarbeitet werden. Die Leidtragenden sind deutsche Unternehmen und Endnutzer, die in einem solchen Szenario auf weit entfernte Rechenzentren zugreifen müssen und infolgedessen aufgrund hoher Latenzen die Vorzüge von KI und des immersiven Internets nicht voll ausschöpfen können. Entscheidend für die Attraktivität eines Wirtschaftsstandorts wird in Zukunft sein, ob die Voraussetzungen für den Einsatz von KI gegeben sind oder nicht. Kurze Markteinführungszeiten, straffe Produktionsprozesse oder 24/7-Kundenservice – all dies wird zunehmend durch die Unterstützung von KI-Modellen erreicht werden.

Zudem ist ein beschleunigter Ausbau von Glasfaserverbindungen für gewerbliche wie auch Endkunden-Nutzung essenziell. Wenn neue digitale Anwendungen tatsächlich von Nutzern angenommen werden sollen, müssen die Grundlagen dafür geschaffen werden, damit ein gutes digitales Erlebnis möglich wird. Dazu zählen der Datenverkehr und Austausch in Lichtgeschwindigkeit über Glasfaserkabel – und das überall im Land. Auch ein im internationalen Vergleich hoher Strompreis kann Infrastrukturbetreiber bei der Standortwahl abschrecken.

Das Zögern der Politik beim Ausbau von digitaler Infrastruktur ist hinsichtlich gesamtgesellschaftlicher Herausforderungen, wie der des Klimawandels, nur bedingt nachvollziehbar. Zwar muss beim Ausbau der IT-Infrastruktur den gesteckten Klimazielen eine absolute Priorität eingeräumt werden. Aber zu oft wird vergessen, dass die Digitalisierung für eine erhöhte Effizienz in allen Teilen des gesellschaftlichen Lebens sorgt. Wir informieren uns, tauschen uns aus und arbeiten digital. Man kann sagen, die Vorteile der Digitalisierung sind bereits in der Mitte der Gesellschaft – weltweit – angekommen. Es ist entscheidend, dass die Internet-Infrastruktur als Grundbaustein wirtschaftlicher und sozialer Prosperität anerkannt und wo nötig auch durch Subventionen gefördert wird. Nur wenn die bestehenden Hürden überwunden werden, ergibt sich für Unternehmen ein profitables Geschäftsmodell, das eine Investition in die deutsche Digitalwirtschaft sinnvoll erscheinen lässt.

Gemeinsam an der Zukunft arbeiten

Damit das immersive Internet der Zukunft sowie die Anwendungen der künstlichen Intelligenz reibungslos funktionieren können, müssen Unternehmen aus der Internetindustrie, politische Entscheidungsträger und sämtliche Teilnehmer der Wertschöpfungskette an einem Strang ziehen. Nur so kann es gelingen, dass Deutschland den Anschluss an diese neue Form einer digitalen Zukunft nicht verpasst und im internationalen Wettbewerb besteht. Mit einer exzellenten, verteilten, sicheren und hoch entwickelten digitalen Infrastruktur werden wir die wirtschaftlichen und sozialen Vorzüge der kommenden technologischen Entwicklung voll ausschöpfen können. So wird der Zugriff auf eine blitzschnelle Internet-Infrastruktur überall im Land möglich, die Performance-optimierte Inhalte und Anwendungen für Unternehmen und Privatpersonen möglich macht. Will Deutschland sein Wirtschaftspotenzial erschließen und Unternehmen sowie Bürgern einen hochwertigen Internetzugang bieten, braucht es ein ganzheitliches Umdenken: Weg von einer Silo-Mentalität und hin zu einer gemeinsamen digitalen DNA für die deutsche Wirtschaft und Politik.

Ivo Ivanov ist seit 2022 CEO bei De-Cix und leitet die De-Cix Group als Vorstandsvorsitzender. Ivanov verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung mit den rechtlichen und regulatorischen Aspekten der Internetwirtschaft. 

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