Standpunkt Digitaler Wandel, aber bitte nachhaltig

Neben allgemeinen braucht es auch digitale Nachhaltigkeitsziele, fordert die Regierungsberaterin Maja Göpel. Sie ruft in ihrem Standpunkt Interessierte dazu auf, die WBGU-Digitalcharter, die heute in New York präsentiert wird, zu kommentieren und sich einzubringen.

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Der digitale Wandel bietet uns vielfältige neue Erkenntnisse, Instrumente und Methoden, mit denen der Wandel zum nachhaltigen Wirtschaften und Leben effektiver und effizienter gelingen kann. Digitale Technologien sind der Schlüssel zur Umsetzung erneuerbarer Energiesysteme und der Verwirklichung von Visionen nachhaltiger, individualisierter Mobilität.

Brandbeschleuniger Digitalisierung?

Trotz vieler fantastischer Durchbrüche und Innovationen wirkt der digitale Wandel in der Summe jedoch mitunter eher als Brandbeschleuniger. Der rasant steigende Energieverbrauch von Serverparks und smarten Endgeräten zum Beispiel schlägt mit ähnlichen CO2-Emissionen wie der Flugverkehr zu Buche. Dabei haben bisher weder Steigerungen der Energieeffizienz noch der Umbau auf erneuerbare Energien dem Anstieg an Energienutzung entgegenwirken können. Ebenso wachsen Berge an Elektroschrott, die in den Ländern des globalen Südens abgeladen werden, und der Abbau seltener Erden für diese elektronischen Geräte, was wiederum die Ökosysteme zerstört, in denen sie lagern. Lange bekannte Umweltprobleme einer extraktiven Wirtschaftsweise werden so verschärft. Und Lösungsmaßnahmen wie zum Beispiel die Einführung einer konsequenten Kreislaufwirtschaft hinken hinterher.

Der digitale Wandel, „die“ Digitalisierung, wird dabei oft als gewaltiger Umbruch bezeichnet, der auf unsere Gesellschaften zukommt und dem es sich anzupassen gilt. Dieser Lesart setzt der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) entgegen, dass die Digitalisierung aktiv gestaltet werden muss und ihr damit auch eine Richtung gegeben werden kann, die Nachhaltigkeitsziele unterstützt. Denn ohne aktive politische Gestaltung verpassen wir die Chancen der Digitalisierung systematisch zur Lösung bekannter Nachhaltigkeitsprobleme einzusetzen. Auch Möglichkeiten der Totalüberwachung, die Risiken inadäquat angewandter algorithmischer Entscheidungsfindungen oder Scoring-Verfahren und nicht zuletzt eine wachsende digitale Kluft zwischen und innerhalb von Gesellschaften brauchen eine klare politische und oft globale Antwort.

Wie soll die nachhaltige, digitale Zukunft aussehen?

Die Digitalisierung im Sinne der Nachhaltigkeit zu gestalten, scheint in Anbetracht der Geschwindigkeit der Veränderungen und der wachsenden Macht führender Akteure eine politische Herkulesaufgabe. Der WBGU hat nun einen ersten Schritt unternommen, um sich diesen Herausforderungen mithilfe des Wissens globaler Expertinnen und Experten zu stellen. Mit dem Entwurf einer Charta „Unsere gemeinsame digitale Zukunft“ auf Grundlage des gleichnamigen 500-seitigen Hauptgutachtens will der WBGU Impulse für die Weiterentwicklung der Nachhaltigkeitsziele und insbesondere die Formulierung nachhaltiger Digitalisierungspolitik setzen. Der Entwurf formuliert in 18 Punkten Grundsätze zum Schutz der Menschenwürde, der natürlichen Lebensgrundlagen, der Teilhabe und des Zugangs zu digitalen und digitalisierten Infrastrukturen und Technologien sowie der individuellen und gesellschaftlichen Entfaltungsfreiheit.

Durch eine Unterstützer-Allianz führender internationaler wissenschaftlicher Institutionen wird dieser Entwurf am heutigen Mittwoch in New York vorgestellt und parallel zur Diskussion im Internet bereitgestellt. Die konsolidierte Fassung der Charta soll beim World Summit on Information Society-Forum (WSIS-Forum) im April 2020 vorgestellt werden. Da die Digitalisierung eine gesellschaftliche Herausforderung ist lädt der WBGU Expertinnen und Experten, Politikerinnen und Politiker, Aktivistinnen und Aktivisten sowie Bürgerinnen und Bürger auf der ganzen Welt ein zu kommentieren, wie unsere nachhaltige digitale Zukunft aussehen kann und soll

Maja Göpel ist eine deutsche Politökonomin, Expertin für Klimapolitik und die Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU). Zudem ist sie Hochschullehrerin, zuletzt im Rahmen einer Honorarprofessur an der Leuphana Universität Lüneburg.

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