Deutschlands KI-Herausforderung : Von der Exzellenz zur Wertschöpfung
Deutschland hat sich in der KI auf den Weg gemacht. Ein Blick in die Niederlande zeigt, dass wir in der Strukturierung echter Innovationsökosysteme jedoch noch Aufholbedarf haben.
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Deutschland ist weithin für die Exzellenz seiner Universitäten, die Qualität seiner Forschungsinstitute wie das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) sowie für seine führende Rolle in der internationalen wissenschaftlichen Publikationslandschaft anerkannt. Zudem verfügt das Land über gut etablierte, innovative KMU und ein dynamisches Start-up-Ökosystem. Die Zahl der Start-up-Gründungen ist im vergangenen Jahr sogar um 30 Prozent gestiegen.
Und doch fällt es trotz all dieser Exzellenz schwer, dass sich Erfolge in der KI-Forschung konkret und schneller in der Wirtschaft niederschlagen. Woran hakt es also?
Einige Nachbarländer scheinen bei der Strukturierung echter Innovationsökosysteme bereits einen Vorsprung zu haben. Die Niederlande beispielsweise haben kollaborative Cluster entwickelt, in denen Universitäten, Forschungszentren, Unternehmen und Start-ups auf engem Raum zusammenarbeiten.
Innovationscluster mit Vorbildcharakter
Ein prägnantes Beispiel ist der High Tech Campus Eindhoven, auf dem mehr als 300 Technologieunternehmen und Forschungszentren auf einem weitläufigen, vollständig der Innovation gewidmeten Gelände angesiedelt sind. In der Nähe liegt ASML, der weltweit führende Anbieter von Lithografiesystemen für die Halbleiterindustrie, der als Mitgründer des Campus von der Dynamik profitiert und maßgeblich zu dessen Entwicklung beiträgt: unter anderem durch die Finanzierung von Promotionsstellen sowie die Rekrutierung internationaler Fachkräfte.
Rund hundert Kilometer entfernt weist der Amsterdam Science Park eine der höchsten Dichten an Hochschul- und Forschungseinrichtungen Europas auf und beherbergt ein Netzwerk von mehr als 170 innovativen Unternehmen, darunter zahlreiche Spin-offs, die direkt aus dem Startup Village und dem Lab 42 der Universität Amsterdam hervorgegangen sind.
Solche Innovationscluster können ein entscheidender Hebel sein, um Forschungsergebnisse in industrielle Anwendungen umzusetzen. Ein weiteres interessantes Modell aus den Niederlanden sind die sogenannten ICAI-Labore, die akademische Institute, Industriepartner, staatliche und gesellschaftliche Organisationen zusammenbringen, um KI-Projekte mit gesellschaftlich großer Wirkung durchzuführen.
Jedes Labor ist auf fünf Jahre ausgerichtet und umfasst mindestens fünf Doktorandinnen und Doktoranden, die ein bis zwei Tage pro Woche vor Ort bei den nicht-akademischen Partnern arbeiten, sowie zwei Laborleiterinnen beziehungsweise Laborleiter und eine Labormanagerin oder einen Labormanager. Schrittweise wurden 60 solcher Labore aufgebaut, die sich auf die strategischen Prioritäten der öffentlichen Hand konzentrieren, insbesondere in den Bereichen Gesundheit, Energie, Landwirtschaft und digitale Transformation.
Was hierzulande passiert
Sind wir hierzulande weniger erfolgreich als unsere Nachbarn? Nicht zwingend, jedoch wird sich der Prozess erst im Laufe der Zeit vollständig entfalten. Deutschland hat im vergangenen Jahr mit der „High-Tech-Agenda Deutschland“ einen klaren Rahmen geschaffen, um den Transfer von der Forschung in die Wirtschaft zu beschleunigen, insbesondere in den Bereichen Robotik, Gesundheit, Chemie und Energie. Diese Strategie stützt sich auf zahlreiche bestehende Akteure, um Innovation, Technologietransfer und Talentförderung voranzutreiben.
In diesem Zusammenhang spielen „AI Factories“ wie JAIF in Jülich und HammerHAI in Stuttgart sowie die vier KI-Servicezentren eine zentrale Rolle und bilden die infrastrukturelle und operative Grundlage für den Technologietransfer, insbesondere durch Rechenkapazitäten, Beratung zur KI-Implementierung für KMU und Start-ups sowie Maßnahmen zur Talentförderung. Auch der Innovation Park Artificial Intelligence in Heilbronn sorgt für vielversprechende Impulse. Oft als „KI-Campus der Zukunft“ bezeichnet, bringt er Unternehmen, Forschende und Talente an einem Ort zusammen, um Synergien zu fördern und die Wertschöpfung durch KI anzukurbeln.
Im aktuellen Bestreben, leistungsfähige Innovationsökosysteme aufzubauen, zeigt sich eine einfache, aber grundlegende Erkenntnis: Der Erfolg dieser Strategien beruht vor allem auf nachhaltiger und ambitionierter Investition in Talente. Denn wissenschaftliche und technologische Fortschritte sind letztlich immer menschliche Leistungen.
Neben modernster Infrastruktur und günstigen institutionellen Rahmenbedingungen sind es vor allem Forschende, Ingenieurinnen und Ingenieure, Entwicklerinnen und Entwickler sowie Gründerinnen und Gründer innovativer Unternehmen, die dieses Potenzial verkörpern und in konkrete Fortschritte umsetzen.
Talente sind unsere Zukunft
Talente zu fördern, ihre Mobilität zu unterstützen und einen offenen Austausch zu ermöglichen, sind zentrale Voraussetzungen für ein leistungsfähiges, attraktives und resilientes Forschungs- und Innovationssystem. Das sehen wir bei unserer Arbeit in der Förderung junger KI-Forschender im AI Grid, das vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gefördert wird.
Auch wenn Deutschland in den vergangenen Jahren eine steigende Zahl internationaler Studierender anziehen konnte, ist diese Entwicklung keineswegs selbstverständlich oder dauerhaft gesichert, da sie von einem sehr wechselhaften internationalen politischen Umfeld abhängt. Umso wichtiger ist es, die Unterstützung von Talenten kontinuierlich auszubauen, insbesondere für jene, die noch am Anfang ihrer akademischen oder beruflichen Laufbahn stehen.
Dafür braucht es erhebliche Investitionen in Forschung und Hochschulbildung sowie ein klares und langfristiges politisches Engagement, damit Wissens- und Technologietransfer sowie Innovation ihr volles Potenzial entfalten können.
Laure Poirson ist Projektleiterin des AI Grid bei Talentik.
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