Palantir : Die deutsche Obsession des Alex Karp
Der Palantir-Mitgründer Alex Karp inszeniert sich als Habermas-Erbe. Ein Blick in seine eigenen Texte zerlegt die Maske. Deutsche Redaktionen sollten aufhören, die Maskerade mitzuspielen.
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Wer Alex Karp über Deutschland reden hört, glaubt mitunter, Zeuge eines Familienzwists zu werden. Der Mitgründer des Sicherheitskonzerns Palantir beklagt, kritische Debatten über sein Unternehmen klängen wie Gerede über Hexerei und erklärt, er und sein Partner Peter Thiel seien die „mit Abstand prominentesten deutschen und/oder deutschsprachigen Geschäftsleute der Welt“. Karp gibt den enttäuschten Verwandten, der den Deutschen, einer begriffsstutzigen Familie gleich, die Welt erklären muss.
In deutschen Redaktionen begegnet uns Karp regelmäßig als „Habermas-Schüler“: in Frankfurt promoviert, geistig in der Tradition der Frankfurter Schule. Im März 2026 erschien in der „Welt“ sein neunspaltiger Essay über seine Jahre mit Jürgen Habermas – kurz nach dessen Tod. Karp inszeniert sich darin als jungen Theoriepilger: One-Way-Ticket nach Deutschland, ein einziges Paar Lederschuhe, Heine in der Hand. Eine bemühte Bildungsautobiografie, die ihre eigene Legende im selben Text zertrümmert.
Karp selbst schreibt, Habermas habe ihm am 10. August 2000 mitgeteilt, nicht länger sein Betreuer bleiben zu wollen. Die zitierten Sätze sind vernichtend: Das Manuskript sei unklar, Karp könne mit den Fachleuten nicht konkurrieren. Eine Kollegin sprang ein und ermöglichte die Promotion. Der Mann, der Habermas’ intellektuelles Erbe beansprucht, wurde von ihm persönlich abgelehnt.
Warum dennoch die Maske? Weil sie wirkt. Wer „Habermas“ sagt, sagt: Ich bin kein Musk, keine kalte Datenkrake aus dem Valley. Die Maske ist nicht bloß Eitelkeit, sondern Vertriebsinstrument. Besonders wirksam in den liberalen Demokratien Europas, wo eine Verkaufsveranstaltung so als philosophische Mission auftreten kann.
Die andere Stimme
Legt man Karps Selbstdarstellung neben die 22 Kernthesen seines New-York-Times-Bestsellers „The Technological Republic“, erscheint eine andere Gestalt. Im Kern geht es um die moralische Rechtfertigung des boomenden Geschäfts mit Militär und Polizei. Die Ingenieurselite habe sich in den Dienst der Nation zu stellen (These 1). KI-Waffen kämen unweigerlich, ihre Gefährlichkeit wird heruntergespielt: „Wenn ein US-Marine nach einem besseren Gewehr fragt, sollten wir es bauen, das Gleiche gilt für Software“ (These 7).
Wenn Karp im Interview erklärt, sein Produkt sei „eine Art Betriebssystem für den Krieg“ („Wie viele russische Soldaten sterben pro Quadratkilometer?"), beschreibt er keine Effizienzleistung, sondern preist ein Tötungsprodukt an. Genau das hatte Habermas in seinem Brief als methodischen Bruch markiert: die uneingestandene Vermengung von Beschreibung und Affirmation. Den Quadratkilometer-Indikator preist man nicht achselzuckend an, wenn man die Erinnerung an Frankfurter Kolloquien noch in sich trägt.
Für den deutschen Leser ist These 15 besonders aufschlussreich: „Die Kastration Deutschlands und Japans nach dem Krieg muss rückgängig gemacht werden.“ Der Mann, der sich als Habermas-Erbe inszeniert, erklärt die deutsche Entscheidung für eine europäische Friedensordnung zur „Überkorrektur“. Entwaffnung, Entnazifizierung, europäische Integration – im faschistischen Duktus: Entmannung.
In den Thesen 21 und 22 wird es kulturrassistisch zugespitzt: Bestimmte Kulturen hätten „Wunder hervorgebracht", andere seien „regressiv und schädlich“; einem „leeren, hohlen Pluralismus“ sei zu widerstehen. Anderswo gibt Karp offen zu, was die Thesen verbrämen: „Unsere Technik tötet“, sagt er in einem Vortrag. Bei CNBC erklärt er, KI werde die Macht „hochgebildeter, oft weiblicher Wählerinnen, die meist die Demokraten wählen“, massiv beschneiden. Der Feind ist benannt: die liberale Demokratie.
Diese Doppelung, Habermas-Erbe in der „Welt“, Hard-Power-Architekt im „New York Times“-Bestseller, ist keine Inkonsistenz, sondern Strategie. Zusammen mit Peter Thiel und dem derzeit in Europa herumgereichten Curtis Yarvin bildet Karp die rechtsradikale Spitze einer mit Donald Trump verbündeten Tech-Oligarchie. Eine aggressive politische Botschaft im Gewand technologischer Neutralität – Adorno hätte dafür ein Wort gehabt, an dessen soziologischer Übersetzung Karp im Jahr 2000 scheiterte: Jargon.
Die Entzauberung
Es gehört zu den Pointen dieser Geschichte, dass die deutsche Skepsis, die Karp als Hexenglauben verspottet, ihre besten Argumente aus jener Tradition zieht, die er als Maske trägt. Habermas hat darauf bestanden, dass demokratische Selbstbestimmung als Voraussetzung technischer Systeme mitzudenken ist. Wer Produkte zur Menschenjagd auf Nichtweiße durch die US-Einwanderungsbehörde ICE bereitstellt, ist ein Heuchler, wenn er Habermas für dessen Abneigung gegen Blut-und-Boden-Ideologie gönnerhaft lobt.
Deutsche Redaktionen sollten aufhören, die Maskerade mitzuspielen. Karp ist nicht der Schüler des Mannes, in dessen Namen er auftritt – er ist der Doktorand, den dieser am 10. August 2000 abgelehnt hat, und heute ein außerordentlich erfolgreicher Verkäufer außerordentlich mächtiger Werkzeuge.
Kurz nachdem Karp die deutsche Debatte mit Hexenprozessen verglich, fiel beim Bundesamt für Verfassungsschutz die Entscheidung: gegen Palantir, für die Software des französischen Anbieters Chapsvision. Nicht „Falantir“, wie Karp es scherzhaft ankündigte, sondern eine wirkliche französische Firma, ohne Habermas-Anekdoten. Den Angriff auf Demokratie und Freiheit, an dem er mitwirkt, sollten wir ernst nehmen – ihn selbst aber nicht als einen Vertreter kritischer Vernunft.
Matthias Pfeffer ist Gründungsdirektor des Councils for European Public Space. Sein neues Buch (mit Jürgen Pfeffer und Paul Nemitz) „Die offene Zukunft und ihre Feinde. Wie wir diefreie Gesellschaft vor der KI-Diktatur bewahren können" erscheint am 10. Juni.
Christopher Coenen ist Forschungsgruppenleiter am Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse des Karlsruher Instituts für Technologie.
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