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Digitalisierung & KI

Datenökonomie

Gaia-X nimmt Formen an

Ein zentraler Werkzeugkasten für Gaia-X ist fertig, Anwender können die Funktionen nun in Projekte einbinden. Trotzdem gibt es für Nutzer noch viele Hürden, bis echte Datenräume funktionieren dürften noch Jahre vergehen.

OliverVoss

von Oliver Voß

veröffentlicht am 09.09.2022

aktualisiert am 15.09.2022

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Das digitale Großprojekt Gaia-X ist einen Schritt weiter. „Wir haben jetzt ein Angebot“, sagte Andreas Weiss, Leiter Digitale Geschäftsmodelle beim Internetverband Eco auf der „GXFS Connect“, die am Mittwoch und Donnerstag in Berlin stattfand. Dort präsentierten sich verschiedene Gaia-X-Projekte, insbesondere wurden die Föderationsdienste (federated services) vorgestellt. „Viele haben gesagt, das passiert nie, aber wie haben jetzt die Grundtechnologie, die läuft und genutzt werden kann“, sagte Weiss.

Bei den vom Bundeswirtschaftsministerium finanzierten und Eco koordinierten Diensten handelt es sich um eine Art Werkzeugkasten, mit denen Gaia-X-Projekte künftig arbeiten können, um beispielsweise Infrastrukturen zum Teilen von Daten aufzubauen. Zu den Werkzeugen gehören Authentifizierungs- und Autorisierungsdienste, mit denen Unternehmen festlegen können, mit welchen Partnern sie Daten teilen und welche Mitarbeiter Zugriff auf Daten bekommen. Ein weiteres zentrales Element ist ein föderierter Katalog, in dem Cloud-Services und andere Dienste aufgelistet werden und Nutzer sich von verschiedenen Anbietern die passenden Anwendungen aussuchen können.

„Die federated services sind ein Riesenfortschritt“, sagte Stefan Ilaender, CTO von Plusserver. Das sei ein „super Set an Standards“ und ein „Gamechanger“. „Damit sollten wir anfangen zu spielen“, sagt Illaender. So könnten dort dann Datenräume angebunden werden.

„Der proof of concept ist erfolgt“, sagte Iris Plöger, Vorstandsmitglied beim BDI. Sie appellierte an die Beteiligten und die Industrie, nun daran zu arbeiten, dass es in die Breite komme. „Jetzt sind wir den proof of execution schuldig“, sagte Plöger.

Weiter viele Hürden für die Nutzung von Gaia-X

Doch auch wenn es nun tatsächlich nutzbaren Gaia-X-Code gibt, stehen vor der breiten Anwendung noch viele Hürden. So gibt es nun zwar technische Grundlagen für einen Katalog an Gaia-X-Anwendungen, wer diese jedoch in der Praxis bündelt und für Anwender verfügbar macht, ist offen. Die Idee ist, dass sich Unternehmen dort beispielsweise Cloudspeicher buchen und von anderen Anbietern dann Tools zur Datenanalyse. Ob verschiedene Cloudprovider ihre Dienste tatsächlich kombinierbar anbieten, muss sich weiter zeigen. Und wie die dazugehörigen Vertragsbeziehungen geregelt und die Zahlungen abgewickelt werden, ist auch noch unklar.

„Die Vision ist noch nicht erreicht aber wir sind verdammt weit gekommen“, sagte Ernst Stöckl-Pukall, Referatsleiter für Digitalisierung und Industrie 4.0 im Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK). „Wir starten den Kulturwandel, Daten zu teilen“, sagte Stöckl-Pukall. Er verwies dabei auf das Projekt Catena-X, bei dem die Automobilbranche ein gemeinsames Datenökosystem zur Vernetzung von Wertschöpfungsketten entwickeln will. „Das ist ein fantastischer Leuchtturm“, sagte Stöckl-Pukall, „genau sowas wollten wir auslösen.“ Als weiteres großes Projekt ist derzeit Manufacturing-X in Vorbereitung (Tagesspiegel Background berichtete). Dabei soll der Ansatz von Catena-X auf andere Industriebranchen übertragen und ausgeweitet werden.

Große Anwendungsmöglichkeiten sind dann 2023 auch im europäischen Gemeinschaftsprojekt IPCEI Industrial Cloud angedacht. Dafür fehlt noch die Genehmigung der EU. „Ich hoffe, dass wir den Haken aus Brüssel bis Ende des Jahres bekommen“, sagte Franziska Brantner, Staatssekretärin im BMWK.

Auch viele Gaia-X-Förderprojekte, die teilweise zeitgleich zur Entwicklung der Föderationsdienste die Arbeit aufgenommen haben, können nun die Technologien integrieren. Andererseits gibt es dadurch jedoch auch parallele Entwicklungen, bei denen sich dann zeigen muss, wie die Vorhaben zusammen passen. Auch viele rechtliche und vertragliche Fragen müssen vor dem Teilen von Daten noch geklärt werden. Und in Diskussionen am Rande der Konferenz wurde auch immer wieder klar, dass sich viele mögliche Anwender von Gaia-X immer noch fragen, was ihnen das Ganze tatsächlich bringt. Kleine und mittlere Unternehmen, wie Automobilzulieferer, haben die Sorge, dass die Abhängigkeiten steigen, wenn sie Daten mit den Autobauern teilen. Für andere Unternehmen können sich, gerade durch branchenübergreifenden Austausch neue Möglichkeiten ergeben, doch die entsprechenden Geschäftsmodelle zu entwickeln, damit tun sich auch viele schwer. „Es muss sich jetzt zeigen, dass Gaia-X tatsächlich Mehrwert liefert“, sagt auch Weiss.

Weitere Jahre Geduld gefragt

Einig waren sich viele Teilnehmer, dass all das noch dauert. Zumal gerade die Entwicklung und Anbindung von Datenräumen noch in den Anfängen steckt. „In fünf, sechs Jahren wird sich das Ganze lohnen“, sagte Harald Summa, Hauptgeschäftsführer von Eco. Ein Problem seien die langen Zeiträume jedoch nicht, große Entwicklungen bräuchten eben Zeit. „Ich habe 1991 das Internet aus der akademischen Welt herauskriechen sehen“, erinnert sich Summa. Und auch damals hätten viele gefragt, wozu das gut sein solle.

Immerhin habe Deutschland durch Gaia-X schon vor vier Jahren angefangen über digitale Souveränität nachzudenken, andere Staaten würden damit jetzt erst anfangen. Der Beitrag von Gaia-X zu der Debatte sei nicht zu unterschätzen, findet auch Iris Plöger: „Das hat maßgeblich dazu beigetragen, digitale Souveränität ganz oben auf der europäischen Agenda zu verankern.“

Ähnlich argumentierte auch Franziska Brantner, die betonte, dass das BMWK Gaia-X weiter voll unterstütze. „Uns ist wichtig, dass Unternehmen ihre Daten selbstbestimmt nutzen und teilen können“, sagte Brantner. Das Hauptziel sei, nicht in Abhängigkeiten zu geraten und eines der zentralen Elemente dafür sei Gaia-X.

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