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Digitalisierung & KI

Standpunkt

Technologie muss fit werden für Europa

Casper Klynge, ehemaliger dänischer Tech-Ambassador, jetzt für die EU-Beziehungen bei Microsoft verantwortlich
Casper Klynge, ehemaliger dänischer Tech-Ambassador, jetzt für die EU-Beziehungen bei Microsoft verantwortlich Foto: Microsoft

Microsoft will auf Europas Wunsch eingehen, „digital souveräner” zu werden und dem Kontinent helfen, sowohl die Chancen der digitalen Transformation zu nutzen als auch auch ihre Herausforderungen zu bewältigen. Auf welche Bereiche es besonders ankommt – und warum amerikanische Konzerne sich an die EU anpassen können, schreibt Casper Klynge, VP für die europäischen Regierungsbeziehungen.

von Casper Klynge

veröffentlicht am 06.10.2020

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EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat in ihrer ersten „Rede zur Lage der EU“ die Ambitionen der Europäer unterstrichen. Sie wollen nicht nur die negativen Auswirkungen der Pandemie beheben, sondern auch eine bessere Zukunft für alle schaffen: ein grünes, digitales und widerstandsfähiges Europa. Und Technologie spielt eine zentrale Rolle dabei, alle drei Ziele zu erreichen. „Wir müssen dies zu Europas Digitaler Dekade machen“, sagte von der Leyen.

Europa will fit fürs digitale Zeitalter werden – wir sehen es aber auch andersherum: Technologie muss fit für Europa werden! Dafür müssen amerikanische Technologieunternehmen ausdrücklich anerkennen, dass Europa eine führende Rolle bei der Lösung globaler Herausforderungen hat. Wir wollen unsere Beziehung zu Europa in eine neue Bahn lenken. Das bedeutet auch, auf Europas berechtigten Wunsch einzugehen, „digital souveräner“ zu werden. Und wir müssen Europa dabei unterstützen, die Chancen der digitalen Transformation zu nutzen, aber auch ihre Herausforderungen zu bewältigen – vor allem vor dem Hintergrund der Covid-19-Pandemie.

Drei Schlüsselbereiche angehen: Arbeit, Umwelt, Inklusion

Dies wird auch ein zentrales Thema beim heutigen Tag der Industrie in Berlin sein, wo unter anderem über Schlüsseltechnologien und deren Möglichkeiten zur Zukunftsgestaltung diskutiert wird. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass die wichtigsten Herausforderungen für Europa und somit auch für uns, sich in drei Bereiche einteilen lassen: Arbeit, Umwelt, Inklusion. Technologie spielt in all diesen Bereichen eine Schlüsselrolle.

1) Arbeit: Im Juli stieg die Arbeitslosenquote in der EU auf 7,2 Prozent. 15 Millionen Menschen sind arbeitslos – besonders trifft das junge und geringqualifizierte Arbeiterinnen und Arbeiter. Priorität sollte also haben, Menschen zurück in Arbeit zu bringen. In der heutigen Zeit bedeutet das vor allem, sie mit digitalen Fähigkeiten auszustatten. Denn, das zeigte kürzlich der Index für die digitale Wirtschaft und Gesellschaft (DESI): 42 Prozent der Europäer fehlen diese. Die EU-Kommission will mit einer Kompetenzagenda für mehr Wettbewerbsfähigkeit, soziale Gerechtigkeit und Resilienz sorgen. Mitgliedstaaten, Unternehmer und Sozialpartner sollen gemeinschaftlich auf ein lebenslanges Lernen hinarbeiten. Dieser Pakt für Kompetenzen könnte den entscheidenden Wandel bewirken.

2) Inklusion: Die Pandemie hat ein Schlaglicht auf die digitale Spaltung der Gesellschaft geworfen. Wer in ländlichen Gegenden studiert oder arbeitet, bekam die eingeschränkte Internetverbindung zu spüren. Ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen konnten Technologie nur eingeschränkt nutzen, um die soziale Isolation zu überwinden. Wir dürfen das nicht hinnehmen. Technologieunternehmen haben die Ressourcen und die Erfahrung, um diesen Graben zu schließen. Wir können Breitband-Internet in entlegene Gegenden bringen und deren Zugang für Menschen mit Behinderungen weiter verbessern. Wir müssen Inklusion aber auch als Zugang zu Daten verstehen und brauchen mehr Politik für offene Daten. Das betrifft zum Beispiel einen leichteren Zugang zu Maschinendaten – Präsidentin von der Leyen nannte dies „einen kraftvollen Motor für Innovationen und Arbeit“.

3) Umwelt: Man kann nur bewundern, wie Europa auch inmitten einer Pandemie sich nicht von seinem Ziel abwendet, bis zum Jahr 2050 der erste klimaneutrale Kontinent zu werden. Präsidentin von der Leyen hat gerade erst unterstrichen, dass die Kommission die Emissionslast bis 2030 um mindestens 55 Prozent senken will – ein noch ambitionierteres Ziel als zuvor. Indem Europa seine Bemühungen sogar noch verstärkt hat, statt sie angesichts der Corona-Folgen aufzugeben, hat es seine Führungsrolle in Fragen der Nachhaltigkeit unter Beweis gestellt. Dieser Kurs wird auch von der Wirtschaft getragen: Als Teil der „Europäischen Allianz für Grünen Aufschwung“ fordern wir gemeinsam mit der Zivilgesellschaft, der Wissenschaft und Entscheidern der Wirtschaft ambitioniertere Klimaziele. Als Technologieunternehmen müssen wir uns selbst höhere Ziele setzen – beim CO2-Ausstoß, bei Abfall- und Wasserwirtschaft sowie beim Erhalt von Ökosystemen. In all diesen Bereichen können Daten und neue Technologien helfen, um globale Umweltprobleme in den Griff zu bekommen und eine nachhaltige Zukunft schneller Realität werden zu lassen.

Amerikanische Unternehmen können Beitrag leisten

Eine vertrauenswürdige digitale Infrastruktur ist das Fundament, um die anstehenden Aufgaben bei Arbeit, Umwelt und digitaler Inklusion zu bewältigen. Europas Entschlossenheit, seine digitale Souveränität zu erhalten ist etwas, das alle Technologieunternehmen respektieren und umsetzen müssen. Europa kann die Vorteile der digitalen Wirtschaft nutzen, ohne von seinen Prinzipien, freiem Wettbewerb und offenen Märkte abzulassen oder sich weiterhin für höchste Standards bei Datenschutz, Sicherheit und Transparenz einzusetzen. Wie auch in den Schlussfolgerungen des Europäischen Rates letzte Woche bemerkt, kann die EU so globale Regeln und Standards mitgestalten, seine eigenen Werte und Grundrechte schützen und dabei für alle Unternehmen offenbleiben, die die europäischen Vorschriften und Normen einhalten. Amerikanische Unternehmen können Europa aktiv dabei helfen, seine globale Wettbewerbsfähigkeit zu steigern, wenn sie Technologien im Einklang mit europäischen Werten und Grundrechte schaffen.

Casper Klynge ist seit 1. März Vice President European Government Affairs bei Microsoft in Brüssel. Zuvor war der dänische Diplomat erster „Tech-Botschafter“ seines Landes im Silicon Valley. Er nimmt heute Vormittag am „Executive Roundtable: Gamechanger Technologien“ beim Tag der Deutschen Industrie teil. Morgen diskutiert er mit Digitalbotschafter Hinrich Thölken (Auswärtiges Amt) über die deutsche Ratspräsidentschaft.

Co-Autor des Textes ist Ralph Haupter. Er ist Präsident für die Region Europa/Afrika/Naher Osten bei Microsoft. 

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