Standpunkt 65-Prozent-Ziel: rein marktbasiert nicht erreichbar

Der Ausbau der Erneuerbaren soll laut EEG in einigen Jahren möglichst ohne Subventionen weitergehen. Doch aus heutiger Sicht ist der Umstieg auf einen rein marktgetriebenen Ausbau nicht vereinbar mit dem 65-Prozent-Ziel – es sei denn mit extrem hohen CO2-Preisen. Das zeigen neue Analysen von Aurora Energy Research, die Casimir Lorenz in seinem Standpunkt präsentiert.

Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen

Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.

Jetzt kostenfrei testen
Sie sind bereits Background-Kunde? hier einloggen

Über das seit dem 1. Januar 2021 gültige neue EEG wurde so lange politisch gerungen, dass vermeintlich die meisten Argumente ausgetauscht sind. Buchstäblich bis zur letzten Minute wurde an dem Gesetz herumgefeilt. Möglicherweise ist dabei das große Ganze etwas aus dem Blick geraten.

Wie steht es also insgesamt um Machbarkeit und Plausibilität? Vor allem die im EEG festgeschriebenen Ziele für den Erneuerbaren-Ausbau, die Prognosen für die Entwicklung des Strombedarfs und das Bestreben, in einigen Jahren zu einem marktgetriebenen Ausbau überzugehen, verdienen einen kritischen Abgleich mit dem erklärten Ziel der Bundesregierung, bis 2030 einen Grünstromanteil von 65 Prozent zu erreichen.

Dafür haben wir die verschiedenen Entwicklungspfade modelliert, die sich unter den zukünftigen gesetzlichen und marktlichen Rahmenbedingungen ergeben. Mit ernüchternden Ergebnissen: So sieht das EEG 2021 zwar vor, die erneuerbaren Kapazitäten bis 2030 gegenüber dem alten EEG von 2017 um 33 Prozent zu erhöhen – das wären fast 50 Gigawatt mehr, davon allein bei Photovoltaik ein Plus von 35 Gigawatt. Diese Zahlen könnten noch steigen, wenn sich die Regierung wie geplant im ersten Quartal 2021 mit Fragen befasst, die bei der eiligen Verabschiedung vor dem Jahreswechsel nicht mehr geklärt werden konnten.

Doch Papier ist geduldig und die Erfahrungen aus der Vergangenheit lassen vermuten, dass diese Planungen in der Realität zumindest teilweise scheitern werden: Zum Beispiel sind bei der Onshore-Windenergie bisher sämtliche Auktionen unterzeichnet, und Reformen der Regionalplanung, die daran etwas ändern könnten, sind nicht in Sicht. Wir gehen daher davon aus, dass hier gegenüber den Zielen im neuen EEG eine Lücke von rund sechs Gigawatt bleibt.

Ähnlich bei Biomasse, wo unterzeichnete Auktionen zu einer Lücke von zwei bis drei Gigawatt führen könnten. Und auch bei der Photovoltaik sind Untererfüllungen zu erwarten: Vor allem bei Projekten, die nicht an Auktionen teilnehmen müssen (das gilt für etwa die Hälfte des geplanten Zubaus), war der Ausbau in der Vergangenheit deutlich langsamer als er im Sinne der neuen EEG-Ziele in den kommenden Jahren sein müsste. Da das neue Gesetz die Rahmenbedingungen hier nicht wirklich verbessert, könnten bis 2030 bis zu zehn Gigawatt Photovoltaikkapazitäten fehlen.

Zu wenig Zubau trifft auf unterschätzten Verbrauch

Insgesamt stehen also bis zu 40 Prozent der bis 2030 zusätzlich angepeilten Erneuerbaren-Kapazitäten auf wackeligen Füßen. Doch das ist nicht der einzige Faktor, der das Erreichen des 65-Prozent-Ziels unwahrscheinlich macht. Dazu kommt die Entwicklung des Stromverbrauchs: Der steigt nämlich weiter, zumal im Rahmen des Klimaschutzprogramms immer mehr Sektoren elektrifiziert werden sollen. Die 580 Terrawattstunden Brutto-Stromnachfrage, die das BMWi für 2030 prognostiziert und auf denen die gesamten EEG-Planungen beruhen, sind daher nach unseren Analysen deutlich zu niedrig angesetzt. Wir gehen vielmehr von 630 Terrawattstunden aus und befinden uns damit in guter Gesellschaft: Die BnetzA, das EWI und andere Institutionen erwarten eine ähnliche oder sogar noch höhere Nachfrage bis 2030.

Nimmt man nun die 630 Terrawattstunden als realistischere Prognose für den Stromverbrauch, reichen schon die Zielvorgaben des EEG gerade mal für 62 Prozent Erneuerbaren-Anteil – und das auch nur, wenn es trotz der oben beschriebenen Probleme gelingen sollte, die angepeilten Kapazitäten bis 2030 tatsächlich zu schaffen. Wie gesagt: Das halten wir für unwahrscheinlich. Nehmen wir umgekehrt den schlimmsten Fall an, nämlich, dass die genannten Lücken alle eintreten, würde der Erneuerbaren-Anteil nur bei 54 Prozent liegen – und damit weit weg vom 65-Prozent-Ziel.

Marktbasierter Ausbau ist keine Lösung

Um diese Lücke zum selbst gesteckten Ziel zu schließen, propagieren viele einen marktbasierten Erneuerbaren-Ausbau. Auch das neue EEG enthält dazu einen Passus: Demnach soll der Ausbau künftig „so weit wie möglich marktgetrieben“ erfolgen. Ziel ist eine Umstellung in der zweiten Hälfte der 2020er Jahre. Wir haben daher auch solche Szenarien durchgerechnet, mit eindeutigem Ergebnis: Ohne Subventionen rückt das 65-Prozent-Ziel in noch weitere Ferne.

Würde zum Beispiel ab 2027 nur noch marktbasiert ausgebaut, erreichten die Erneuerbaren bis 2030 gerade mal 49 Prozent Anteil am Stromverbrauch. Denn ein solcher Ausbau setzt voraus, dass die Anlagenbetreiber ausreichend Erlöse aus dem Stromverkauf erwarten können. Doch je mehr Erneuerbare im Markt sind, desto stärker wird die Preis-Kannibalisierung und desto schwieriger können die Betreiber ihre Stromgestehungskosten decken.

Selbst unter der sehr optimistischen Annahme, dass die Investitions-, Betriebs- und Finanzierungskosten allesamt und gleichzeitig deutlich stärker als allgemein erwartet sinken, würden mit marktbasiertem Ausbau nur 59 Prozent Erneuerbaren-Anteil erreicht und damit das 65-Prozent-Ziel deutlich verfehlt.

Natürlich lässt sich nicht nur die Kostenseite optimieren, sondern auch die Einnahmeseite, etwa mit höheren CO2-Preisen. Auch dies haben wir modelliert: Um das 65-Prozent-Ziel trotz einer Abschaffung der Subventionen zu erreichen, müsste die Tonne CO2-Emission im Jahr 2030 bereits 120 Euro kosten. Solche Werte sind aus derzeitiger Sicht wirklichkeitsfremd, zumal sie europaweit gelten müssten, um die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie nicht zu gefährden.

Schwierige Situation für Betreiber und Investoren

Und selbst unter der erwähnten sehr optimistischen Annahme, dass die Stromgestehungskosten erheblich stärker sinken als erwartet, wären noch über 60 Euro nötig. Dieser Wert liegt immerhin noch am oberen Rand der Prognosen für den CO2-Preis im Jahr 2030, doch in Summe ist es unwahrscheinlich, dass es zu dieser Kombination aus hohem CO2-Preis und stark sinkenden Stromgestehungskosten kommt.

Als Fazit bleibt, dass ein Erneuerbaren-Ausbau rein auf Basis der Marktkräfte zwar möglich ist, er aber ziemlich sicher nicht ausreicht, um das 65-Prozent-Ziel zu erreichen. Zudem schafft das neue EEG mit dem politischen Bestreben, die Subventionen ab 2027 auslaufen zu lassen, eine schwierige Situation für Betreiber und Investoren: Sollen sie ihre Planungen auf einen marktgetriebenen Ausbau und die Hoffnung auf einen höheren CO2-Preis ausrichten oder damit rechnen, dass es zum Erreichen der Klimaziele dann doch weiterhin Subventionen für Sonne, Wind und Co. geben wird? Diese Unsicherheit ist dem eigentlichen Ziel, den Erneuerbaren-Ausbau zu beschleunigen, nicht zuträglich.

Casimir Lorenz ist Projektleiter beim Energiemarktanalyse-Institut Aurora Energy Research. Er stellt die Analyseergebnisse auch im Rahmen der Aurora German Renewables Week am 4. Februar vor.

Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen

Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.

Jetzt kostenfrei testen
Sie sind bereits Background-Kunde? hier einloggen