Netzausbau : Den Deutschlandfonds zum Hebel für die Energiewende machen
Das Gelingen der deutschen Energiewende sei gefährdet, schreibt Klaus Ulrich Hachmeier, deutscher Cheflobbyist des Energieinfrastruktur-Investmenthauses CIP. Während der Ausbau erneuerbarer Kapazitäten rasant voranschreite, müsse der dafür nötige Ausbau der Netze „Tempo aufnehmen“. Gerade im Netzausbau klaffe jedoch eine Investitionslücke. Diese könne mithilfe des Deutschlandfonds geschlossen werden, wenn die Politik ähnlich wie bei der Entwicklungsfinanzierung vorgehe.
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Die deutsche Energiewende befindet sich in einer gefährlichen Schieflage: Während der Ausbau erneuerbarer Kapazitäten rasant voranschreitet und bis Ende Oktober 2025 bereits eine Erzeugungskapazität von knapp 200 Gigawatt erreicht hat, muss nun der erforderliche Ausbau der Netze Tempo aufnehmen. Gerade im Netzausbau klafft jedoch eine Investitionslücke.
Diese Investitionslücke muss geschlossen werden, um das Ungleichgewicht zwischen stark expandierender Erzeugung und eher verhaltenem Netzausbau zu beseitigen. Der im Koalitionsvertrag angekündigte und zwischenzeitlich von der Bundesregierung konkretisierte Deutschlandfonds könnte hier einen wichtigen Beitrag leisten. Wie das funktioniert, haben die KfW und andere Förderbanken in der Entwicklungsfinanzierung vielfach unter Beweis gestellt. Es wird höchste Zeit, so genannte „katalytische“ Instrumente nun auch „zuhause“ einzusetzen.
Vergleichsweise wenig Geld für Netze
Dass im vergangenen Jahr bereits 58 Prozent der Stromerzeugung in Deutschland von den Erneuerbaren geleistet wurde, geht maßgeblich auf die erfolgreiche Mobilisierung von privatem Kapital zurück, insbesondere durch das EEG. Bei der komplementären Netz-Infrastruktur gelingt es bislang hingegen nicht, im erforderlichen Umfang privates Kapital zu gewinnen.
Dabei ist der Bedarf enorm: Bis zum Jahr 2035 sind laut Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) Investitionen von rund 1,2 Billionen Euro erforderlich – davon 251 Milliarden für Übertragungsnetze (Strom und Gas), 222 Milliarden Euro für Verteilnetze und 72 Milliarden Euro für Wärmenetze.
Während die Kosten für den weiteren Kapazitätsaufbau in Höhe von 569 Milliarden Euro durch ein fortentwickeltes Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) und den marktgetriebenen Ausbau mithilfe von Stromabnahmeverträgen (Power Purchase Agreements, PPAs) gemeinhin als erreichbar gelten, muss Deutschland für die Energieinfrastruktur-Investitionen noch eine Lösung finden.
Denn Übertragungs- und Verteilnetzbetreiber können die Kapitalbedarfe weder aus dem laufenden Geschäft finanzieren noch – bis auf wenige Ausnahmen – die notwendigen Mittel am Kapitalmarkt beschaffen. Trotz vollzogener oder angekündigter Teileinstiege des Staates stehen selbst die Übertragungsnetzbetreiber vor Herausforderungen, die ohne weiteres Kapital aus privaten Quellen nur schwer lösbar erscheinen.
Bei den Verteilnetzbetreibern kommt erschwerend hinzu, dass sie sich oft im Besitz von Kommunen mit angespannter Finanzlage und begrenztem Zugang zum Kapitalmarkt befinden. Überdies war das Interesse privater Investoren an der Finanzierung von Netzinvestitionen in Deutschland in den vergangenen Jahren ohnehin gering: Die von der Bundesnetzagentur festgelegten Eigenkapitalrenditen sind für die meisten Investoren im internationalen Zinsumfeld schlicht nicht attraktiv.
Höhere Verzinsung, mehr Ausbau
Langfristig wird im internationalen Wettbewerb um privates Kapital an einer Anhebung dieser regulierten Verzinsung kein Weg vorbei führen, wenn private Investoren geworben werden sollen. Im laufenden sogenannten Nest-Verfahren der Bundesnetzagentur könnten dafür die Grundlagen geschaffen werden. Kurzfristig ist eine deutliche Erhöhung jedoch allein aus politischen Gründen unrealistisch – sie würde zu höheren Netzentgelten führen, die von den Verbrauchern in Form höherer Strompreise getragen werden müssten.
Gerade Stadtwerke und Regionalversorger als Eigentümer der meisten Verteilnetze stecken besonders in der Klemme, wie jüngst eine Studie der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PWC Deutschland dargelegt hat. Diese Akteure müssen bis 2045 rund 535 Milliarden Euro für die Transformation zur Klimaneutralität aufbringen, können laut PWC aber nur ein Viertel aus eigener Kraft stemmen und weitere zehn Prozent durch öffentliche Förderungen aufbringen – es bleibt ein Rest von 65 Prozent, also eine Finanzierungslücke von 346 Milliarden Euro.
„Katalytisches Kapital“ ergänzt Klima-Sondervermögen
Auch das neue Sondervermögen „Infrastruktur und Klimaneutralität“ wird hier nur punktuell Abhilfe schaffen können, denn die darin enthaltenen 100 Milliarden Euro für Klima- und Energiewendeprojekte verteilen sich über zwölf Jahre hinweg auf viele verschiedene Bereiche.
Einen wichtigen Beitrag muss daher der Deutschlandfonds leisten – und dies trotz seiner auf den ersten Blick überschaubaren Größe von „nur“ rund zehn Milliarden Euro an staatlichen Mitteln, mit der die Bundesregierung durch zusätzliches privates Kapital ein Gesamtvolumen von bis zu 100 Milliarden Euro erreichen will.
Dieses Ziel ist realistisch, denn bei klugem Einsatz als „katalytisches“ Kapital kann mit dem staatlichen Impuls tatsächlich ein Vielfaches an privaten Mitteln in Bewegung gesetzt werden. Um diese Hebelwirkung zu entfalten, steht ein ganzes Arsenal katalytisch wirkender Instrumente zur Verfügung. Diese auch als „Blended Finance“ bezeichneten Instrumente ermöglichen durch gezielte Konditionen und Strukturen, privates Kapital für zuvor unterinvestierte Bereiche zu aktivieren.
Das Spektrum reicht von klassischen Fördermitteln (ohne Rückzahlungsverpflichtung) über Garantien (zur Abdeckung spezifischer Risiken oder von Erstverlusten) und nachrangiges Eigenkapital (mit geringerer Renditeforderung und/oder Übernahme von Erstverlusten) bis zu langfristigem „Patient Capital“ (mit längeren Rückzahlungsfristen bei niedrigeren Renditen) und nachrangiger Fremdfinanzierung, die erst nach Bedienung vorrangiger Gläubiger zurückgezahlt wird.
„Blended Finance“-Kombinationen
Die Instrumente können einzeln oder kombiniert eingesetzt werden – je nach Zielsetzung, Kontext und bestehenden Hürden. Zwei Beispiele zeigen, wie die von der Bundesregierung angestrebte Hebelwirkung erreicht werden könnte. Einerseits könnte die KfW etwa für einen Fonds zugunsten kommunaler Wärmenetze eine Erstverlust-Garantie bereitstellen und damit eine Fremdkapitalinvestition von Geschäftsbanken absichern. Die internationale Erfahrung zeigt, dass auf dieser Basis dann zusätzliche Eigen- und Fremdkapital-Investitionen weiterer privater Akteure realisiert werden können.
Alternativ könnte das öffentliche Kapital nachrangig zu privatem Eigenkapital investiert werden. Gleichzeitig würden Ausschüttungen an die öffentliche Hand erst nach einer Sperrfrist erfolgen, etwa nach zehn Jahren. In diesem „Patient Capital“-Modell erhalten private Investoren in den frühen Jahren entsprechend höhere Ausschüttungen. Auf diese Weise würde gezielt ein auch für die öffentliche Hand akzeptables Risiko-Rendite-Profil generiert und privates Kapital aus dem In- und insbesondere auch aus dem Ausland für die Energiewende mobilisiert.
Trotz der Vorzugskonditionen, die sie anderen Investoren gewähren, erzielen katalytische Investitionen in der Regel auch selbst noch eine Rendite oberhalb des Niveaus risikofreier Anlagen. Die von diesen Instrumenten ausgehende Hebelwirkung generiert aber vor allem erheblichen volkswirtschaftlichen Nutzen.
80 Prozent von privaten Investoren
Für den Beitrag des Deutschlandfonds zum Gelingen der Energiewende sind zwei Bedingungen entscheidend: Erstens muss ein zielgerichtetes Budget für Investitionen in Energieinfrastruktur verankert werden. Und, zweitens, sollte die Expertise privater Investoren bestmöglich eingebunden werden, um Marktnähe, Wirksamkeit und Skalierbarkeit der Vehikel sicherzustellen.
Rund 80 Prozent der zur Transformation des deutschen Energiesystems benötigten Investitionen müssen durch private Investoren erbracht werden. Die katalytische Nutzung des Deutschlandfonds bietet eine große Chance, sie zu gewinnen und die Energiewende ins Gleichgewicht zu bringen.
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