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Energie & Klima

Standpunkt

Besseres Wirtschaften mit weniger Energie

Felix Creutzig, Mercator Research Institute on Global Commons and Climate
Felix Creutzig, Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Foto: Felix Creutzig

Die Gaskrise sollte Anlass zu einer wirklichen Trendumkehr beim Energieverbrauch sein, fordern Felix Creutzig vom Klimaforschungsinstitut MCC und Elke Weber von der TU Berlin. Den entscheidenden Schwenk zum Fokus auf Menschen und Lebensqualität hat ihrer Ansicht nach auch die Expertenkommission Gas Wärme nicht geliefert.

von Felix Creutzig

veröffentlicht am 12.10.2022

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Corona, Putins Überfall auf die Ukraine, jetzt Gaspreiskrise und Inflation, ein auseinanderfallendes Europa, darüber gelagert: die Klimakrise. Wir sind alle gerade überfordert. Die Antwort der Bundesregierung ist im Einzelnen oft adäquat, erinnert im Gesamten aber an das Spiel „Whac-a-Mole“: Das akute Problem wird scheinbar gelöst, erscheint aber alsbald in neuer Form woanders wieder. Das neueste Beispiel: das 200-Milliarden-Euro-Paket, um die Gaspreise unten zu halten. Das Paket wird eine akute Entlastung von Haushalten und Industrie bringen, aber gleichzeitig die Gasnachfrage weiter erhöhen und damit die Preise weiter ansteigen lassen. Die Gaspreiskrise ist eine Angebotskrise, und die lässt sich nicht wegsubventionieren. 

Aktuelle Gaspreise  und die vorgelagerte Klimakrise verlangen gleichzeitig nach zwei teils widersprüchlichen Zielen: Einen Schutz aller betroffenen Haushalte und einen Übergang  in eine resilientere Gesellschaft, zu neuen Energiesystemen und auch neuen Lebensmodellen. Die Bundesregierung muss hier aus ihrem Whac-a-Mole Aktivismus herauskommen und stattdessen den Aufbruch zu neuen Ufern einleiten. Dazu gehört allererst das Eingeständnis, dass die geopolitische Tektonik sich unter unseren Füßen rasch weiterbewegt, und dass sich das Klima über uns schneller verändert als gedacht. Wir können unseren Wohlstand nicht bewahren, wenn wir alles so lassen, wie es ist. Stattdessen brauchen wir den Mut und auch die Zuversicht, dass es uns auch anders gut gehen kann. Und das kann es! 

Henry Ford soll gesagt haben: „Wenn ich die Leute gefragt hätte, was sie wollen [als ich das Auto erfand], hätten sie gesagt ‚schnellere Pferde’.“ Genauso meinen jetzt die meisten: Wir wollen billiges Gas. In 20 Jahren werden wir vielleicht darüber lächeln, wenn wir in gut isolierten Häusern sitzen, die mit Wärmepumpe beheizt werden, mit einer Industrie, die ihre Wertschöpfung pro Materialeinsatz vervielfacht hat, etwa durch das Wiederverwenden alter Gebäude.

Transformationsanreize fehlen

Der entscheidende Wandel: Weg von einem exklusiven Fokus auf technische Probleme wie Material und Energieintensität und zu einem Fokus auf Menschen und Lebensqualität. Der letzte Sachstandsbericht des Weltklimarats zeigt, dass bessere Lebensqualität für alle auch bei weniger Energie möglich ist. 

Wie kann die Arbeit der Gaskommission hier bewertet werden? Großes Manko: Es gibt keine Anreize für technologisches Umrüsten: Weder das Sanieren der Häuser noch das Installieren von Wärmepumpen noch der Umbau der Industrie in fossilfreie Produktionsprozesse wird gefördert. Ohne die rasche Transformation wird unsere Gesellschaft aber verarmen, sich über Jahre hinweg durch die hohen Gaspreise ruinieren. Hier muss die Bundesregierung nachliefern. 

Auch bei der akuten Frage der sozial gerechten Ausgestaltung konnte die Gaskommission auf die Schnelle nicht liefern, denn es gibt ein zentrales Problem: Es gibt sowohl reiche als auch arme Haushalte, die viel wie auch wenig Gas verbrauchen (auch wenn im Großen und Ganzen reiche Haushalte weitaus mehr Gas verbrauchen). Damit ist es schwierig, Zielgenauigkeit bei der Entlastung zu erreichen. Die Idee der Gaskommission – 80 Prozent der bestehenden Gasnachfrage ab dem 1.3.2022 zu subventionieren – ist sozial sehr ungerecht. Villenbesitzer bekommen mehr Geld hinterhergeworfen als sozial bedürftige Haushalte wie etwa Alleinerziehende.

„Energiepauschale Plus“

Was sind die Alternativen? Ein diskutiertes Modell: Ein sozialer Grundsockel von 4000 Kilowattstunden pro Haushaltsmitglied. Diese Zahlen sind so niedrig, dass viele Haushalte bisher darüber liegen und einen Anreiz zum Energiesparen erhalten. Jede weitere Kilowattstunde würde den Preisen auf dem freien Markt entsprechen und entsprechend teuer werden. Im Ausgleich könnte der soziale Grundsockel sehr günstig sein und etwa den durchschnittlichen Preisen von 2021 entsprechen (etwa sieben Cent pro kWh). 

Eine noch bessere Alternative: eine Pro-Kopf Energiepauschale. Mit einer regelmäßigen „Energiepausschale Plus“ für niedrige Einkommen kann zusätzlich sozialer Ausgleich hergestellt werden, so eine Berechnung unserer Kollegen am MCC Berlin. Eine Pro-Kopf Energiepauschale für alle hätte den Vorteil, dass diese als „impartial“, also als gleiches Instrument für alle gesehen würde, damit noch höhere Akzeptanz hätte. In jedem Fall ist es notwendig, die gesetzlichen und administrativen Grundlagen zu schaffen, um solche zielgerechten Instrumente in 2023 auch anwenden zu können – wie auch von der Gaskommission gefordert. 

Am Ende fordert die Gaspreiskommission weitergehende Energiesparmaßnahmen, weist aber darauf hin, dass diese noch ausbuchstabiert werden müssen. Diese sollten aber vorangestellt werden: Energiesparen vermeidet Preisexplosionen, entlastet Haushalte und Industrie, und limitiert am Ende auch die vom Steuerzahler gezahlten Subventionen. Beim Energiesparen kann die Verhaltenspsychologie- und Ökonomie relevante Einsichten liefern. 

Zunächst wäre hier direktes Feedback durch Information, etwa die zeitnahe Übermittlung relevanter Information über den Gasverbrauch, zu nennen. Das wird durch neue Technologie vereinfacht (zum Beispiel Smart Meters, Thermostate und Wasser sparende Duschköpfe mit digitalem Feedback), kann aber auch auf analoge Art passieren, zum Beispiel durch eine Sanduhr beim Warmduschen. Information ist auch zentral bei der Kommunikation der Dezemberhilfe: Subventioniert wird pauschal der Abschlag, nicht der tatsächliche Gasverbrauch: Sparen lohnt sich in Bargeld für die Haushaltskasse!

Transparenz hilft

Deskriptive Normen erhöhen die Wirksamkeit von Information. Die Firma Opower, in den USA und anderen Ländern wie Italien, schickt seit 2007 monatlich Information an die Kunden von Strom und Wasser Versorgungsunternehmen in der Form von Rechnungen, die den Verbrauch des Kunden mit dem ähnlicher Haushalte in der Region vergleicht (sparsame Haushalte bekommen ein Smiley), und konkrete Tipps zum Strom- oder Wassersparen gibt. Studien zeigen, dass dieses Feedback im Durchschnitt um sieben Prozent Strom spart.

Kurzfristig könnten  spezifische Tipps zum Energiesparen auch auf anderen Wegen an deutsche Haushalte und Kommunen kommen, durch öffentliche Kampagnen, wie der des BMWK, oder durch ein Anschreiben an Haushalte, vielleicht verbunden mit anderen Mitteilungen. Berlin muss bald alle Haushalte wegen Neuwahl anschreiben und könnte Energiespartipps in denselben Umschlag stecken.  Ungewöhnliche und besonders erfolgreiche Initiativen, die Gas oder andere Energie sparen, sollten von traditionellen wie auch sozialen Medien gezeigt und gelobt werden. 

Es geht auch ganz pragmatisch. Bürgermeister von Ortschaften können Energiesparmaßnahmen in öffentlichen Gebäuden organisieren. Oder sogar über Preise wie das Spendieren eines Bierfasses für die Belegschaft, wenn mehr als 20 Prozent der Energie im Rathausgebäude eingespart wird.

Gleichzeitigkeit und Koordination

Verkehr und auch Ernährung können helfen, die Energiekrise abzufedern. Ein Tempolimit würde sofort nennenswert zur Reduktion von Treibhausgasemissionen führen, gleichzeitig Diesel als Ersatz für Gas in Kraftwerken bereitstellen. Da die industrielle Fleischproduktion den Großteil der landwirtschaftlichen Anbaufläche Europas für Tierfutter in Anspruch nimmt und für die Düngemittelproduktion viel Gas verbraucht, kann mehr pflanzenbasierte Ernährung auch viel Gas einsparen. 

Alle diese Maßnahmen wirken am besten, wenn sie gleichzeitig passieren und koordiniert werden. Eine Metastudie zeigt, dass die Kombination von Preissignalen mit Feedback, Information, und sozialem Vergleich besonders effektiv ist. 

Die folgenden Monate werden Menschen und Industrie viel abverlangen. Vieles wird sehr hart werden, vor allem für ärmere Haushalte, aber auch für die Gas intensive Industrie. Die fetten Wohlstandsjahre sind vorbei, egal mit wieviel Geld wir Energie subventionieren. Diese Zeit kann uns auch ins Bewusstsein rufen, dass energieeffizientes Wirtschaften neben dem raschen Ausbau der Erneuerbaren ein Grundpfeiler von Nachhaltigkeit und Klimaschutz ist. Auch mit neuen Materialien im Bau, intelligenter geteilter Mobilität im Pendelverkehr, und leckeren pflanzenbasierten Gerichten lässt sich volkswirtschaftliche Wertschöpfung betreiben. Damit geht einher: Mehr sportliche Betätigung, bessere Luftqualität und gesünderes Essen. Trotz kommender Mühsal können wir gleichzeitig auch wohlgemut ein besseres Leben ins Visier nehmen.

Felix Creutzig ist Gruppenleiter am Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change, Professor an der TU Berlin, sowie wissenschaftlicher Koordinator des Climate Change Centers. Elke Weber ist Einstein Foundation Fellow an der TU Berlin und Psychologieprofessorin an der Princeton Universität. Beide sind Leitautoren des 6. Sachstandberichts des Weltklimarats.

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