Energiewende-Monitoring : Energieeffizienz ist keine Wachstumsbremse – sondern ein Schlüssel zur Modernisierung
Das Bundeswirtschaftsministerium plant eine Neuausrichtung der Energiepolitik. Effizienz spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle, obwohl sie große Potentiale bietet, zum Senken der Energiekosten, Reduktion von Abhängigkeiten und zum Wirtschaftswachstum, schreiben die Ökonomen Eberhard Jochem und Peter Hennicke in ihrem Standpunkt.
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Der jüngste Monitoringbericht der Bundesregierung versäumt erneut, die ökonomischen Vorteile der Energieeffizienz in den „ganzheitlichen Ansatz“ des Monitorings einzubeziehen. Schon im Mai 2023 äußerte ifo-Präsident Clemens Fuest , die gemäß Energieeffizienzgesetz (EnEfG) beschlossene Reduktion des Endenergiebedarfs um 26,5 Prozent bis 2030 (gegenüber 2008) sei unmöglich ohne massive Wohlstandsverluste. Beides verdeutlicht, wie verengt die energiepolitische Debatte geführt wird. Tatsächlich sind die technischen Potenziale der Energieeffizienz sowie ökonomische Dynamiken über Ressourceneffizienz und intra- sowie intersektoralen Strukturwandel weit größer als oft wahrgenommen wird.
Effizienzziele sind Teil einer europäischen Wachstumsstrategie
Das EnEfG setzt die EU-Energieeffizienzrichtlinie (EED 2023) in deutsches Recht um. Das ist kein deutscher Sonderweg, sondern Teil der EU-Klimaschutzstrategie „Fit for 55“. Zwischen 2008 und 2023 sank der deutsche Endenergieverbrauch um etwa 11,5 Prozent (AGEB 2025) bei gut 21 Prozent realem Zuwachs der Bruttoproduktion des Produzierenden Gewerbes (Deutsche Bundesbank). Eine deutliche Entkopplung von Wachstum und Verbrauch. Weitere 15 Prozentpunkte Reduktion in nur fünf Jahren sind möglich und vorteilhaft, aber erfordern deutlich entschlossenere Maßnahmen vieler Akteure.
Energieeffizienz-Investitionen meist hoch rentabel, aber durch Hemmnisse gebremst
Die meisten Effizienzmaßnahmen haben hohe interne Renditen und positive Kapitalwerte – oft attraktiver als klassische Anlageformen. Eine Studie beziffert das wirtschaftliche Potential der Endenergieeinsparung in der Industrie auf 44 Prozent (Referenzjahr 2021; Meyer et al. 2023). Effizienz ist zudem kein Gegensatz zu Flexibilität, sondern ermöglicht zum Beispiel durch Lastmanagement das optimale Zusammenspiel mit erneuerbaren Energien. Je effizienter Energie und energieintensive Grundstoffe genutzt werden, desto leichter sind ambitionierte Ziele für eine kosten- und materialeffiziente Transformation mit zahlreichen Co-Benefits erreichbar.
Dass diese Potenziale teilweise ungenutzt bleiben, liegt an fehlendem Abbau bekannter Hemmnisse wie etwa.: geringe Kenntnis über betriebliche Energieflüsse und rentable Chancen aus Effizienz und Abwärmenutzung und unbewusst extrem hohe Renditeerwartungen durch Orientierung an kurzen Amortisationsdauern (bei zwei Dritteln der Unternehmen ist dies die Regel). Die im EnEfG verankerten Energiemanage-mentsysteme, die Norm zur Kapitalwertberechnung und das Abwärmekataster adressieren einen Teil dieser Hemmnisse. Gleichwohl können Berichtspflichten, beson-ders für KMU, verschlankt werden.
Untätigkeit kostet mehr Wohlstand als ambitionierte Effizienzpolitik
Deutschland importiert zwei Drittel seiner Energie, im Jahr 2024 für rund 80 Milliarden Euro. Diese Importabhängigkeit macht die Wirtschaft verwundbar gegenüber Preisschocks und geopolitischen Krisen. Hinzu kommen steigende Klimaadaptations- und -folgekosten. Bessere Nutzung von Energie reduziert diese Risiken, stärkt die Wettbewerbsfähigkeit und eröffnet neue Inlands- und Exportmärkte. Jede eingesparte Energieeinheit trägt zu zusätzlichen Arbeitsplätzen bei – breit gestreut über Regionen und Branchen. Die Bruttowertschöpfung der deutschen Effizienzbranchen wuchs seit 2010 mit knapp sechs Prozent pro Jahr weit überdurchschnittlich (UBA 2025) – und könnte sich etwa bei der Prozesswärme vervielfachen, was das EnEfG durch seine Regelungen stützt.
Effizienz senkt Systemkosten und entlastet den Staatshaushalt
Werden die Ziele des EnEfG erreicht, entlastet dies den Netzausbau und Speicher-bedarf und senkt den energierelevanten Rohstoffverbrauch. Wenig Effizienz und dafür höheres erneuerbares Energieangebot oder mehr Gas-Kraftwerke ist keine kosteneffiziente Klimaschutzpolitik. Ein Übermaß („Oversizing“) erneuerbarer Stromerzeugung verur-sacht unnötige Risiken der Importabhängigkeit bei kritischen Rohstoffen.
Diese Systemeffekte werden im Monitoringbericht Energie der Bundesregierung kaum berück-sichtigt. Hinzu kommen über 30 Milliarden Euro jährlich für Preisstützungen (Dezernat Zukunft 2025) – ein dauerhafter Griff in die öffentlichen Kassen, der nur Symptome lindert. Effizienzpolitik für Energie und Material adressiert die Ursachen und senkt langfristig die Belastungen für Staat, Wirtschaft und Haushalte.
Steigende Energieproduktivität macht die Industrie robuster
Durch die bisherige Entkopplung von Produktion und Energieverbrauch blieb die Industrie energiekostenseitig wettbewerbsfähig; sie bleibt es auch zukünftig, wenn diese Entkopplung beschleunigt wird. Durch politische Zielsetzung soll und kann der Energiebedarf nicht „eingeschränkt“ werden wie unterstellt wird. Das EnEfG soll viel-mehr der Industrie und allen Energienutzern die Vermeidung unnötigen Energieeinsatzes und -Kosten ermöglichen.
Effizienz schafft Märkte, Beschäftigung und Export-Chancen
Ambitionierte Effizienzpolitik senkt trotz hoher Energiepreise die Energiekosten. Sie eröffnet Märkte für Gebäudesanierung, Prozesswärme und effiziente Antriebe, stärkt die Exportposition deutscher Unternehmen und macht die Wirtschaft widerstands-fähiger gegenüber fragilen Lieferketten und kritischen Rohstoffen. Weltweit gibt es dafür Beschlüsse und Rückenwind: Die Klimaschutzkonferenz in Dubai (COP28) forderte eine Verdopplung der Effizienzsteigerung pro Jahr und die IEA sowie Net-Zero-Szenarien begründeten sowohl deren Notwendigkeit als auch Machbarkeit. Die deutsche Industrie kann hieran auf dem rasch wachsenden Weltmarkt für GreenTech profitieren.
Politischer Appell: Effizienzpolitik ist eine zentrale Modernisierungsstrategie zur Dekarbonisierung
Das EnEfG und die EED sind eine große Chance für eine kosteneffiziente Energiewende und für grüne Produkte für Industrie und Gewerbe – keineswegs ein Wachstumsdeckel. Diese Chancen benötigen wirksame und erweiterte Maßnahmen sowie eine effektivere nationale Koordinierung zur Überwindung der bekannten Hemmnisse; sonst drohen der Verlust an Wettbewerbsfähigkeit und Strafzahlungen an die EU wegen zu geringer CO2-Reduktion. Mit konsequenter Effizienzpolitik lassen sich Wachstums-, Klima- und Kostenreduktionsziele zugleich erreichen. Energieeffizienz in Industrie und Gewerbe, befördert durch das EnEfG, ist ein Grundstein einer modernen, resilienten und nachhaltigen Wirtschaft.
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