Energieversorgung der Zukunft : Erst die Vision, dann die Instrumente
Die deutsche Energiepolitik möchte das Zieldreieck der Bezahlbarkeit, der Versorgungssicherheit und des Schutzes unserer natürlichen Lebensgrundlagen neu kalibrieren. Zielkonflikte sind dabei unausweichlich, schreibt Jochen Andritzky von der „Zukunft-Fabrik.2050“. Ohne eine klare Vision für die Zukunft unserer Energieversorgung entsteht aus seiner Sicht keine langfristig tragfähige Politik.
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Langfristige Politik beginnt mit einem klaren Blick auf mögliche Zukünfte. Sie denkt in Zeiträumen von Generationen und muss daher mehrere mögliche Entwicklungspfade im Auge behalten. Sie formuliert langfristige Ziele und benennt Zielkonflikte offen. Dafür ist eine Vision für die Energieversorgung notwendig, aus der sich Ziele und Maßnahmen ableiten lassen.
Ohne diesen langfristigen Blick bleibt Energiepolitik ineffektiv. Kaum ein anderer Bereich ist so kapitalintensiv, so rechtlich durchdrungen und zugleich so systemisch für die gesamte Volkswirtschaft wie die Energieversorgung. Private Investoren handeln innerhalb eines staatlich gesetzten Rahmens, der über Jahrzehnte tragen muss. Resilienz entsteht nicht durch spontane Eingriffe, sondern durch einen langfristig konsistenten Ordnungsrahmen, der von einem stabilen Konsens getragen wird.
Welche langfristigen Visionen für die Energieversorgung unseres Landes sind also denkbar? Und was bedeuten sie jeweils für das Zieldreieck aus Bezahlbarkeit, Sicherheit und Klimaschutz? Es wäre bequem, den Eindruck zu erwecken, es gebe eine Lösung, die alle drei Ziele gleichzeitig und ohne Spannungen erfüllt. Ein solches Versprechen verkennt die Realität.
Im Folgenden werden daher drei mögliche Visionen skizziert. Sie machen sichtbar, welche Zielkonflikte jeweils in Kauf zu nehmen wären.
1. Die Vision der Erneuerbaren
In der Vision der Erneuerbaren bilden Wind und Sonne das Rückgrat der Stromerzeugung. Ihr Einsatz erfordert einen langfristigen und kapitalintensiven Umbau von Netzen, Speichern und Reservekapazitäten. Ziel ist ein weitgehend elektrifiziertes Energiesystem, das auf heimischen Ressourcen basiert und fossile Importe deutlich reduziert.
Um das regenerative Angebot mit der Nachfrage in Einklang zu bringen, wird die Stromnachfrage stärker flexibilisiert. Regionale Strompreiszonen bilden dabei unterschiedliche Netzsituationen ab, Smartmeter machen Knappheit und Überschüsse transparent.
Strom ist zunächst teurer, was den Strukturwandel beschleunigt. Für energieintensive Industrien – ob traditionelle Schwerindustrie oder moderne Datenzentren – ist Deutschland auf absehbare Zeit kein attraktiver Standort, woraus neue Abhängigkeiten von importierten Produkten entstehen. An die Stelle der energieintensiven Industrien treten dafür neue, wenig energieintensive Dienstleister oder Branchen, für die ein grüner Standort wichtig ist.
2. Die technologieoffene Industrienation
In der Vision der technologieoffenen Industrienation steht ein reichliches und verlässliches Energieangebot im Mittelpunkt. Deutschland setzt auf einen technologieoffenen Ausbau der Energieerzeugung mit dem erklärten Ziel, Strom in großer Menge und zu wettbewerbsfähigen Preisen bereitzustellen. Dem französischen Vorbild folgend gehört dazu Kernenergie.
Es entsteht ein Wirtschaftsstandort, der energieintensive Industrie ebenso wie neue digitale Infrastrukturen anzieht. er geringere Kostendruck entlastet Verbraucher, zugleich verlangsamt sich der Wandel hin zu Effizienztechnologien.
Resilienz ergibt sich in dieser Vision durch wirtschaftliche Stärke, Diversifikation und internationale Vernetzung. Um das zu ermöglichen, setzt sich Deutschland für eine Abschwächung von EU-Taxonomien und Vorgaben ein, die Waren- und Kapitalströme einschränken.
3. Die Vision der europäischen Energieunion
In dieser Vision versteht Deutschland die Energiepolitik als elementaren Bestandteil der europäischen Integration. Der Fokus liegt auf dem Ausbau grenzüberschreitender Netze, der Vereinheitlichung von Marktregeln und einer abgestimmten Erzeugungsstruktur innerhalb der Europäischen Union.
Die inländische Energieerzeugung wird durch Kernenergie aus Frankreich, Wasserkraft aus Skandinavien oder Kohlekraft aus Polen ergänzt. Ziel ist ein integriertes System, in dem regionale Stärken genutzt und Schwankungen über Grenzen hinweg ausgeglichen werden.
Diese Integration verlangt politischen Abstimmungswillen und langfristige Koordination. Deutschland würde eigene Akzente, etwa bei Förderregimen oder Preisbremsen, zugunsten europäischer Kohärenz zurückstellen. Dazu begreift diese Vision die EU als zentralen Anker deutscher Wirtschaftspolitik. Daneben wird der Binnenmarkt vertieft und die EU-Integration auch in anderen Bereichen vorangetrieben. Resilienz entsteht dabei durch Größe und Diversität innerhalb eines integrierten Europas.
Vision vor Instrument
Alle drei Visionen sind bewusst als gleichwertige Alternativen dargestellt, auch wenn sie die Ziele der Bezahlbarkeit, des Klimaschutzes und der Versorgungssicherheit aus verschiedenen Perspektiven und mit unterschiedlicher Priorität angehen. Die Visionen lassen sich dabei nicht beliebig kombinieren.
Dauerhaft niedrige Strompreise für eine energieintensive Industrie stehen im Spannungsverhältnis zu einer Knappheitslogik, die Effizienz über Preissignale herbeiführt. Eine konsequente europäische Harmonisierung begrenzt nationale Sonderwege. Und in allen drei Visionen ergeben sich Abhängigkeiten, sei es von Brennstoffen, von Importen energieintensiver Güter, oder von europäischen Partnern.
Diese Einsicht zwingt zur Ehrlichkeit. Welche Ziele priorisieren wir, welche Verwundbarkeiten akzeptieren wir? Erst wenn darüber ein Konsens entsteht, der über mehrere Legislaturperioden trägt, können konkrete Maßnahmen abgeleitet werden. Wer hingegen mit den Instrumenten beginnt, ohne die politische Einigung auf eine Vision erzielt zu haben, betreibt Energiepolitik im Reaktionsmodus. Für einen wohlhabenden Wirtschaftsstandort wie Deutschland ist das auf Dauer zu wenig.
Jochen Andritzky ist Mitgründer der Zukunft-Fabrik.2050. In seinem vor kurzem erschienenen Buch „Visionen braucht das Land“ skizzierte er Wege zu einer langfristigen Wirtschaftspolitik.
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