Transformation : Worauf es für eine effiziente Energiewende jetzt ankommt
Das anstehende Monitoring des Bundeswirtschaftsministeriums hat eine Debatte ausgelöst, wie viel Strom und Erneuerbare Energien Deutschland in Zukunft braucht. Warum eine hohe Stromnachfrage im Jahr 2030 realistisch und für die Transformation in Gebäuden, Verkehr und Industrie auch notwendig ist, erklären Philipp Godron und Mira Wenzel von der Denkfabrik Agora Energiewende.
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Das im Koalitionsvertrag angekündigte Monitoring der Energiewende durch das Bundeswirtschaftsministerium (BMWE) hat eine breite Debatte über die künftige Stromnachfrage und den dafür notwendigen Ausbau von Erneuerbaren Energien und Netzen ausgelöst. Wie hoch die Stromnachfrage 2030 ausfallen wird, hängt jedoch maßgeblich von politischen Rahmenbedingungen ab.
Die Bundesregierung sollte sich bei dieser Frage als Gestalterin sehen, nicht als Beobachterin. Denn eine ambitionierte Energiewende erfordert, dass Regierung und Parlament Elektrifizierung und den geplanten Erneuerbaren Ausbau konsequent vorantreiben. Auf dieser Basis ist eine hohe Stromnachfrage von rund 700 Terawattstunden im Jahr 2030 realistisch.
Die Transformation bringt eine hohe Stromnachfrage mit sich
Unsere Berechnungen zeigen: Im Vergleich zu einem weniger ambitionierten Szenario spart die Kombination aus dem im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) festgelegten Ausbau von Wind- und Solaranlagen und einem beschleunigten Hochlauf strombasierter Technologien allein im Jahr 2030 rund 36 Millionen Tonnen CO2 ein. Hierbei handelt es sich um strukturellen und dauerhaften Klimaschutz, der auch über 2030 hinauswirkt – und nicht um konjunkturell bedingte Einsparungen.
Ein strombasiertes Energiesystem macht Deutschland zudem resilienter. Es senkt die Abhängigkeit von teuren Energieimporten und schützt Unternehmen und Haushalte vor Preisschwankungen auf den globalen Gas- und Ölmärkten. So ließen sich die Ausgaben für fossile Importe im Jahr 2030 allein um rund sieben Milliarden Euro senken. Heute geben wir rund 80 Milliarden Euro pro Jahr für den Import von fossilen Brennstoffen aus.
Zugleich stärken Zukunftstechnologien wie Elektroautos, Wärmepumpen und strombasierte Industrieprozesse die Wettbewerbsfähigkeit und ebnen den Weg in eine klimaneutrale Volkswirtschaft. Wie zügig und entschlossen die Bundesregierung nun handelt, entscheidet darüber, ob die Transformation ökologisch und ökonomisch gelingt. Dazu haben wir vier strategische Hebel identifiziert:
Erstens: Elektrifizierung auf Kurs bringen
Seit Jahren verharrt der Stromanteil am Endenergieverbrauch bei rund 20 Prozent – weit unter dem EU-Durchschnitt und deutlich hinter Ländern wie Norwegen oder China. Damit die Elektrifizierung auf Basis Erneuerbarer Energien endlich Fahrt aufnimmt, muss die Nutzung strombasierter Fahrzeuge, Heizungen und Industriewärme kostengünstig und praktikabel sein. Dafür sind langfristig attraktive Strompreise entscheidend.
So können unseren Berechnungen nach die Großhandelsstrompreise allein durch den im aktuellen EEG geplanten Ausbau von Wind- und Solarenergie bis 2030 um bis zu 23 Prozent sinken. Um Unternehmen und Haushalte in der Übergangsphase zu unterstützen und eine gesamtgesellschaftliche Teilhabe an neuen Technologien zu ermöglichen, braucht es Anreize und gezieltere Förderinstrumente.
Beispielsweise, indem die Sanierungsförderung ausgeweitet und auf die ineffizientesten Gebäude fokussiert wird, und Unterstützungsmaßnahmen für den Heizungstausch sowie den Umstieg auf klimafreundliche Mobilität stärker sozial gestaffelt werden.
Zweitens: Flexibilität und Versorgungssicherheit stärken
Batteriespeicher, Elektroautos und Wärmepumpen bieten enorme Potenziale, um Nachfrage, Erzeugung und Netzkapazitäten besser aufeinander abzustimmen. Dynamische Stromtarife können diese Potenziale anreizen und in Kombination mit dynamischen Netzentgelten Kosten senken – aber nur mit Smart Metern.
Um den Kohleausstieg abzusichern, sollen neue Gaskraftwerke ausgeschrieben werden. Da sich der künftig benötigte Mix aus Batterien, Nachfrageflexibilitäten und Backup-Kraftwerken jedoch nur schwer am Schreibtisch bestimmen lässt, ist es wichtig, die geplanten Ausschreibungen auf maximal 10 GW zu begrenzen.
Zugleich gilt es, einen schnellen Übergang für einen technologieoffenen Kapazitätsmarkt zu schaffen, der den fairen Wettbewerb zwischen den verschiedenen Optionen ermöglicht. Darauf hat auch die Bundesnetzagentur in ihrem jüngsten Bericht zur Versorgungssicherheit hingewiesen.
Drittens: Stromnetzkosten minimieren
Für ein erneuerbares Energiesystem braucht es erhebliche Investitionen in den Aus- und Umbau der Stromnetze. Gleichzeitig bestehen hier auch Einsparpotentiale – etwa durch staatliche Eigenkapitalbeteiligungen, die bevorzugte Nutzung von Freileitungen und dynamische Netzentgelte.
Durch diese strukturellen Reformen ließe sich auch der Finanzierungsbedarf zur Absenkung der Übertragungsnetzentgelte aus dem Bundeshaushalt minimieren. Zugleich sinken die Kosten pro Kilowattstunde, wenn der Stromverbrauch steigt – ein Argument mehr, die Elektrifizierung konsequent zu forcieren.
Beim Netzausbau auf die Bremse zu drücken, wäre dagegen fatal: Schon heute hinkt der Übertragungsnetzausbau dem geplanten Ausbau um sieben Jahre hinterher, was Redispatchkosten in Milliardenhöhe zur Folge hat. Überdies warten Industriebetriebe oder Investoren für E-Ladeinfrastruktur teils Jahre auf einen Netzanschluss. Hier gilt es, das Tempo zu erhöhen, Prozesse zu digitalisieren und so für Transparenz und besseres Management zu nutzen.
Viertens: Erneuerbare Energien effizient ausbauen
Unabhängig vom genauen Tempo des Anstiegs der Stromnachfrage sollten wir am Strommengenpfad im EEG festhalten. So kann etwa der Ausbau von Wind- und Solarenergie effizienter gestaltet werden, indem marktliche Anreize (PPAs) und staatliche Absicherung (CfD) kombiniert werden.
Zugleich sollten wir die große Dynamik bei Onshore-Windkraft nutzen – schon heute sind über 30 Gigawatt an Projekten genehmigt und weitere 50 Gigawatt beantragt –, denn diese Anlagen liefern gerade im Winter günstigen Strom. Bei der Photovoltaik trägt eine stärkere Fokussierung auf kostengünstige Freiflächensolaranlagen und große Dächer zu einer effizienteren Energiewende bei.
Und Verschattungseffekte und Anschlusskosten bei Wind auf See können deutlich reduziert werden, wenn die „letzten“ 15 bis 20 Gigawatt in Kooperation mit unseren europäischen Nachbarländern umgesetzt werden.
Das Klimaschutzprogramm als Chance begreifen
Unsere Analyse zeigt einmal mehr: Die Energiewende ist kein Kostenfaktor, sondern eine Investition in Resilienz, Wettbewerbsfähigkeit und Klimaschutz. Ob Deutschland diese Chance nutzt, hängt von der Geschwindigkeit und Konsequenz ab, mit der die Bundesregierung nun handelt.
Das für Herbst angekündigte Klimaschutzprogramm bietet dafür eine einmalige Chance: Es muss den Weg für Zukunftstechnologien freimachen und den nachhaltigen Umstieg auf Erneuerbare Energien in Verkehr, Gebäuden und Industrie fördern, statt in kleinteiligen Abwägungen stecken zu bleiben.
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