Standpunkt Das Quartier – der Schlüssel zur Energiewende

Warum intelligente Energieversorgung am besten vor Ort gelöst wird, erläutert Christian Growitsch in seinem Standpunkt. Der Direktor für Technologiemarketing und Geschäftsmodelle der Fraunhofer-Gesellschaft stellt Synergieeffekte, Technologieoffenheit, Vernetzung und Digitalisierung in den Mittelpunkt einer Quartiers-Strategie.

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Zäsur oder Zeitenwende? Aktuell wissen wir noch nicht, wie wir die Coronapandemie und ihre gesellschaftlichen und ökonomischen Folgen vollends überwinden und bewerten werden. Sicher ist: Zwei Themen bleiben weiterhin relevant – die Auswirkungen des Klimawandels und die Frage der Bezahlbarkeit eines adäquaten Umfelds zum Leben und Arbeiten in unseren Städten. Beide Herausforderungen können wir nur bewältigen, wenn wir sie miteinander verflochten denken: Ohne erfolgreiche Klimapolitik keine lebenswerte Stadt – ohne intelligente und nachhaltige Stadtentwicklung kein wirksamer Klimaschutz. Fangen wir daher dort an, wo Energiewende, Wohnraum und Digitalisierung zusammenfinden – im eigenen Stadtviertel, direkt im Quartier.

Warum das Quartier entscheidend ist und einen großen Hebel hat

Nach aktuellen Zahlen des Umweltbundesamts entfallen 25 Prozent des Verbrauchs von Strom und Wärme auf private Haushalte. Wo Menschen leben, konsumieren und arbeiten, können und müssen CO2-Emissionen nachhaltig gesenkt werden. Die Lösung dieses Problems auf Quartiersebene ermöglicht gegenüber dem Einzelgebäude wertvolle Synergieeffekte: beispielsweise bei der Versorgung durch Wärmenetze, der seriellen energetischen Sanierung und der lokalen Erzeugung erneuerbarer Energien. Im Quartier müssen dazu bisherige Insellösungen sinnvoll verknüpft und neue Konzepte für das Zusammenwirken einer Vielzahl von Akteuren (Bewohner, Gewerbe, Verwaltung) entwickelt und erprobt werden.

Der Schlüssel für eine erfolgreiche CO2-Minderung im Quartier liegt neben der Vernetzung der Akteure in der gemeinsamen Optimierung der energieverbrauchenden Sektoren Strom, Wärme und Mobilität. Hier ermöglicht die Digitalisierung eine intelligente Sektorenkopplung sowie eine vorausschauende Steuerung des Energieeinsatzes im Quartier. Deshalb ist es hierbei wichtig, konsequent lokal und digital zu denken. Dafür brauchen wir drei wichtige Instrumente.

Warum wir neue Rahmenbedingungen und bessere Vernetzung benötigen

Trotz der Synergieeffekte und Potenziale, die das Quartier bietet, wird dieser Ansatz noch nicht konsequent unterstützt – weder rechtlich noch förderpolitisch. Politische Maßnahmen zur Verminderung der Treibhausgasemissionen von Gebäuden adressieren bislang größtenteils Einzelgebäude. Eine Einbindung der Quartiere als ganzheitliche Aktionsbasis in das rechtliche Rahmenwerk ist deshalb nötig und überfällig.

Um die Energiewende zum Erfolg zu führen, brauchen wir dabei einen technologieoffenen Ansatz und geförderte Reallabore im Bestand. In Pilotprojekten müssen wir vollintegrierte, selbstlernende, automatisierte Konzepte erproben, die auf digitalen Technologien beruhen.

Voraussetzung dafür ist die Vernetzung der verschiedenen Akteure aus den jeweiligen Feldern. Beispielhaft für eine solche Vernetzung ist der Open District Hub e.V. (ODH) – hier haben sich über 35 Unternehmen und Institutionen aus Immobilien- und Energiewirtschaft sowie Forschung und Entwicklung zusammengeschlossen. So wie das Quartier ein Abbild der Gesellschaft ist, schafft der Verein eine unabhängige Plattform, bringt die verschiedenen Akteure im Quartier zusammen und denkt Leben und Wertschöpfung in den Quartieren ganzheitlich

Schon jetzt können wir beispielsweise unter Einsatz von Künstlicher Intelligenz grünen Strom mit jenen Sektoren koppeln, die aktuell noch durch fossile Energieträger gekennzeichnet sind: Wärme und Mobilität. Vernetzung und Digitalisierung schaffen dabei zukunftssichere und klimaverträgliche Lösungen auf lokaler Ebene, von denen wir alle profitieren werden.

PD Dr. Christian Growitsch ist seit Anfang 2020 Direktor für Technologiemarketing und Geschäftsmodelle der Fraunhofer-Gesellschaft. Der habilitierte Ökonom war zuvor Leiter des Center für Ökonomik der Werkstoffe (CEM) der Fraunhofer-Gesellschaft und lehrt Volkswirtschaftslehre an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

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