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Energie & Klima

Standpunkt

Der Koalitionsvertrag gibt ein starkes Signal für die Wärmewende

Martin Sabel, Geschäftsführer, Bundesverband Wärmepumpe
Martin Sabel, Geschäftsführer, Bundesverband Wärmepumpe Foto: BWP

Die Geschäftsführer der drei Erneuerbare-Wärme-Verbände BSW, BWP und DEPV sehen im Ampel- Koalitionsvertrag eine Einigung auf einen überzeugenden klimapolitischen Aufbruch. Carsten Körnig, Martin Sabel und Martin Bentele sehen dennoch viel Arbeit auf die neue Bundesregierung zukommen. BEG, GEG, Sofortprogramm und CO2-Preis – an vielen Stellen müsse nachgebessert oder müssten Lücken geschlossen werden, um die Wärmewende zu schaffen.

von Martin Sabel

veröffentlicht am 10.12.2021

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Die künftige Regierung will die Lücke zu den Klimazielen im Gebäudesektor schließen. Sie scheint erkannt zu haben, dass es einiger deutlicher Kursänderungen bedarf, damit erneuerbare Wärmetechnologien endlich zum Standard werden. Dass noch immer mehr als zwei Drittel aller neuen Heizungen in Deutschland fossil befeuert werden, muss sich dringend ändern. Die Zielsetzung einer 50-prozentigen Klimaneutralität des Wärmesektors bis zum Jahr 2030 ist zwar aus heutiger Sicht ambitioniert, aber eigentlich längst überfällig

Die Ankündigungen einer Verschärfung des Gebäudeenergiegesetzes (GEG) zielen in die richtige Richtung. Jahrelang haben sich die Verbände der erneuerbaren Wärme für strengere Standards beim Neubau und auch für Erneuerbaren-Mindeststandards beim Heizungstausch ausgesprochen. Nun soll die Neubau-Effizienz auf den KfW-40-Standard hochgesetzt werden.

Und ab 2025 müssen alle neuen Heizungen mindestens 65 Prozent erneuerbare Energien nutzen. Damit besteht endlich Planungssicherheit für Industrie und Handwerk – eine zentrale Voraussetzung, um die anstehenden Herausforderungen anzugehen. Denn im jahrzehntelang vernachlässigten Gebäudebestand dürfte die damit verbundene Umstellung eine Herkulesaufgabe werden.

Neue Geschäftsmodelle und Attraktivität für Fachkräfte

Für den Wärmemarkt gibt der Koalitionsvertrag das Signal zum Aufbruch: Von der Heizungsindustrie, über das Handwerk, Energieberater und Planungsbüros bis hin zu den Gebäudeeigentümern müssen sich alle Marktakteure auf erneuerbare Heizungssysteme einstellen. Die damit verbundenen Chancen für den Klimaschutz, aber auch für die heimische Wertschöpfung sind enorm. Die Wärmewende bietet Chancen für den Mittelstand, für zukunftssichere Arbeitsplätze sowie für den Einsatz digitaler Innovationen und die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle.

Damit dürfte nicht zuletzt eine Attraktivitätssteigerung des Handwerks für die dringend benötigten Nachwuchskräfte verbunden sein. Die technischen Voraussetzungen sind längst gegeben. Ob Solarenergie, Holzpellets oder Wärmepumpen, wahlweise als Einzelheizung oder über Wärmenetze: Die erneuerbare Wärme ist bereits in allen Segmenten des Gebäudesektors etabliert und hat sich in ihren vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten bewährt.

Allerdings: was ordnungsrechtlich zur Vorgabe wird, muss auch in dieser Breite wirtschaftlich sinnvoll sein. Das wiederum macht sich vor allem an den Aussagen des Koalitionsvertrags zu Energiepreisen und Förderprogrammen fest. Der Einsatz von Wärmepumpen dürfte vom Wegfall der EEG-Umlage erheblich profitieren. Für den Einsatz von Solarwärme fehlen jedoch vergleichbare Anreize.

Ein gravierendes Manko des Koalitionsvertrages ist der mangelnde Mut der Koalitionäre, die überfällige Kurskorrektur beim CO2-Preis vorzunehmen. Dabei geht es weniger um die absolute Höhe, als vielmehr um klare und verlässliche Zeichen an die Verbraucher*innen, dass Erdgas und Heizöl immer teurer werden. Angesichts der niedrigen Erhöhungsschritte bis 2026, die absehbar zu Zielverfehlungen führen, steht vielen Verbraucher*innen ab dem Jahr 2027 eine böse Überraschung bevor.

Bei der Fortführung der Bundesförderung effiziente Gebäude (BEG) wäre ein klares Bekenntnis zu einer auskömmlichen Finanzierung wichtig gewesen. Denn die neue Bundesregierung wird den Widerspruch zwischen Fördern und Fordern auflösen müssen. Da die CO2-Preise zu langsam steigen, ist es umso wichtiger, dass die Vorgaben für den Heizungstausch mit Fördermitteln flankiert werden. Diese müssen auch im Falle knapper werdender Haushaltsmittel unterbrechungsfrei fließen. Ein unterjähriger Förderstopp, wie es ihn in der Vergangenheit schon gab, wäre ein schwerer Schlag für eine ambitionierte Klimaschutzpolitik.

So bleibt für die neue Regierungskoalition noch einiges mehr zu tun, als nur Vertragspunkte abzuarbeiten: Die sich vergrößernde Klimaschutzlücke im Gebäudebereich verkraftet keine Verzögerungen. Die Technologieentwicklung kann einen Beitrag leisten, das Handwerk wird sich ebenfalls nach und nach von fossil zu erneuerbar umstellen können.

Zugleich wollen aber auch Verbraucher und Gebäudeeigentümer mitgenommen werden. Dazu wäre es unter anderem sehr wichtig, dass die Koalition dafür sorgt, dass jeder Gebäudeeigentümer für energetische Einzelmaßnahmen an seinem Gebäude einen Förderkredit bekommen kann, damit nicht nur Gebäudeeigentümer mit Ersparnissen in erneuerbare Wärme und Energieeinsparmaßnahmen investieren. Das Hausbankprinzip bei der KfW steht dem häufig entgegen.

Zentraler Dreh- und Angelpunkt für diese nächsten Schritte ist jedoch das angekündigte Klimaschutz-Sofortprogramm. Um nur zwei wichtige Maßnahmen in diesem Zusammenhang zu benennen: Die Baupraxis benötigt im Anschluss an die zum 1. Februar 2022 wegfallende Förderung für den Effizienzhausstandard 55 kurzfristig eine Anhebung des gesetzlichen Mindeststandards. Zudem muss die lange angekündigte Bundesförderung für effiziente Wärmenetze schnell vom Stapel laufen, um die Energiewende endlich auch in der Fernwärme einzuläuten.

Die Autoren Carsten Körnig, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Solarwirtschaft e. V., Martin Bentele, Geschäftsführer des Deutschen Energieholz- und Pellet-Verbands e. V. sowie Dr. Martin Sabel, Geschäftsführer des Bundesverbands Wärmepumpe e. V. gründeten in diesem Jahr das „Forum Grüne Wärme“, um sich verstärkt für das dezentrale Heizen mit erneuerbaren Energien einzusetzen. 

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