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Energie & Klima

Standpunkt

Eine grüne Zukunft für alte Industriestandorte

Oliver Ziegler, Institut für Innovation und Technik (iit)
Oliver Ziegler, Institut für Innovation und Technik (iit) Foto: VDI/VDE-IT

Für brachliegende Industrieanlagen gab es lange Zeit lediglich die Aussicht, als Industriedenkmal, Konsumtempel oder Kulturstätte wiederaufzuerstehen. Vor dem Hintergrund multipler Krisen bietet eine bedachte Revitalisierung von Industriestandorten in strukturschwachen Regionen die Möglichkeit, einen ökologischen Wandel einzuleiten und Zukunftsperspektiven zu eröffnen.

von Oliver Ziegler

veröffentlicht am 07.09.2022

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Anfang 2018 sorgte der bekannte Wirtschaftsgeograph Andrés Rodríguez-Pose mit seinem Aufsatz „The revenge of the places that don’t matter (and what to do about it)“ für Aufsehen. Unter dem Eindruck des verlorenen Brexit-Referendums 2016 sowie der gewonnen US Präsidentschaftswahl Donald Trumps zeichnete er das Entstehen einer „Geografie der Unzufriedenheit“ in strukturschwachen Regionen nach. Schlechte Entwicklungsperspektiven und die zunehmende Überzeugung einer „hoffnungslosen Zukunft“ haben den Populismus in diesen „unbedeutenden Orten“ (in den USA gerne auch abschätzig als „flyover country“ bezeichnet) stark befeuert.

Um dem Trend einer erodierenden Demokratie entgegenzuwirken, verdeutlichte der Professor der London School of Economics (LSE) die Notwendigkeit ortsbezogener politscher Interventionen, um ungenutzte Potenziale zu nutzen und den Menschen vor Ort eine Perspektive respektive Hoffnung zu verschaffen.

Mitte September kommt in Wien eine Gruppe führender Wirtschaftsgeographen aus Europa mit Repräsentanten diverser europäischer Regionen sowie Vertretern der Europäischen Kommission zu einer Konferenz zusammen, um konkrete Vorschläge für kluge politische Interventionen in strukturschwachen Regionen – unter Einbeziehung sozio-ökologischer Kriterien – zu diskutieren. Im Zentrum der Diskussionen stehen die positiven Effekte einer Wiederbelebung brachliegender Industrieanlagen. Zentrale These der Konferenz ist es, dass die Revitalisierung alter Industriestandorte das Potenzial birgt, eine transformative Resilienz in benachteiligten Regionen aufzubauen. Diese Standorte könnten als Innovationsanker dienen und Chancen für die gesamte Region freisetzen, ihre Fähigkeit zur Entwicklung innovativer Lösungen für ortsspezifische ökologische, soziale und wirtschaftliche Herausforderungen zu stärken.

Grüne Transformation und Klimaschutz

Was banal klingt, könnte ein großes Potenzial entfalten, sowohl mit Blick auf ökonomisch-technologische als auch gesellschaftlich-ökologische Lösungen. Die Konferenzteilnehmenden in Wien eint der Ansatz, neben einer Verankerung nachhaltiger/grüner Aspekte in regionale Transformationsstrategien, alle relevanten lokalen Akteure, private Investoren und öffentliche Förderer und Entscheidungsträger in die Debatte miteinzubeziehen. Dadurch sollen vorhandenes Wissen, lokale Ressourcen und bestehende Kapazitäten bestmöglich genutzt werden.

Mit Blick auf die Ziele des EU Green Deals steht bei dem Ansatz insbesondere eine Ökologisierung bestehender Industrien beziehungsweise ein Aufschwung neuer grüner Industrien im Vordergrund. So wurden postindustrielle Standorte in der Vergangenheit oft in Einkaufszentren, Kulturstätten oder Museen umgewandelt. Alternativ könnten diese Anlagen für die Bündelung neuer Technologien und Fachwissen beziehungsweise unternehmensübergreifende Kollaborationen etwa im Bereich grüner und anderer neuer Energieformen genutzt werden, zum Beispiel Biomassevergasung, Power-to-Gas und (Bio)LNG. Stillgelegte Industriestandorte bieten die Chance, Demonstrationsanlagen oder offene Innovationsökosysteme (LivingLabs) für Wasserstoff- und Brennstoffzellensysteme zu integrieren.

Auch mit Blick auf die Aspekte Energieverbrauch und CO2 Emissionen gewinnt das Thema Revitalisierung rasch an Fahrt. So entfielen im Jahr 2020 36 Prozent des weltweiten Endenergieverbrauchs und 37 Prozent der energiebedingten CO2-Emissionen auf den Bausektor, wie die UN in ihrem aktuellen „Global Status Report for Building and Construction“ vorrechnet. Mit Blick auf die enormen Einsparpotentiale haben Investoren die Bedeutung einer Neunutzung bestehender Industriebrachen längst erkannt.

In strukturschwachen Regionen können revitalisierte Industriestandorte die Rolle von inklusiven Hubs spielen, in denen ein breites Spektrum von (über)regionalen Akteuren aus Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft ihr Wissen bündeln und durch Kollaboration und Vernetzung Innovationen forcieren, welchen den grünen (und digitalen) Wandel vorantreiben. Darüber hinaus können erfolgreich wiederbelebte Standorte den Zuzug neuer Talente fördern.

Im Idealfall trägt die kluge Umnutzung des Raumes zur Ansiedlung junger Unternehmer und Startups bei. In Anlehnung an die Theorie der „Kreativen Klasse“ des US-Ökonomen Richard Florida sollen durch die Ansiedlung von Talenten und Technologien nicht nur (grüne) Perspektiven in diesen „places that don’t matter“ geschaffen, sondern auch Offenheit und Vielfalt gefördert werden.

Testballon Donauraum

In einem ersten Test wollen die Konferenzteilnehmenden in Wien strategische Businesspläne für 21 stillgelegte Industrieanlagen in zehn Donau-Anrainerstaaten entwickeln. Diese Staaten teilen eine stolze und jahrhundertealte Geschichte industrieller Produktion, doch politische Umwälzungen, Globalisierung und technologischer Fortschritt haben viele Donauregionen mit den Herausforderungen des Strukturwandels konfrontiert und die Schließung zahlreicher Industrieanlagen und -standorte ausgelöst.

In vielen Regionen hatten die Werksschließungen und die damit verbundene Freistellung von Arbeitern schwerwiegende sozio-ökonomische Auswirkungen auf die lokalen Gemeinden. Klimawandel, der Krieg in der benachbarten Ukraine und die Corona-Krise habe diese Herausforderungen weiter verstärkt. Im Rahmen des Horizon Europe Projekts RIS4Danu wird ein Projektkonsortium unter Führung der VDI/VDE Innovation + Technik GmbH zahlreiche Strategieworkshops in diesen Gemeinden und Regionen durchführen, um ungenutzte Potenziale rund um die brachliegenden Industriestandorte aufzuzeigen und die Grundlage für deren Wiederbelebung zu schaffen (weitere Projektpartner sind die Uni Wien, Niederösterreichs Wirtschaftsagentur ecoplus, das slowenische Beratungsunternehmen Anteja sowie die Schweitzer BAKS3 Association).

Inspiration aus Deutschland

Inspiration für eine mögliche Umwandlung brachliegender Anlagen bietet unter anderem ein Projektpartner aus der Donauregion Baden-Württemberg. Auf dem Gelände des ehemaligen Schlachthofs in Villingen-Schwenningen plant der neue private Eigentümer, die Jakob Haller GmbH & Co. KG, den Aufbau eines Innovationsquartiers. Neben einem Ausbildungs-Campus, Co-Working und Makers-Spaces soll in Kooperation mit dem Kompetenznetzwerk H2 Regio SBH+ e.V. auf dem Areal ein Wasserstoff-Reallabor zur Testung von Wasserstoffanwendungen installiert werden.

Ein Puzzleteil

Vor dem Hintergrund zentraler Krisen, wie der Klimakrise und dem wachsenden Populismus, kann die Wiederbelebung von Industriestandorten in strukturschwachen Regionen ein Puzzleteil zur Lösung multipler Probleme darstellen, indem sie den Menschen vor Ort Perspektiven und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft gibt und einen ökologischen Wandel mit einleitet. Dazu ist ein konzertiertes Vorgehen auf lokaler Ebene unter Einbeziehung aller relevanten Akteure notwendig.

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