Energie & Klima

Standpunkt

Erneuerbare sind im Markt angekommen – worauf es jetzt ankommt

Peter-Reitz
Peter Reitz, Vorstandsvorsitzender der European Energy Exchange Foto: EEX Group

Der bisherige Ansatz zum Erreichen der Erneuerbaren-Ziele ist aus Sicht von Peter Reitz obsolet. Der Chef der Energiebörse EEX plädiert für einen neuen, integrierten Ansatz, in dem das Verhältnis zwischen gefördertem und marktbasiertem Ausbau neu austariert wird.

von Peter Reitz

veröffentlicht am 24.09.2021

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Es ist jetzt ein Jahr her, dass über die Perspektive der ersten ausgeförderten EEG-Altanlagen diskutiert wurde. Im ersten Eindruck der Coronapandemie bestanden Zweifel, ob sich der Weiterbetrieb vor allem der Ü20-Windanlagen ohne Förderung im Markt finanzieren würde lassen. Die Bedenken haben sich nicht bewahrheitet. Die ausgeförderten Windanlagen sind jetzt größtenteils in der sonstigen Direktvermarktung, häufig mittels PPA und dem Know-how von Direktvermarktern. Der aktuelle Monitoringbericht zur Direktvermarktung aus dem August stellt fest, dass die sonstige Direktvermarktung erstmals spürbar an Relevanz gewinnt.

Das aktuelle Marktumfeld gibt der nachhaltigen Transformation einen Schub. Der Emissionshandel beschleunigt den Kohleausstieg und durch steigende Strompreise auch die Wirtschaftlichkeit vieler Erneuerbaren-Anlagen, die somit keiner Marktprämie mehr bedürfen. Die jüngsten Ausschreibungsergebnisse für Wind auf See mit erfolgreichen Null-Cent-Geboten für alle Flächen bestätigen das. Klar ist auch, dass die Transformation und damit die klimapolitische Zielerreichung einen stärkeren und schnelleren Ausbau der erneuerbaren Energien erfordern. 

Angesichts gesunkener Technologiekosten erneuerbarer Energien sowie der nötigen zusätzlichen Mengen erneuerbarer Stromerzeugung spielt die marktbasierte Finanzierung eine zunehmende Rolle. Dabei trifft die Suche der Erneuerbaren-Erzeuger nach einer geeigneten Finanzierung auf die steigende Nachfrage nach „grünem“ Strom für die Industrie oder „grünen“ Anlageopportunitäten für Investoren. Private Initiative und privates Kapital werden zum Treiber des Erneuerbaren-Ausbaus. In diesem Kontext werden Strombezugsverträge für die Finanzierung von Erneuerbaren-Projekten – allseits bekannt als PPA – eine wichtige Rolle einnehmen. 

Integrierte Sicht auf Erneuerbaren-Ausbau 

Es geht nicht um die einseitige Frage, ob Förderung oder Markt. Die Realität ist vielschichtiger. Es braucht eine integrierte Sicht aus beidem. Wichtig ist, was die Erneuerbaren brauchen, welche Instrumente es gibt und wie man sie bestmöglich einsetzt. Entscheidend ist das Verhältnis zwischen klassischem Förderinstrument EEG, dessen Weiterentwicklung zu einem Innovationsinstrument und marktbasierten Instrumenten wie PPA. 

Noch wichtiger ist aber etwas anderes: Egal ob Förderung oder Markt – zurzeit erreicht Deutschland seine Ausbauziele nicht; Ausschreibungen sind zum Teil unterzeichnet. Und das liegt weder an der Höhe der Förderung noch an der Funktionsfähigkeit des Marktes, sondern an den Rahmenbedingungen. Die Ursachen sind bekannt – fehlende Flächen und ausstehende Genehmigungen

Bisher war der Ansatz, die Zielerreichung bei den erneuerbaren Energien in Ausschreibungsmengen innerhalb des EEG zu übersetzen. Das wird aber einem integrierten Ansatz nicht gerecht. Ein neuer, systematischerer Ansatz kann so aussehen, dass als Erstes die für die Zielerreichung nötigen Gesamtausbaumengen erneuerbarer Energien ermittelt werden. Diese Ausbaumengen dienen der Kenntnis darüber, welche Flächen und Genehmigungen erforderlich sind. Erst in einem zweiten Schritt sollte ermittelt werden, welche dieser Gesamtausbaumengen einer Förderung bedürfen und welche Mengen ohne Förderung marktbasiert zum Beispiel über PPA realisiert werden können. Die EEX hat dazu einen ersten Vorschlag für einen systematischen Ansatz, eine Formel, gemacht, um die noch nötigen Ausschreibungsmengen im Förderregime zu ermitteln.

Förderfreier Zubau über PPA, Risikoabsicherung über den Strommarkt

Wie eingangs beschrieben, erfüllen PPA gleichermaßen die Bedürfnisse der Erzeuger nach geeigneter Finanzierung und der Nachfrager nach grünem Strom. Für den Bedarf an erneuerbaren Energien braucht es Investitionen und Kapital. Und dafür braucht es wiederum Märkte wie den Strommarkt mit seinem Preissignal, Absicherungsmöglichkeiten sowie Wettbewerb und Innovationskraft. 

Natürlich bedeutet Markt, und das gilt auch für PPA, Chancen und Risiken. Für beides gibt es Instrumente, um bestmöglich damit umzugehen. Zunächst ist es wichtig, zu verstehen, welche Risiken bei Erneuerbaren-PPA bestehen. Dann ist es möglich, zu beurteilen, wie und mit wessen Hilfe die unterschiedlichen Risiken abgesichert werden können.

Die Risiken lassen sich grob unterteilen in Marktrisiken, Ausfallrisiken und Wetterrisiken. Zu Marktrisiken gehören zum Beispiel das Preisänderungsrisiko am Strommarkt oder Profilrisiken aufgrund der volatilen Einspeisung der Erneuerbaren. Ausfallrisiken bestehen aufgrund der langen Laufzeit von PPA, weshalb es keine Garantie gibt, dass die Vertragsparteien über die Laufzeit liefern beziehungsweise zahlen. Und Wetterrisiken bestehen insbesondere aufgrund der Abhängigkeit von Windintensität und Sonneneinstrahlung

Diese Risiken lassen sich besichern. Während sich für Wetterrisiken Instrumente zum Beispiel bei Versicherern etabliert haben, bietet der Strommarkt etablierte Instrumente für den Umgang mit Markt- und Ausfallrisiken. Während sich Profilrisiken über die kurzfristigen Märkte abdecken lassen, spielt für das Preisänderungsrisiko und das Ausfallrisiko die Absicherung über den Handel und das Clearing am langfristigen Terminmarkt der Börse die entscheidende Rolle. So können Preisänderungsrisiken aus PPA-Verträgen mit standardisierten und finanziell abgerechneten Stromfutures an der EEX bislang bis zu sechs Jahre im Voraus abgesichert werden. Gleichzeitig reduziert die Abwicklung über das Clearinghaus der Börse das Ausfallrisiko vollständig, so dass alle Positionen auch bei einem Ausfall einer der Vertragsparteien erfüllt werden. 

PPA-Vorreiter Spanien macht es vor

Dass dies genutzt wird, haben wir in den letzten zweieinhalb Jahren im spanischen Strommarkt, dem Vorreitermarkt für PPA, gesehen. Auch in Italien und zuletzt in Deutschland sind zunehmend langfristige Absicherungsgeschäfte für sechs Jahre über die Börse getätigt worden. 

Die EEX wird dazu ab der kommenden Woche die Handelbarkeit für deutsche, italienische und spanische Stromfutures von derzeit sechs auf zehn Jahre verlängern. Das erlaubt eine noch längerfristige PPA-Absicherung über den Markt und gibt den Erzeugern, Abnehmern und Investoren die nötige Sicherheit für zusätzliche förderfreie Investitionen in erneuerbare Energien.

Ich denke, es ist an der Zeit, die Stärken von Märkten mit ihren Preissignalen und Handelsinstrumenten stärker für den Ausbau der erneuerbaren Energien zu nutzen. Vor allem der Strommarkt im Zusammenspiel mit dem Emissionshandel sorgt dafür, dass nachhaltige Ressourcen bestmöglich allokiert werden, so dass dort investiert wird, wo es ökologisch und ökonomisch am sinnvollsten ist. So lassen sich wirtschaftliches Handeln und ökologische Verantwortung zusammenführen.

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