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Energie & Klima

Standpunkt

Europäische Wasserstoff-Union und Klima-TTIP als Antwort auf US-Investitionen

Friedbert Pflüger, Aufsichtsratsvorsitzender Zukunft Gas
Friedbert Pflüger, Aufsichtsratsvorsitzender Zukunft Gas

Die USA investieren massiv in saubere Energien. Höchste Zeit, in Deutschland und Europa eine Antwort zu finden, meint Friedbert Pflüger von Zukunft Gas in seinem Standpunkt. Er schlägt unter anderem vor, die Bremsen beim europäischen Ausbau der Wasserstoff-Infrastruktur endlich zu lösen.

von Friedbert Pflüger

veröffentlicht am 14.11.2022

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Neben der Gaskrise rollt eine zweite Herausforderung auf Europa zu: der Inflation Reduction Act (IRA), den US-Präsident Joe Biden am 12. September unterzeichnet hat. Dabei handelt es sich um ein gigantisches Subventionsprogramm für saubere Energien, das Investitionen aus aller Welt in Richtung USA lenken soll und den konzeptionellen klimapolitischen Vorsprung Europas auszuhebeln droht. Deutschland und die EU müssen darauf schnell eine wirksame Antwort finden.

Der IRA ermöglicht zehn Jahre Steuererleichterungen im Bereich klimaneutraler Technologien. Durch „tax credits“, die ihre Wirksamkeit bereits bei der Förderung von Windkraftanlagen oder Schiefergas unter Beweis gestellt haben, könnte der Wasserstoffpreis in manchen Teilen der USA schon bald auf 0,39 Dollar pro Kilogramm sinken, umgerechnet knapp über ein Cent pro Kilowattstunde. Der Vergleich mit der deutschen Erdgas-Preisbremse, die den Preis für die Industrie auf sieben Cent deckeln soll, veranschaulicht die zusätzliche Gefahr für die Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie, die das Ende der günstigen Energie durch russisches Erdgas noch nicht annähernd verdaut hat.

Industrieplayer im Wasserstoff-Bereich wie Air Products, Linde, Mitsubishi, der britische Technologiekonzern Johnson Matthey, das chilenisch-amerikanische efuel-Unternehmen HIF oder das Grün-Gas-Unternehmen Tree Energy Solutions (TES) prüfen bereits Investitionen in den USA aufgrund des IRA oder haben schon entsprechende Entscheidungen getroffen. Das alte Muster aus der Energie- und Digitalwirtschaft droht sich zu wiederholen: Technologien, die in der „alten Welt“ hervorgebracht wurden, werden in der „neuen Welt“ schneller und entschiedener umgesetzt.

Während man bei uns seit Jahren den Wasserstoff-Hochlauf fordert, ihn aber durch staatliches Mikromanagement und  überzogene Anforderungen bremst – zum Beispiel dadurch, dass bei uns nur „grüner“ (also aus erneuerbaren Energien hergestellter) Wasserstoff förderungsfähig sein darf, setzen die USA – wie zum Beispiel auch Australien und Japan – auf „sauberen“, das heißt klimaneutral hergestellten Wasserstoff, gleich ob er aus Erdgas, Biomasse oder Nuklearenergie gewonnen wird.

Die bei solchen Prozessen zur Klimaneutralität notwendige Abscheidung und Nutzung von Kohlendioxid (CCUS) wird ebenfalls durch den IRA subventioniert. Auch schreibt niemand in den USA vor, ob Wasserstoff nur der „Champagner der Energiewende“ in einer ansonsten „all electric“-Welt sein darf, oder ob er breite Anwendung auch im Heizungsmarkt oder der Mobilität finden soll.

Bei uns in Europa verbietet man den Verbrennermotor, ignoriert dabei aber, dass nicht der Motor, sondern der (fossile) Kraftstoff der Klimaübeltäter ist. So entledigen wir uns der Chance, mit der hochentwickelten europäischen Verbrennertechnologie klimaneutral produzierte synthetische Kraftstoffe im Straßenverkehr zu nutzen.

In Europa entscheiden Ministerien und Generaldirektionen mit heutigem Kenntnisstand darüber, ob und welche Technik im Jahre 2035 effizient und klimaneutral sein kann. In Amerika gewährt der Staat umfangreiche klimapolitische Steuervergünstigungen, überlässt aber die konkrete Umsetzung der Technik dem Markt. So wird das Ziel der Klimaneutralität mit ziemlicher Sicherheit schneller erreicht als durch das (zumeist gut gemeinte) bürokratische Mikromanagement in Europa. Amerikanischer Pragmatismus schlägt den europäischen Hang Europas zu „reiner Lehre“ und Gründlichkeit.

Noch können wir gegensteuern. Zunächst muss die Kraft des europäischen Binnenmarktes entfaltet werden. Eine europäische Wasserstoff-Union fußt auf der EU-weiten Handelbarkeit von Wasserstoff und – wie von Olaf Scholz in seiner europäischen Grundsatzrede beschworen – einem europäischen Wasserstoffnetz unter Nutzung der bisherigen Gasinfrastruktur. So würden wir den größten Wasserstoffmarkt der Welt schaffen. Dem bestehenden Gasnetz könnte schrittweise aus erneuerbaren Energien im Sonnengürtel unserer Welt produziertes grünes Gas (synthetisches Methan) und/oder Wasserstoff zugemischt werden. Grünes Gas kann schon sehr bald Erdgas ersetzen, wenn wir Ingenieure und Unternehmen Freiräume geben und der Staat sich auf Rahmensetzung mit klugen Anschubfinanzierungen beschränkt. 

Bei uns besteht Einigkeit, dass Klimaschutzverträge (CCfD) für bestimmte Branchen – zum Beispiel Stahl – die erforderliche Transformation in Richtung Wasserstoff befördern. Aber die Projekte kommen bisher aufgrund komplexer Entscheidungswege in Brüssel und Berlin kaum voran, der grüne Stahl wird in den USA schneller kommen als bei uns.

Löst man die Bremsen bei der Schaffung der Europäischen Wasserstoff-Union, bei der Umsetzung der vielen bereits geplanten Infrastruktur-Projekte und bei der Umstellung auf Industrie-Wasserstoff, entledigt man sich der Scheuklappen bei der Wasserstoff-Farbenlehre, dann wird die europäische Wasserstoff-Wirtschaft rapide Fahrt aufnehmen. So könnte die Voraussetzung für ein transatlantisches Freihandelsabkommens auf dem Gebiet erneuerbare Energien und Wasserstoff geschaffen werden. Europäische Wasserstoff-Union und neues Klima-TTIP als Antwort auf die IRA! Die Ampel-Koalition hat zu erkennen gegeben, dass sie in diese Richtung denkt.

Einen ersten Schritt hierzu könnte und sollte die Bundesregierung beim Treffen des gemeinsamen EU-Handels- und Technologierates am 5. Dezember gehen. Hier hat auch die neu gegründete transatlantische Arbeitsgruppe die Möglichkeit zu demonstrieren, wie aus der Krise ein gemeinsames, transatlantisches Projekt entstehen kann, das dann wirklich als Vorbild für die Welt dient.

Dr. Friedbert Pflüger lehrt Klima- und Energiepolitik am CASSIS, Universität Bonn. Er ist Vorsitzender des Aufsichtsrates von Zukunft Gas und Founding Partner von Strategic Minds Company (SMC), früher Bingman Pflüger International, die für zahlreiche Vorhaben im Energiebereich, darunter LNG- und Pipelineprojektewie die Trans Adriatic Pipeline und Nord Stream 2, Beratungsleistungen erbrachte. 

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