Standpunkt Schwarze Schwäne und Krisen mit Ansage

Corona- und Klimakrise müssten zugleich bekämpft werden, argumentieren Dirk Messner, Präsident des Umweltbundesamtes und Nick Nuttall, ehemaliger Sprecher und Kommunikationsdirektor der UN-Klimakonferenz (UNFCCC) in ihrem Standpunkt. Beide Krisen zeigten den Wert von Nachhaltigkeit.

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Wenn uns die aktuelle Corona-Pandemie eines lehrt, dann die Zerbrechlichkeit unserer miteinander verbundenen und globalisierten Volkswirtschaften, die jetzt mit globalen Schockwellen der Krise fertig werden müssen.

Covid-19 ist ein „Schwarzer Schwan“, ein Ereignis, das in dieser Dimension kaum jemand auf der Rechnung hatte. In der Krise zeigt sich, wie Regierungen, Gesellschaften und die Wirtschaft auf solche Erschütterungen der Grundfesten unseres Zusammenlebens reagieren. In der Rückschau werden wir daraus Lehren ziehen müssen, um resilientere Gesellschaften aufzubauen – national, europäisch und global. Im hier und jetzt ist es am wichtigsten, Pakete und politische Maßnahmen auf den Weg zu bringen, die Corona bekämpfen, die sozial Schwachen schützen und so den Weg in den Neustart der Wirtschaft zu ebnen, sobald die Krise vorbei ist.

Wir sollten uns aber davor hüten, beim Umgang mit Corona eine noch größere Herausforderung für die menschliche Zivilisation zu vergessen: den Klimawandel. Der Klimawandel ist jedoch kein „Schwarzer Schwan“. Im Gegenteil, die Glocken der wissenschaftlichen Frühwarnsysteme läuten seit Jahren laut und immer alarmierender.

Die Klimakrise kann zum Zivilisationsbruch führen

Ähnlich wie beim akuten Notfall Corona drängt auch bei der Klimakrise die Zeit: Ohne ein rasches Eingreifen könnte der Klimawandel das Leben und die Lebensgrundlagen von Milliarden von Menschen schädigen, unzählige Gemeinschaften in Gefahr bringen, die Existenz von Küstenstädten und kleinen Inselstaaten bedrohen und Schäden über Generationen hinweg auslösen. Im Ergebnis könnte sogar ein weltweiter Zivilisationsbruch stehen. So etwas kann man sich schwer vorstellen, vor allem, wenn man im reichen Norden zu Hause ist. Vielleicht hilft uns die Corona-Krise, mit ihren noch vor zwei Wochen unvorstellbaren Kollateralschäden, unsere Fähigkeit, Krisen zu vermeiden, zu erhöhen.

Zum Glück wissen wir, was zu tun ist, um dem Klimawandel zu begegnen und eine zukunftsfähige Welt zu bauen: Eine Welt, die wirtschaftlich produktiv ist, aber ausgestattet mit neuen, grünen Arbeitsplätzen – mit sauberer Luft, gesünderen Ozeanen, lebenswerteren Städten und Gemeinden und hoffentlich mit größerer sozialer Gerechtigkeit und mehr gesellschaftlichem Zusammenhalt.

Wie die Corona-Krise unterstreicht, gibt es bei der Lösung globaler und nationaler Bedrohungen immer eine gesellschaftliche Dimension: Wir brauchen in einer von wechselseitigen Abhängigkeiten und Verwundbarkeiten geprägten Welt Lösungen, die auf egoistische „meine Interessen und mein Land zuerst“-Strategien verzichten. Eine Lösung, die auf das „wir“ setzt, auf gemeinsame Interessen und Leitbilder, auf Fairness und Kooperation. Das hört sich für manche pathetisch an, doch der Egoismus von Staaten und die Kurzsichtigkeit gut organisierter Partikularinteressen in vielen unserer Gesellschaften haben unsere Gemeinwesen und das internationale System verletzlicher gemacht.

Unser Fahrplan muss das Pariser abkommen sein

Die Klimawissenschaft ist sich einig: Die globalen Durchschnittstemperaturen in diesem Jahrhundert sollten möglichst um nicht mehr als 1,5 Grad Celsius steigen. Nur so können wir häufigere und zerstörerische extreme Wetterereignisse vermeiden und die natürlichen Systeme wie die Korallenriffe, die tropischen Wälder oder Eisschilde des Planeten schützen. Die Welt hat dafür auch einen Fahrplan: das Pariser Klimaabkommen von 2015. Auch fast jeder Mitgliedstaat hat einen Plan, um die Anstrengungen für eine kohlenstoffarme Welt nach und nach zu erhöhen Bis 2050 ist ein ehrgeiziges Ziel formuliert: Eine kohlenstoffarme „Netto-Null“-Gesellschaft.

Wenn die Corona-Krise eines unterstreicht, dann die Tatsache, dass wir (trotz vieler Ungleichheiten) alle in einem Boot sitzen und dass kein Land vor den globalen Folgen der Pandemie gefeit ist. Corona-Krise und Klimawandel erfordern beide Solidarität und Interessensausgleich zwischen Nationen, um gemeinsame Risiken zu reduzieren. Wenn diese einfache Lehre aus der derzeitigen Krise gezogen würde, wäre das ein Glück für den Kampf gegen den Klimawandel – und ein kräftiger Schlag vor den Bug nationalistischer Bewegungen und Regierungen, die in der jüngsten Vergangenheit versucht haben, das internationale Klima zu vergiften.

Die Konferenz in Glasgow muss ein Erfolg werden

Im Gegensatz zu einer neuen Krankheit, gegen die die Wissenschaft oft schnell einen Impfstoff finden kann, wird es für den Klimawandel keine Heilung geben, wenn er nur halbherzig bekämpft wird. Die nächsten Jahre werden entscheidend sein, angefangen mit der nächsten UN-Klimakonferenz, die fünf Jahre nach dem bahnbrechenden Pariser Gipfel – hoffentlich – im November 2020 in Großbritannien stattfinden wird.

Es ist entscheidend, dass die große Mehrheit der Staaten, unterstützt von dynamischen Kommunen und Städten, der Privatwirtschaft, der Wissenschaft und den NGOs die Klimakonferenz in Glasgow zum Erfolg machen – auch dann, wenn sie möglicherweise um kurze Zeit verschoben werden müsste. Wir sollten uns an 2020 als das Jahr erinnern, in dem die Corona-Krise bewältigt wurde und es zugleich gelang, den Kampf gegen den Klimawandel voranzubringen. Wir sollten auch auf uns selbst als Bürger schauen. Erstens, indem wir unsere Regierungen dazu drängen, in der Corona-Bekämpfung und im Klimaschutz das Richtige zu tun, und zwar schnell und mit voller Kraft. Und zweitens, indem wir an unserem Arbeitsplatz, in unseren Städten und Gemeinden und im privaten Umfeld zusammenarbeiten, um die Zukunft gesünder und klimagerecht zu machen.

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