Energiepolitik : Die Hitze als Regierungsversagen
Deutschland erlebt den heißesten Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Während das Robert-Koch-Institut bereits mehr als 5000 Hitzetote zählt und Ökonomen vor künftig zu erwartenden Schäden in Milliardenhöhe warnen, bremst die Bundesregierung die Energiewende aus, statt sie zu beschleunigen, schreibt Marie-Luise Wolff, Vorstandsvorsitzende der Wirtschaftsvereinigung der Grünen.
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Wieder Hitze. Nie dagewesene Temperaturen wurden in Deutschland im Juni gemessen, 41,7 Grad etwa in Neißemünde-Coschen, noch bevor der Sommer richtig losgegangen war. Bereits 5120 Hitzetote in diesem Sommer schätzt das Robert-Koch-Institut; nach Daten des Statistischen Bundesamtes sind es möglicherweise noch mehr.
Laut einer Analyse der Allianz können die sommerlichen Hitzewellen in Deutschland bis 2030 wirtschaftliche Verluste von rund 120 Milliarden Euro verursachen: durch sinkende Produktivität, steigenden Energieverbrauch, geborstene Autobahnen.
Und jetzt wieder Hitze
Alles bekannt und genau der Grund für die Klimaneutralität, zu der sich Deutschland verpflichtet hat? Nicht für die Bundesregierung. Die sagt im Wesentlichen nichts zu der Hitze. Sondern bremst die erfolgreiche Energiewende aus, ob beim Heizungsgesetz (gerade beschlossen) oder beim Netzpaket (nach der Sommerpause dran).
Dabei gibt es laut der Forschungsgruppe World Weather Attribution in London einen deutlichen Zusammenhang zwischen dem Extremwetter heute und dem Ausstoß von Treibhausgasen aus Kohle, Öl, Gas. Doch ob in der jüngsten Regierungserklärung oder im Wachstumspaket: Die Klimarisiken werden ausgeblendet.
Jetzt wissen wir: Der fossile Rückfall der Bundesregierung macht krank.
Wer an Hitzetagen eine Person ins Krankenhaus begleitet, weiß, wie schlecht viele deutsche Kliniken auf extreme Temperaturen vorbereitet sind. Klimaanlagen fehlen fast überall, oft gibt es noch nicht einmal einen Sonnenschutz. In Krankenzimmern und Wartebereichen müssen Patientinnen, Patienten und Beschäftigte tagelang Temperaturen um 40 Grad Celsius und mehr ertragen. Kein Lüftchen bewegt sich, das Schlafen in völlig überhitzten Zimmern wird zur Qual.
Aber Deutschland widmet sich der fossilen Nostalgie. Das Land war einmal Führungsfahrer der Energiewende - mittlerweile ist es zum Geisterfahrer derselben geworden, unterwegs auf der falschen Spur, im Gegenverkehr. Dabei eilt der Erneuerbaren-Ausbau weltweit von Rekord zu Rekord. Jedes Jahr gibt Deutschland durchschnittlich 81 Milliarden Euro für fossile Energien aus.
Der Gaspreis bestimmt wegen des Marktdesigns weiterhin in der Mehrheit der Stunden den Strompreis. Kein Wunder also, dass Deutschland zu den Höchstpreisländern für Energie gehört. Spanien macht es besser - dank vorwiegend heimischer Stromerzeugung und eines sensationellen PV-Ausbaus in den letzten Jahren.
Die Wahrheit aber ist: Gas und Öl werden nie mehr die billige und sichere Energie werden, die sie mal waren. Wir erleben an der Straße von Hormus unser fossiles Fukushima. Das Debakel der gesperrten Meerenge kann jederzeit und an jeder anderen Meerenge wiederholt werden, und schon steigen wieder die Benzinpreise. Wie abhängig wir von fossilen Importen sind, und wie erpressbar dadurch, haben wir schon in der Gaskrise nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine erlebt.
Unser Land und seine Regierung aber wetten weiter auf fossile Brennstoffe.
Das haben wir schon ein paar Mal gemacht – und dabei verloren. Erst bei der Photovoltaik dann beim Diesel, und es wird auch dieses Mal wieder schief gehen. Die Elektroheizungen, die E-Autos und die intelligenten Netze wie auch neue KI-Anwendungen bauen dann andere – wir bleiben dagegen in unserer teuren fossilen Welt stecken. Wenn aber Führungsfahrer zu Geisterfahrern werden, dann geht es uns wie der deutschen Nationalmannschaft: Wir fliegen raus. Und verspielen unsere Zukunft als Industriestandort.
Dabei könnten wir jetzt den Schalter umdrehen und in den nächsten 20 Jahren unser Land von allen fossilen Importen befreien. Die Technologien sind da. Erzeugung, Batterien, digitale Stromnetze. Sie anzuwenden ist eine einmalige Chance. Das Netzpaket muss deshalb dringend nachgebessert werden: Für mehr Strom und die smarte Integration der Erneuerbaren. Alle sechzehn Bundesländer haben die Bundeswirtschaftsministerin zur Änderung des so genannten Re-Dispatch-Vorbehalts aufgefordert. Jetzt im Sommer muss sie dies umsetzen.
Würden wir die Hälfte der jährlichen fossilen Überweisungen an Trump und Co. in die Energiewende stecken, gäbe es rund 40 Prozent niedrigere Energiekosten, vor allem aber eine wieder wettbewerbsfähige Industrie. Netzentgelte müssen runter, das geht durch ein Amortisationskonto – denn den Ausbau der Infrastruktur von morgen können nicht allein die Verbraucher von heute zahlen. Klimaschutz braucht keine Moralpredigten. Er braucht Tempo, Planung und den Mut, Vorsorge endlich ernst zu nehmen.
Diese Hitze dürfen wir nicht sofort wieder vergessen, wenn sie vorbei ist.
Dr. Marie-Luise Wolff ist Vorsitzende der Wirtschaftsvereinigung der Grünen. Zuvor war sie CEO des Energieversorgers Entega in Darmstadt und Präsidentin des BDEW.
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