Überhitzte Gebäude : Politische Ignoranz verschärft die sozialen Folgen der Klimakrise
Vor zwei Wochen erlebte Europa erneut eine Phase extremer Hitze, mit einem neuen historischen Höchstwert von 41,5 Grad in Deutschland. Die nächste Hitzewelle rollt bereits über das Land hinweg. Dennoch versucht Kanzler Merz, das Thema zu ignorieren, schreibt Barbara Metz von der DUH. Merz' Begründung: Er könne das Wetter nicht ändern. Doch das geht am Thema vorbei. Hitzewellen sind kein Zufall und kein Ausrutscher, sondern eine direkte Ursache des Klimawandels.
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Statt diese deutlichen Warnsignale ernst zu nehmen, ist die Regierung nicht nur untätig, sondern baut den Klimaschutz aktiv zurück. Das jüngste Beispiel ist die angekündigte Kürzung des Klima- und Transformationsfonds um 2,7 Milliarden Euro im Bundeshaushalt 2027. Dass die Klimapolitik der Bundesregierung unzureichend ist, ist keine politische Bewertung, sondern wurde vom Bundesverwaltungsgericht in seiner Entscheidung vom 29. Januar 2026 rechtlich festgestellt.
Die Klimakrise ist eine soziale Krise
Die Konsequenzen sind konkret und in gestiegenen Todeszahlen messbar. Nach der ersten Hitzewelle im Juni meldete das Robert-Koch-Institut bereits 5120 Hitzetote im Jahr 2026. Im vergangenen Jahr lag die Gesamtzahl der Hitzetoten bei rund 2600 Menschen.
Dabei handelt es sich vor allem um ältere Menschen, die häufig in ihrem Zuhause verstorben sind. Die Hitzewelle trifft zwar alle, am stärksten leiden jedoch Menschen mit gesundheitlichen oder altersbedingten Risiken. Besonders betroffen sind Mieter:innen und einkommensschwache Haushalte, die überwiegend in schlecht isolierten Wohnungen leben und dort in der Hitze regelrecht ersticken.
Hitzeschutz beginnt am Gebäude
Die Transformation des Gebäudesektors ist daher nicht nur klimapolitisch entscheidend. Vor allem die Sanierung hin zu energieeffizienten Gebäuden schützt vor Kälte, aber eben auch vor Hitze. Doch mit einer Sanierungsquote von gerade einmal 0,67 Prozent im Jahr 2025 kommt Deutschland kaum voran.
Zwar sieht das neu vorgelegte Konzept für die Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG) einen mageren Bonus von fünf Prozent für Worst-Performing-Buildings vor. Doch die schrittweise Kürzung der Mittel um über 2,1 Milliarden Euro sowie das Fehlen eines Einkommensbonus für Effizienzmaßnahmen werden den dringend benötigten Sanierungshochlauf nicht in Gang setzen.
Und: Sanierungsanreize allein können einen klaren ordnungsrechtlichen Rahmen nicht ersetzen. Nur verlässliche Vorgaben schaffen die notwendige Planungssicherheit für Handwerk und Industrie. Ausgerechnet das Gebäudemodernisierungsgesetz bleibt auf diese zentrale Herausforderung jede Antwort schuldig. Statt wirksame Maßnahmen zur Beschleunigung der Sanierung voranzubringen, verwässert es die EU-Gebäuderichtlinie, die es eigentlich umsetzen soll, bis ins Detail – wie eine Analyse der Deutschen Umwelthilfe zeigt.
Dabei liegen wirksame Lösungen längst auf dem Tisch: Zunächst gilt es, Haushalte zu befähigen. Dafür sind Beratungsangebote im Rahmen von One-Stop-Shops sowie passende Finanzierungsangebote, beispielsweise mit erleichtertem Zugang zu Krediten, von zentraler Bedeutung.
Gleichzeitig müssen Vermietende gezielt zur Sanierung bewegt werden. Dafür braucht es einen klaren regulatorischen Rahmen, einschließlich gebäudescharfer Mindesteffizienzstandards im Mietwohnungsbestand. Ergänzend dazu sollten Fördermittel an Sozialbindungen oder niedrige Mieten geknüpft werden. Indem sie den Mietwohnungsbestand komplett ausklammert, geht die neugestaltete BEG jedoch völlig am eigentlichen Handlungsbedarf vorbei.
Mit sinnvoller Gebäudepolitik der urbanen Hitze standhalten
Zur Anpassung gehört auch, urbane Hitzeinseln zu vermeiden. Ein zentraler Treiber dafür ist die Flächenversiegelung. DerHitze-Check der DUH, der die Lebensqualität deutscher Städte unter Hitzebedingungen bewertet, berücksichtigt diesen Faktor ausdrücklich.
Während die Bundesregierung die Wohnungskrise vor allem durch Neubau lösen will, droht dieser Ansatz die angespannte Situation in bereits überhitzten Städten weiter zu verschlimmern. Dabei gibt es Alternativen zur reinen Neubaupolitik: Die Umnutzung bestehender Gebäude, die Aktivierung von Leerstand, Aufstockungen sowie Nachverdichtung auf bereits versiegelten Flächen ermöglichen zusätzlichen Wohnraum, ohne unnötig neue Flächen zu versiegeln. Wir appellieren an die Bundesregierung, mit einem Umbau-Gesetzbuch den Gebäudebestand ins Zentrum der Wohnungspolitik zu rücken und die Umsetzung der genannten Ansätze deutlich zu erleichtern.
Darüber hinaus wurden Klimaanlagen zuletzt immer wieder als vermeintliche Wunderlösung ins Spiel gebracht. Zwar sind sie an bestimmten Orten unverzichtbar, etwa in Schulen oder Krankenhäusern. Als flächendeckende Antwort taugen sie jedoch nicht: Sie verursachen einen enormen Stromverbrauch, und verstärken vor allem den städtischen Hitzeinseleffekt. Damit verschärfen sie die Lage gerade für diejenigen, die sich keine Klimaanlage leisten können.
Denn hinzu kommen hohe Anschaffungs- und Betriebskosten. Für die rund fünf Millionen Menschen in Deutschland, die sich bereits heute das Heizen im Winter nicht leisten können, kommt eine Klimaanlage aus finanziellen Gründen schlicht nicht infrage.
Mindestens genauso wichtig wie der Hitzeschutz am Gebäude selbst ist jedoch das direkte Wohnumfeld. Wie stark sich Wohnungen und Gebäude aufheizen, hängt entscheidend davon ab, ob sie von Bäumen, Grünflächen und entsiegelten Flächen umgeben sind oder in dicht versiegelten Straßen ohne Schatten liegen. Hausnahe Bäume und Grünflächen senken die Umgebungstemperatur durch Verschattung und Verdunstung teils um mehrere Grad und reduzieren damit auch die Aufheizung der Gebäude. Nachhaltige Stadtentwicklung ist deshalb kein Nebenschauplatz, sondern eine zentrale Voraussetzung für wirksamen Hitzeschutz. Wer Gebäude schützen will, muss zugleich konsequent Bäume erhalten, neue Grünflächen schaffen und Städte entsiegeln.
Kein Hitzeschutz ohne Klimaschutz
Die unzureichende gesellschaftliche Vorbereitung erfordert Notmaßnahmen, aber kurzfristige Anpassungsansätze können nur ein Teil der Lösung sein. Um die negativen Folgen künftiger Hitzewellen zu begrenzen, führt kein Weg an einer schnellen und konsequenten Senkung der CO2-Emissionen vorbei. Die Faktenlage ist eindeutig: Jeder weitere Ausstoß verschärft die Lage.
Klimaneutralität muss also ohne Rechentricks, Verzögerung oder Abstriche erreicht werden. Dafür braucht es neben massiven Sanierungen auch unbedingt den schnellen Ausstieg aus fossilen Energien, auch im Gebäudesektor.
Das Versprechen einer Klimaneutralität durch eine Grüngas- und Ölquote sind jedoch eine Illusion: Biogase sind knapp, nicht vollständig klimaneutral und können fossile Energieträger nicht flächendeckend ersetzen. Faktisch ermöglicht das Gebäudemodernisierungsgesetz den Weiterbetrieb von Öl- und Gasheizungen weit über 2045 hinaus und unterläuft damit die im Grundgesetz verankerten Klimaziele.
Die von der Deutschen Umwelthilfe angekündigte Verfassungsbeschwerde wird die offensichtlichen Verstöße dieses Gesetzes schonungslos offenlegen und dessen Inkrafttreten voraussichtlich verhindern. In diesem Fall wäre die Regierung gezwungen, das Gesetz grundlegend zu überarbeiten. Es ist höchste Zeit, die Realität der Klimakrise anzuerkennen und mit weitreichenden politischen Maßnahmen gegenzusteuern. Sonst werden die bereits heute erschreckenden Folgen, vor allem für vulnerable Gruppen, in Zukunft noch dramatischer.
Sie sind jedoch kein unabwendbares Schicksal. Eine Gebäudepolitik, die Anpassung und Vermeidung zusammendenkt, kann Klimaschutz mit bezahlbarem und lebenswertem Wohnraum für alle in Einklang bringen.
Barbara Metz ist seit März 2022 Bundesgeschäftsführerin der Deutschen Umwelthilfe.
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