Standpunkt Vorsicht, Falle: Bürgerenergiewende in Gefahr!

Für den Prosumer: Claudia Kemfert vom Wirtschaftsinstitut DIW und Eicke Weber vom European Solar Manufacturing Council analyiseren die Entwicklung der Solarwirtschaft in Deutschland – und plädieren dafür, den Eigenverbrauch zu unterstützen, indem lediglich Netzentgelte fällig werden. Nur so könne die Solarindustrie stark bleiben.

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Wer im Physikunterricht in der Schule aufgepasst hat, weiß: Energie wird nicht erzeugt, sondern nur umgewandelt. Energieerhaltung ist ein Fundament der Physik. Hermann von Helmholtz, der im Jahr 1847 den Energieerhaltungssatz entdeckt hat, würde heute große Augen machen, wenn er sähe, wie wir mit Energie umgehen, sie produzieren, sie nutzen und sie verschwenden. Am meisten beeindrucken würde ihn sicher, dass es uns heute fast selbstverständlich erscheint, praktisch an jedem Ort der Erde Strom unmittelbar von der Sonne zu „ernten“.

Diese Möglichkeit, dezentral Strom zu erzeugen (oder, physikalisch korrekt, Sonnenenergie in Nutzenergie umzuwandeln), ist für die meisten Menschen ein Geschenk wissenschaftlicher Erkenntnis, für die Betreiber herkömmlicher thermischer Kraftwerke aber eher ein Albtraum. Sie haben bislang unter staatlicher oder zumindest wirtschaftlich gebündelter Kontrolle riesige Mengen von Kohle, Öl und Gas verbrannt, oder durch Kernspaltung Wärme gewonnen und über einen mit Dampfturbinen betriebenen Generator in Strom umgewandelt. Von dieser zentral gelegenen „Kraftquelle“ aus überzogen die Betreiberfirmen das Land in den letzten 150 Jahren mit einem kleinteiligen Stromnetz.

Das andere Ende der Leitung wird den Bürgern bewusst

Für die meisten Deutschen kommt der Strom aus der Steckdose. Alles dahinter wird schnell übersehen. Doch mit den immer stärker spürbaren Auswirkungen des Klimawandels wird vielen bewusst, was bis zum anderen Ende der Steckdose passiert. Klimaschutz ist wichtig, aber Ökostrom können wir uns nicht leisten, hört man vielerorts. Die Vorstellung dahinter ist allerdings veraltet. In der Vergangenheit war die direkte Erzeugung von Solarstrom durch die Photovoltaik (PV) tatsächlich sehr teuer. Noch zur Jahrtausendwende kostete eine Kilowattstunde Sonnenenergie rund 50 Cent.

Doch im Jahr 2002 startete das Erneuerbare-Energien-Gesetz eine sanfte, aber nachdrückliche Marktrevolution: Es erlaubte Investoren in Deutschland, PV-Strom zu vorher festgelegten, attraktiven Einspeisetarifen zu verkaufen – und das auf 20 Jahre garantiert. Und das EEG enthielt keine Obergrenze für die zu veräußernde Strommenge. So war es für Investoren überaus attraktiv, weil risikoarm, hier Geld zu investieren. Eine wachsende Photovoltaikindustrie entstand.

Dennoch war es im Jahr 2008 die chinesische Regierung und nicht die Bundesregierung, die die strategische Bedeutung der Solarindustrie als Wachstumsbranche erkannte. Die Chinesen stellten für den Aufbau einer großskaligen Solarindustrie in China rund 50 Milliarden US-Dollar als Kreditgarantien bereit. Das war kein Motor, das war ein Turbo für die chinesische PV-Industrie, obgleich der größte Teil dieser Garantien nie in Anspruch genommen wurde. Die abgesicherten und investitionsfreudigen chinesischen Solarfirmen eroberten in den folgenden vier Jahren den Weltmarkt.

Die Prosumer erobern nun den Markt

Schnell war vergessen, dass die Solartechnologie wesentlich in Deutschland entwickelt worden war. Führend beteiligt waren daran das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg, das Institut für Solarenergieforschung in Hameln (ISFH) und die weiteren im Forschungsverbund erneuerbare Energien (FVEE) zusammengeschlossenen Solarforschungsinstitute. Sie wurden wesentlich gefördert durch das Umwelt-, das Forschungs-, sowie das Wirtschaftsministerium.

Infolge dieser Forschungs- und Entwicklungsarbeiten entstanden in Deutschland Maschinen- und Anlagenbauer für diese neue Technologie, die dann gern auch gigawattskalige Anlagen nach China lieferten. Ein wesentlicher Teil jener chinesischen 50-Milliarden-Dollar-Kreditsicherung floss also nach Deutschland – in Form von Aufträgen an Solarausrüsterfirmen.

Dieses Zusammenspiel von Forschung, Industrie und öffentlicher Hand in Deutschland und China erwies sich als beispielloser Erfolg in der Einführung dieser Technologie, demonstriert durch eine jährliche Wachstumsrate von durchschnittlich 33 Prozent seit 1992. Mit jeder Verdoppelung der installierten Leistung sanken die Preise entsprechend einer Lernkurve um 22 Prozent. Heute kostet die eigene Erzeugung von Solarstrom in Deutschland nicht mehr 50, sondern nur noch fünf bis sieben Cent pro Kilowattstunde. Das ist weitaus günstiger als der mit Abgaben belastete Strom aus der Steckdose, für den Verbraucherinnen und Verbraucher rund 30 Cent pro Kilowattstunde bezahlen müssen.

Es ist also wenig erstaunlich, dass es ein rasch wachsendes Aufkommen von Strom-„Prosumern“ zu vermelden gibt. Prosumer (zusammengesetzt aus Producer und Consumer) sind gleichzeitig Stromverbraucher, also Konsumenten, und Produzenten, die einen Teil ihres Strombedarfs durch Eigenerzeugung decken. Prosumer haben nicht nur die Möglichkeit, ihren eigenen Bedarf zu decken, sondern können den selbst erzeugten Solarstrom in immer günstiger werdenden Batterien speichern. Die Unabhängigkeit von klassischen Stromerzeugern wächst dadurch stetig weiter.

Diese für die klassische Energiewirtschaft unangenehme „Nebenwirkung“ führt zu wachsender Kritik der traditionellen Stromunternehmen an den vermeintlich ungerechten EEG-Regeln – mit der Folge, dass die Bundesnetzagentur einen Plan vorgelegt hat, der die Eigenstromerzeugung durch Photovoltaik unattraktiv macht.

Eigenerzeugung ist in der Wirkung mit Energieeffizienz vergleichbar

Das muss irritieren. Denn in seiner Wirkung ist die Eigenstromerzeugung genau dasselbe wie die Nutzung energieeffizienter Geräte: Sie vermindert die Einspeisung aus dem Stromnetz. Wer ansonsten mit publikumswirksamen Aktionen, etwa mit dem Verkauf von Strommessgeräten für Steckdosen, ambitioniert zum Stromsparen aufruft, sollte doch die effizienteste Art des Stromsparens – nämlich durch Eigenstromerzeugung – nicht aktiv behindern. Im Gegenteil: Erst beides zusammen macht Sinn.

Die attraktivste Art der Marktförderung von selbst erzeugtem Solarstrom ist denkbar einfach: Wer als Konsument Strom nicht aus dem Netz entnimmt, muss ihn nicht bezahlen. Wer als Produzent (Überschuss-)Strom ins Netz einspeist, wird mit einer festen Vergütung bezahlt, die nahe bei den Stromgestehungskosten konventioneller Stromerzeuger liegt, zum Beispiel fünf Cent pro Kilowattstunde. Um auch die Netzbetreiber fair zu beteiligen, muss für den Stromanschluss eine Gebühr bezahlt werden. Damit liefern die Prosumer auch einen Beitrag für den Erhalt des Netzes und der noch betriebenen Kraftwerke, die man im Winter für eine sichere Stromversorgung nach wie vor braucht.

Es geht dabei insgesamt nicht um wirtschaftliche Nebentätigkeiten einzelner „Besserverdienern“, sondern um eine fundamentale Bürgerenergiewende. Der globale Solarmarkt wird heute nahezu vollständig von Herstellern aus China oder anderen asiatischen Ländern bedient. Wir stehen vor der Alternative: Entweder importieren wir künftig einen wesentlichen Teil unseres Energiesystems, oder wir etablieren in Deutschland eine eigene Wertschöpfungskette, um wenigstens einen Teil unseres rasch wachsenden Energiebedarfs selbst zu decken. Es ist an der Zeit, darüber zu diskutieren, bevor es zu spät ist.

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