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Energie & Klima

Standpunkt

Warum wir den Gebäudesektor jetzt digitalisieren müssen

Foto: Foto: Techem

Der Weg zur Klimaneutralität führt unweigerlich auch über die Dekarbonisierung des Gebäudesektors. Dort muss das Tempo nun deutlich anziehen, denn noch haben die meisten Immobilien eine schlechte Energieeffizienz. Matthias Hartmann, CEO von Techem, erläutert in seinem Standpunkt, warum ein hochautomatisierter Gebäudebetrieb dafür essenziell ist.

von Matthias Hartmann

veröffentlicht am 17.11.2021

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Die Bundesrepublik will bis zum Jahr 2030 ihre Emissionen um 65 Prozent gegenüber 1990 senken, 2045 will Deutschland klimaneutral sein – fünf Jahre früher als ursprünglich geplant. Ein wichtiges Zeichen der scheidenden Bundesregierung, aber eine riesige Hausaufgabe für eine mögliche Ampel-Koalition, die es jetzt anzupacken gilt. Denn Deutschland hat sich bereits heute um 1,6 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Niveau erwärmt.

Wir benötigen dafür eine radikal andere Geschwindigkeit für die Energiewende im Immobiliensektor. Die neue Bundesregierung hat mit dem nun zu erarbeitenden Koalitionsvertrag die Pflicht, den Gebäudesektor stärker in den Fokus zu nehmen. Denn im letzten Jahr hat der Gebäudesektor als einziger die Vorgaben zur CO2-Einsparung verfehlt, sein Beitrag an den Emissionen beträgt 35 Prozent.

Heizungen müssen verpflichtend überprüft werden

Bisher stand vornehmlich die Gebäudehülle im Fokus der Maßnahmen für einen klimaneutralen Gebäudebestand. Sanierungen daran machen aber nur 20 bis 30 Prozent des Einsparungspotenzials aus. Handlungsbedarf besteht vor allem im Gebäudeinneren: Nur jede fünfte Heizungsanlage in Deutschland ist optimal eingestellt und dimensioniert. 55 Prozent der Anlagen sind älter als 15 Jahre und werden vermutlich nicht regelmäßig gewartet. Ein Auto muss alle paar Jahre zum TÜV – für Heizungen sollte ein verpflichtendes Heizungsmonitoring, wie bereits von der EU gefordert, verpflichtend sein. Dafür braucht es jetzt politische Rahmenbedingungen und flächendeckende, skalierende Lösungen, die das digitale Monitoren und Steuern der Heizungen ermöglichen.

Letztlich ist ein effizienter und hochautomatisierter Gebäudebetrieb entscheidend für einen nachhaltigen Immobiliensektor: Energieströme müssen optimal gesteuert und regenerative Erzeugung intelligent aufeinander abgestimmt werden. Um das zu erreichen, sind Digitalisierung und digitales Messen dieser Energieströme wesentliche Hebel. Allein auf diese Weise lassen sich schon die ersten zehn bis 15 Prozent des Energieverbrauchs einsparen.

Ferner darf die Energieeffizienz nicht zugunsten des nötigen vermehrten Einsatzes erneuerbarer Energien vernachlässigt werden. Denn wer sich bei der Wärmewende nur auf den grünen Strom konzentriert, denkt zu kurz. Für den Klimaschutz muss beides Hand in Hand gehen. Einsparen und regenerativ Heizen heißt die Formel.

Messen schafft Bewusstsein

Raumheizwärme-, Warmwasser-, Strom- und Gasverbrauch bilden ein komplexes Ökosystem, das ganzheitlich betrachtet werden muss und nur mit einem digitalen, gebündelten Messwesen gesteuert werden kann. Um zu untersuchen, inwiefern sich der CO2-Ausstoß von Gebäuden damit senken lässt, hat Techem im Rahmen des Forschungsprojekts „BaltBest“ gemeinsam mit 15 Projektpartnern aus Wohnungswirtschaft, Industrie und Wissenschaft 100 Mehrfamilienhäuser mit einer Funk-Messinfrastruktur ausgestattet.

Die Zwischenergebnisse der über knapp drei Jahre durchgeführten Untersuchung zeigen: Verbesserte Gebäudetechnik in Kombination mit optimierter Betriebsführung und einem gestärkten Bewusstsein hinsichtlich des Heizverhaltens seitens der Mietenden sind wichtige Stellschrauben auf dem Weg zu einem klimaneutralen und bezahlbaren Gebäudebestand.

Eine wichtige Botschaft lautet daher: Messen schafft Bewusstsein. Durch regelmäßigen Einblick in die Verbrauchsdaten können Bewohnende ihr Nutzungsverhalten anpassen und damit den CO2-Austoß von Immobilien um weitere fünf bis zehn Prozent senken.

Die EU-Energieeffizienz-Richtlinie (EED) sieht daher vor, dass Mietende ab 2022 monatlich Einsicht in ihren Verbrauch erhalten. Die Umsetzung der EED erfolgt mit der jüngsten Novellierung der Heizkostenverordnung (HKVO). Das ist ein aus unserer Sicht überfälliger Schritt, um sich des eigenen Verbrauchs bewusst zu werden, diesen anzupassen und so Energie und Kosten zu sparen. Darüber hinaus wäre eine flexible Einsicht in den individuellen Verbrauch, die nicht an einen monatlichen Rhythmus gekoppelt ist, wünschenswert.

Die Aufteilung der CO2-Bepreisung ist keine Frage der Gerechtigkeit

Auch mit Blick auf Zusatzkosten durch die neue CO2-Abgabe wäre das eine sinnvolle Ergänzung. Die Diskussion um die Verteilung der Kosten dreht sich derzeit fast ausschließlich um die Frage der Gerechtigkeit. Im Fokus muss jedoch die Energieeffizienz von Gebäuden stehen – je weniger Energie in einem Gebäude verbraucht wird und je größer das Bewusstsein für sparsames Heizen ist, desto geringer die finanzielle Belastung für Immobilienverantwortliche beziehungsweise Bewohnende. Dafür braucht es neben kontinuierlichen Informationen über den eigenen Verbrauch digitale Lösungen, welche die Energieströme im Gebäude monitoren und optimieren. Die neue Bundesregierung muss dafür jetzt schnell in die Umsetzung der Digitalisierung der Energiewende kommen.

Noch mehr Wirkkraft hat die Digitalisierung des Gebäudesektors, wenn Synergien in ganzen Quartieren genutzt werden, um klimaschonende, gesunde und vernetzte Arbeits- und Lebensräume zu schaffen. Der Quartiersansatz sollte deshalb unbedingt weiter in den Fokus der Diskussion rücken – in Deutschland, aber auch auf europäischer Ebene im Rahmen des Green Deals.

Mit Blick in die Zukunft braucht es für ein gutes Quartiersmanagement zudem mehr Mut, die verfügbaren Maschinendaten anonymisiert zu nutzen und daraus Maßnahmen für mehr Energieeffizienz und Klimaschutz abzuleiten. Denn: Nur mit einer stabilen Datenbasis lassen sich fundierte Schlussfolgerungen für Quartiere und die benötigte Infrastruktur ziehen. Nur damit kann die Energiewende im Gebäudesektor nachhaltig gelingen – das müssen alle Beteiligten erkennen.

Die technischen Lösungen dafür sind bereits auf dem Markt, es gilt jetzt, die verschiedenen Einzelvorschriften zu entschlacken und sinnvoll zu integrieren. Hier ist die Immobilienwirtschaft gemeinsam mit der neuen Regierung gefordert, schnell und pragmatisch zu handeln.

Matthias Hartmann ist CEO der Techem GmbH, einem führenden Serviceanbieter für smarte und nachhaltige Gebäude. Dort treibt er die Transformation des Unternehmens hin zu einem weltweiten Produkt- und Lösungsanbieter sowie dessen digitale Ausrichtung voran.

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