Standpunkt : Der größte Hebel der Energiewende liegt in der Entwicklung – nicht im Kraftwerk
Während die Energiewende politisch vorwiegend über Strompreise, Netze und Infrastruktur verhandelt wird, bleibt ein zentraler Hebel oft unbeachtet: die industrielle Entscheidung in der Entwicklung. Henning Fehrmann, Vizepräsident des Verbands Die Familienunternehmer, plädiert dafür, bei Materialwahl und Konstruktion anzusetzen, um Klimaschutz und Wettbewerbsfähigkeit zusammenzudenken.
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Wenn in Berlin über Energiewende gesprochen wird, geht es meist um Strompreise, Netzausbau, Windparks, Wasserstoff oder Emissionsgrenzen für die Produktion. Das ist wichtig. Industrieunternehmen spüren täglich, was hohe Energiepreise, Bürokratie und stockende Netzanschlüsse für Investitionen bedeuten. Trotzdem bleibt die Debatte unvollständig – und ignoriert oftmals die wirklich wichtigen Weichenstellungen.
Denn die wegen der hohen Energiekosten stattfindende Deindustrialisierung ist kein Konjunkturthema, sondern ein hausgemachter Wohlstandskiller. Wo industrielle Wertschöpfung schwindet, gehen Know-how, Lieferketten, Fachkräfte, und Arbeitsplätze verloren – die Lücke schließen Importe. Technologische Abhängigkeit ist die Folge.
Ich bin daher überzeugt: Der größte Hebel der Energiewende liegt nicht in der Energieversorgung, sondern in der Innovation, konkret in der Entwicklung technischer Lösungen und Produkte. Wer Fabrikhalle, Netzanschluss oder Schornstein betrachtet, kommt zu spät. Materialwahl und Konstruktion sind dann längst festgelegt.
Energieunabhängigkeit muss Materialunabhängigkeit implizieren
Wer über Energieunabhängigkeit spricht, muss auch über Materialabhängigkeit sprechen. Die Energiewende verschiebt Interdependenzen: weg von Öl und Gas, hin zu Metallen und Mineralien. Studien zeigen bereits erhebliche Versorgungsrisiken bei zentralen Rohstoffen wie Kupfer, Lithium, Nickel und Seltenen Erden – insbesondere für Europa.
Innovation – zunehmend auch daten- und KI-gestützt – kann Kostenkurven, Wirkungsgrade und Skalierbarkeit in kurzer Zeit verschieben und damit auch geopolitische Abhängigkeiten.
Die Hebel liegen in Material- und Konstruktionsentscheidungen
Ein Beispiel sind Batterien – ein Schlüsselbaustein moderner Energieversorgung. Dass sie in den vergangenen Jahren deutlich günstiger und leistungsfähiger geworden sind, ist gut dokumentiert. Entscheidend waren Skalierung und Fertigung, aber eben auch Fortschritte bei Materialien und Chemie. Ohne diese hätte es den Technologiesprung nicht gegeben.
Ein zweites Beispiel kommt aus der klassischen Industrie: In der Automobilkarosserie kann die Reduktion eines komplexen Materialmixes enorme Effekte haben – weniger Prozessschritte, bessere Recyclebarkeit und deutlich geringere Emissionen. In einer Studie der Fehrmann Tech Group konnte gezeigt werden, dass die Reduktion eines Materialmixes von sechs auf einen Werkstoff den CO2-Fußabdruck um mehr als 50 Prozent senken und gleichzeitig die Herstellungskosten um etwa 10 Prozent reduzieren kann. Solche Sprünge entstehen nicht im Betrieb, sondern durch Entscheidungen in der Entwicklung.
Genau deshalb sind Material- und Konstruktionsentscheidungen so zentral. Ob ein Bauteil aus Stahl, Aluminium oder Faserverbund besteht, ob ein Produkt reparierbar ist oder nicht, ob eine Anlage auf Effizienz oder minimale Investitionskosten optimiert wird – all das bestimmt Energieverbrauch, Emissionen und Lebensdauer.
Der blinde Fleck der Regulierung
Genau hier liegt der blinde Fleck der aktuellen Debatte. Regulierung zielt vor allem auf den Output: Emissionen, Energieverbrauch, Berichtspflichten. Was kaum adressiert wird, sind die Entscheidungsprozesse, in denen diese Werte entstehen.
Das zeigt sich auch in bestehenden Instrumenten. Nachhaltigkeitsreportings sollen Transparenz schaffen – etwa im Rahmen der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD). Unternehmen müssen Energieverbräuche und Emissionen systematischer offenlegen. Doch diese Art von Instrumenten verfehlen ihre Wirkung. Sie belasten Unternehmen mit Bürokratie und Kosten und sind zugleich nur begrenzte Entscheidungsgrundlage. Wie in der Entwicklung entschieden wurde, bleibt meist unsichtbar.
Besser sind Instrumente wie ein verlässlicher Emissionshandel. Er kann Klimaschutz effizient organisieren – umso wichtiger ist es, diese Logik zu stärken. Denn Energiepolitik wird nur dann erfolgreich sein, wenn sie Unabhängigkeit stärkt, ohne den Standort zu schwächen.
Industriepolitik muss frühe Phase der Wertschöpfung adressieren
In vielen Branchen liegt der größte Hebel noch davor. Effizienzgewinne im Betrieb helfen wenig, wenn ein System von Anfang an falsch ausgelegt ist.
Wenn Politik die Deindustrialisierung wirklich stoppen und zugleich die Energieabhängigkeit reduzieren will, muss sie Forschung und Entwicklung in Unternehmen erleichtern und unterstützen. Sie muss Rahmenbedingungen schaffen, die ein Feuerwerk der Innovation entfachen – mit Fokus auf den wesentlichen Hebel, die Entwicklung und Konstruktion. Dort werden Materialien, Stücklisten, Lieferketten, Fertigungsprozesse, Reparierbarkeit, Kreislauffähigkeit und Kosten entschieden.
Was folgt daraus? Keine staatliche Detailsteuerung, sondern eine neue Denkrichtung: Energiewende ohne Wohlstandsverlust und Abhängigkeit lässt sich nur durch eine massive Steigerung der Entwicklungsaktivitäten in Unternehmen realisieren.
Das politische Instrument dafür ist schon da: Die Forschungszulage. Sie incentiviert Unternehmen, in Forschung und Entwicklung zu investieren. Soll dies gestärkt werden, muss die Forschungszulage sowohl in der Höhe als auch der Anwendungsbreite deutlich ausgebaut werden. Daneben sollte die Politik die bestehenden KfW-Kreditprogramme gezielt für Investitionen zur Beschleunigung von Innovation ausweiten und die Hausbanken in die Pflicht nehmen.
Weg vom Output, hin zur Umsetzung
Die Energiewendediskussion wird aktuell vor allem dort geführt, wo ihre Folgen sichtbar sind. Gewonnen wird sie nicht im Kraftwerk – sondern dort, wo sie konkret umgesetzt wird.
Wer weiter ausschließlich über Energiepreise, Netze und Emissionen spricht, optimiert ein System, dessen grundlegende Parameter längst festgelegt sind. Der eigentliche Hebel liegt davor: in den Entscheidungen, die Produkte, Prozesse und Energiebedarf überhaupt erst definieren.
Der nächste Schritt in der Klima- und Industriepolitik muss deshalb lauten: weg von der Fixierung auf den Output hin zur Incentivierung der relevanten Stellhebel. Entwicklung und Konstruktion sind kein Nebenschauplatz der Energiewende, sondern ihr strategisches Zentrum.
Denn nur wenn wir Technologien so entwickeln, dass sie von Anfang an energieeffizient, ressourcenschonend und wirtschaftlich sind, entsteht echte Unabhängigkeit – und damit die Grundlage für eine Energiewende, die global wirkt.
Henning Fehrmann ist CEO der Fehrmann Tech Group in Hamburg, die er seit 2008 in fünfter Generation führt. Er ist Vizepräsident des Verbands „Die Familienunternehmer“.
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