Zustimmung zur Energiewende : Der Konsens, den die Politik aufs Spiel setzt

Jean-Henri Huttarsch
Jean-Henri Huttarsch, Mitautor des Sozialen Nachhaltigkeitsbarometers Foto: RIFS@GFZ/Stenzel

Daten des Sozialen Nachhaltigkeitsbarometers zeigen keinen gesellschaftlichen Rückzug vom Klimaschutz. Die Bevölkerung unterstützt ambitionierten Klimaschutz, achtet aber stärker auf wirtschaftliche Folgen und faire Ausgestaltung. Politische Debatten adressieren diese Sorgen nicht konstruktiv, sondern wenden sich gegen die Transformation, warnt Umweltpsychologe Jean-Henri Huttarsch.

von Jean-Henri Huttarsch, RIFS Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit

veröffentlicht am

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In diesem Sommer brennen die Wälder erneut. Das Robert-Koch-Institut zählt Hitzetote, Ökonomen berechnen die Auswirkungen der Temperaturen auf die Wirtschaft. Was die Klimawissenschaften seit Jahrzehnten prognostizieren, ist längst Realität. Und ausgerechnet jetzt, während sich ein neues Normal etabliert, erleben wir, dass Teile der politischen Debatte zunehmend weniger Klimaschutz fordern.

Das ist nicht nur klimapolitisch fahrlässig. Es ist auch ein Problem für die demokratische Legitimation politischen Handelns. Denn neu erhobene Daten zeigen: Die Politik entfernt sich damit von dem, was die Mehrheit der Bevölkerung will und von dem, was die Wissenschaft empfiehlt. Beides zusammen ist eine riskante Kombination.

Was die Mehrheit wirklich fordert

Das Soziale Nachhaltigkeitsbarometer, eine repräsentative Langzeitstudie zur gesellschaftlichen Akzeptanz der Nachhaltigkeitstransformation, zeichnet ein Bild, das dem öffentlichen Diskurs der letzten Monate widerspricht. 80 Prozent der Bevölkerung äußern Besorgnis über die Folgen des Klimawandels. Nur 11 Prozent zweifeln am menschengemachten Ursprung des Klimawandels. Eine Mehrheit sieht Klimaschutz und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit nicht als Gegensätze, sondern als gleichrangige Ziele.

Die Bevölkerung steht damit näher an der Klimawissenschaft als an politischen Erzählungen, die das Gegenteil suggerieren. 54 Prozent fordern höhere staatliche Ausgaben für Klimaschutz, 79 Prozent den Ausbau klimaneutraler Infrastruktur. Und eine Mehrheit trägt die Investitionslogik mit, die Forschende seit Jahren vertreten: Heute stärker investieren, um künftige Kosten zu senken – denn das Handeln aufzuschieben, wird langfristig um ein Vielfaches teurer sein als Klimaschutz.

Dazu kommt eine Forderung, die im politischen Handeln zu wenig Berücksichtigung findet: faire Lastenverteilung. Die Bevölkerung befürwortet klar das Bedarfs- und Verursacherprinzip – wer mehr verursacht und wer mehr schultern kann, soll mehr beitragen. Eine Klimapolitik, die Instrumente wie den CO2-Preis ohne ausreichende soziale Ausgleichsmechanismen wie ein Klimageld einsetzt, läuft diesem Prinzip zuwider. Die Bevölkerung bewertet die aktuelle Lastenverteilung entsprechend als ungerecht – und nicht im Einklang mit dem, was Transformationsforschende als Bedingung politischer Tragfähigkeit beschreiben.

In unseren Daten zeigt sich: Die gesellschaftliche Mitte fordert eine gerechte Nachhaltigkeitstransformation. Politikerinnen und Politiker unterschätzen, wie viel Rückhalt wirksamer Klimaschutz in der Bevölkerung tatsächlich hat.

Das bedeutet nicht, dass jede Bürgermeinung wissenschaftlichen Empfehlungen entspricht und alle Maßnahmen mitgetragen werden. Aber in den grundlegenden Fragen – Investitionsbereitschaft, staatliche Rahmensetzung, faire Lastenverteilung, Ablehnung fossiler Pfadabhängigkeiten – liegt die Mehrheitsmeinung bemerkenswert nah an dem, was Forschung und Wissenschaft seit Jahren empfehlen. Im Einklang damit: Drei von vier Personen wünschen sich, dass gewählte Politikerinnen und Politiker bei ihren Entscheidungen stärker den aktuellen Forschungsstand berücksichtigen. Das ist ein deutliches Plädoyer für evidenzbasierte Politikgestaltung, in der wissenschaftliche Erkenntnisse ernst genommen werden.

Wo etwas schiefläuft

Wirtschaftliche Sorgen werden politisch umgedeutet. Die deutsche Wirtschaft kämpft mit Herausforderungen: Deindustrialisierung, Reallohnstagnation, strukturelle Wettbewerbsprobleme. Sie sind real – aber sie haben ursächlich nichts mit dem Klimaschutz zu tun. So beschäftigen sich auch führende Wirtschaftswissenschaftler mit dem Gedankenexperiment, alle klimapolitischen Maßnahmen wegzudenken. Wären wir dann wieder wettbewerbsfähig? Ihre Antwort lautet nein – die strukturellen Probleme blieben.

Dennoch suggerieren einflussreiche Stimmen in Politik und Medien, Klimaschutz und Wohlstand seien Gegensätze. Sie machen sich damit zum Steigbügelhalter der Akteure, die von fossilen Strukturen profitieren und demnach ein Interesse haben, diesen Eindruck zu erzeugen und zu verfestigen. Dabei sieht die Bevölkerung mehrheitlich keinen Zielkonflikt.

Die Forschung spricht hier von Verzögerungsdiskursen: politischen Narrativen, die nicht offen den Klimawandel leugnen, aber ambitioniertes Handeln systematisch ausbremsen. Die durchaus berechtigten wirtschaftlichen Sorgen der Menschen werden so zum Einfallstor für Erzählungen, die den Wandel verzögern. Und das nicht, weil die Menschen gegen Klimaschutz sind, sondern weil sie in angespannter wirtschaftlicher Lage für die Botschaften, er sei zu teuer und zu fordernd, empfänglich werden.

Politische Erzählungen können den Konsens langsam zerstören

Hier liegt das eigentliche Risiko – und es ist größer als schlechte Umfragewerte. Das Barometer zeigt: 55 Prozent der Bevölkerung haben fehlendes oder mangelhaftes Vertrauen, dass die Bundesregierung beim nachhaltigen Wandel im Interesse der Allgemeinheit handelt. Drei Viertel bewerten Transparenz und Beteiligungsmöglichkeiten als schlecht. Die Zustimmung zu Energie- und Verkehrswende sinkt seit 2021. Unsere Daten wie auch andere Quellen zeigen: Die Klimasorge nimmt ab – paradoxerweise genau dann, wenn die physischen Auswirkungen des Klimawandels unübersehbarer werden.

Was die Politik tut und sagt, hat direkte Wirkung auf den gesellschaftlichen Klimakonsens. Vertrauensverlust in Institutionen und das Gefühl ungerechter Lastenverteilung tun dann ihr Weiteres und schaffen den Nährboden, auf dem Verzögerungserzählungen gedeihen. Das ist keine unvermeidliche gesellschaftliche Dynamik. Es ist das Ergebnis politischer Kommunikation und Entscheidungen.

Was jetzt auf dem Spiel steht

Noch ist der gesellschaftliche Konsens bemerkenswert stabil. Noch diskutieren wir in Deutschland darüber, wie die Transformation gestaltet wird – nicht darüber, ob sie überhaupt gewollt ist. Das ist ein bedeutender Unterschied. Und genau das zeigen die Zeitverlaufsdaten des Barometers: Die Frage nach dem Ob ist nicht die gesellschaftliche Mehrheitsfrage. Sie ist die Frage einer Minderheit – noch.

Doch Anzeichen einer Erosion dieses Konsenses sind sichtbar. Nicht, weil sich die wissenschaftlichen Erkenntnisse geändert hätten. Nicht, weil die Menschen die Brände und die Hitze nicht mehr wahrnehmen. Vielmehr liegt es vermutlich daran, dass wirtschaftliche Sorgen wieder zunehmend gegen den Klimaschutz ausgespielt werden – von Stimmen, die es besser wissen sollten oder wissen.

Unsere Ergebnisse legen nahe, die Mehrheit ernst zu nehmen: in ihrer Bereitschaft zu investieren, in ihrem Wunsch nach evidenzbasiertem Handeln, in ihrer Forderung nach fairer Lastenverteilung. Politiker und Politikerinnen sollten aufhören, die Transformation zum Sündenbock für strukturelle Wirtschaftsprobleme zu erklären, die sie nicht verursacht hat.

Wer das versäumt, riskiert mehr als schlechte Umfragewerte. Er riskiert, den gesellschaftlichen Rückhalt für eine der wichtigsten Zukunftsaufgaben unserer Zeit zu verlieren. Und einmal erodiert, ist er nicht einfach zurückzugewinnen.

Der Umweltpsychologe Jean-Henri Huttarsch ist seit September 2023 wissenschaftlicher Mitarbeiter der Wissenschaftsplattform Nachhaltigkeit 2030 (wpn2030). Zuvor war er wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Sozialen Nachhaltigkeitsbarometer.

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