Kraftwerksstrategie : Deutschlands Energiewende droht ohne mehrtägige Energiespeicher in Gas und Kohle festzuhängen
Die nächste Phase der Energiewende entscheidet sich nicht daran, wie viele Windräder und Solaranlagen Deutschland installiert. Sie entscheidet sich daran, ob Deutschland sauberen Strom speichern kann, um ihn dann abzugeben, wenn das Wetter es verlangt, schreibt Aytaç Yilmaz, Mitgründer und CEO der Speicher-Start-ups Ore Energy.
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Ein entscheidender politischer Moment zeichnet sich ab: Deutschland und die EU haben eine grundsätzliche Einigung zum Kraftwerkssicherheitsgesetz erzielt. Die nächste Phase wird darüber entscheiden, ob Deutschland fossile Energieträger zurückdrängen kann und zugleich ein verlässliches, bezahlbares Stromsystem aufrechterhält oder ob es auf Jahre hinaus von Kohle und Gas abhängig bleibt.
Der Trend ist eindeutig: Erneuerbare Energien deckten 2025 55,9 Prozent der deutschen Nettostromerzeugung im öffentlichen Netz, und dieser Anteil dürfte weiter steigen. Kurzzeitspeicher auf Lithium-Ionen-Basis leisten einen wichtigen Beitrag zur Stabilität des Netzes im Tagesverlauf, insbesondere wenn Sonne und Wind zeitweise wenig liefern. Wenn die Einspeisung aus erneuerbaren Quellen jedoch über längere Zeiträume schwach ist, etwa einen Tag oder länger, greift das System weiterhin auf Kohle und Gas zurück, um die Nachfrage zu decken.
Das ist kein Versagen der Erneuerbaren, sondern ein Speicherproblem. Versorgungssicherheit und Dekarbonisierung hängen zunehmend von Energiespeichern ab, die nicht nur Stunden, sondern mehrere Tage lang Strom liefern können.
Die Bundesregierung hat das grundsätzlich erkannt. Frühere Entwürfe des Kraftwerkssicherheitsgesetzes sahen 12,5 Gigawatt (GW) wasserstofffähige Gaskraftwerke sowie eine 500-MW-Auktion speziell für Langzeitspeicher (Long Duration Energy Storage, LDES) vor. Dieser Langzeitspeicher-Baustein hat den letzten Gesetzgebungszyklus nicht überstanden. An seine Stelle tritt die kürzlich angekündigte Ausschreibung über zehn GW neue Kapazität, die vor allem, aber nicht ausschließlich, auf Gaskraftwerke ausgerichtet ist, sowie weitere zwei GW, die als „technologieneutral“ gelten und potenziell auch Energiespeicher einschließen.
Hier kommt es auf die Details an. Wenn die Bewertungskriterien nicht konsequent auf Dauer und Verlässlichkeit ausgerichtet sind, werden die Ausschreibungen von denselben Lösungen gewonnen, die heute bereits das System dominieren, und das Fenster für echte Zukunftssicherheit schließt sich.
Energiespeicherung ist keine Einheitslösung
Lithium-Ionen-Speicher sind hervorragend für den Ausgleich innerhalb eines Tages. Für längere Entladedauern sind sie jedoch oft wirtschaftlich unattraktiv, was ein Grund dafür ist, dass Stromsysteme bei mehrtägigen Engpässen weiterhin auf fossile Kraftwerke zurückgreifen. Eine Ausdehnung über die typische Spanne von einer bis acht Stunden hinaus erfordert in der Regel proportional mehr Batterien. Es ist wie bei Konsumelektronik: Je länger ein Campingausflug dauert, desto mehr Powerbanks braucht man, um Geräte am Laufen zu halten. Immer mehr Lithium-Ionen-Kapazität aufzubauen, ist ein teurer Weg, um mehrtägige Versorgungssicherheit zu kaufen, wenn Langzeitspeicheroptionen existieren.
Unter den Langzeitspeichern ist Pumpspeicherwasserkraft ein bewährtes Arbeitspferd, und Deutschland betreibt bereits Kapazitäten im mehrgigawattigen Bereich. Doch der Ausbau ist durch Geografie, Genehmigungen und hohe Anfangsinvestitionen begrenzt, und auch Pumpspeicher können mehrtägige Defizite auf Systemebene nicht zuverlässig abdecken. Wasserstoff lässt sich zwar über Monate speichern und könnte für saisonale Versorgungssicherheit eine Rolle spielen, doch die Umwandlung von Strom in Wasserstoff und zurück in Strom ist typischerweise ineffizient und damit ein teures Instrument für routinemäßige mehrtägige Lücken.
Deshalb gewinnen mehrere Technologiefamilien mit Entladedauern von 24 bis 100+ Stunden an Aufmerksamkeit, darunter thermische Speicher, Druckluft- oder Flüssigluftansätze, Flow-Batterien sowie alternative Batterieverfahren wie Eisen-Luft. Diese Technologien ergänzen Kurzzeitspeicher auf Lithium-Ionen-Basis und bieten einen glaubwürdigen Weg, mehrtägige Zuverlässigkeitslücken zu schließen und den Bedarf an fossilen Spitzenlastkraftwerken zu verringern.
Die zentrale politische Frage ist nicht, ob eine einzelne Technologie „die Lösung“ ist, sondern wie Deutschland die Beschaffung so gestaltet, dass jede Option, die tatsächlich mehrtägige Zuverlässigkeit liefert, anhand messbarer Leistung fair konkurrieren kann.
Jetzt ist der Moment, in dem Deutschland vorausschauende energiepolitische Führung zeigen kann. Das Kraftwerkssicherheitsgesetz sollte drei Dinge leisten, um Versorgungssicherheit zukunftsfest zu machen und Kohle dauerhaft aus dem System zu halten:
Entladedauer beschaffen, nicht nur Megawatt
Die Resilienz des Stromnetzes hängt davon ab, wie lange Leistung in Stresssituationen geliefert werden kann, nicht nur davon, wie schnell Kapazität reagieren kann. Ein kleineres System, das mehrere Tage durchhält, kann in einer Dunkelflaute wertvoller sein als ein größeres System, das nur wenige Stunden liefert. Deutschland sollte daher eine laufzeitgewichtete Bewertung einführen, mit klaren Zielvorgaben über mehrere Entladezeit-Bänder (zum Beispiel 24 bis 48 Stunden sowie 72 bis 100 Stunden). Das ermöglicht belastbare Vergleiche und bildet ab, was das Netz tatsächlich braucht.
Mindestanforderungen an die Leistung festlegen
Lösungen sollten anhand transparenter Leistungsstandards bewertet werden, etwa Mindestdauer der kontinuierlichen Entladung, nachgewiesene Verfügbarkeit in kritischen Wetterfenstern, klare Sanktionen bei Nichterfüllung sowie netzrelevante Dienste in Ausnahmesituationen (zum Beispiel Schwarzstartfähigkeit, wo relevant). Wenn Versorgungssicherheit das Ziel ist, muss die Bewertung Dauer, Verfügbarkeit und Resilienz belohnen, nicht nur den niedrigsten Preis pro Megawatt.
Europäische Resilienz stärken
Beschaffung kann außerdem Lieferkettenrisiken, Nachhaltigkeit und Lebenszykluswirkungen berücksichtigen, im Einklang mit EU-Rahmenwerken und deutscher Industriepolitik. Ziel sollte sein, die Systemresilienz zu erhöhen und strategische Abhängigkeiten zu reduzieren, ohne Anbieter oder Technologien vorab festzulegen. Wenn Deutschland bestimmte Formen gesicherter Leistung als strategisch betrachtet, sollte Langzeitspeicherung anhand ebenso strenger Kriterien bewertet werden, die sowohl Systemwert als auch Resilienz abbilden.
Wenn Deutschland mehrtägige Flexibilität nicht priorisiert, sind die Folgen absehbar: höhere Anfälligkeit für wettergetriebene Preisspitzen, größere Importabhängigkeit in Stresslagen und erneuter politischer Druck, fossile Laufzeiten zu verlängern oder die Erneuerbaren als Ausweichlösung zu überdimensionieren. Keiner dieser Wege ist kosteneffektiv.
Die nächste Phase der Energiewende wird nicht allein davon entschieden, wie viele Windräder und Solaranlagen Deutschland installiert. Sie wird davon entschieden, ob Deutschland sauberen Strom speichern kann, um ihn dann abzugeben, wenn das Wetter es verlangt. Das politische Fenster ist offen. Entscheidend ist, das richtige Merkmal zu beschaffen: mehrtägige Zuverlässigkeit.
Aytaç Yilmaz ist Mitgründer und CEO des auf Eisen-Luft-Speicher spezialisierten niederländischen Start-up Ore Energy.
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