Gesicherte Leistung : Dezentrale Lösungen müssen in die Kraftwerksstrategie
Die Bundesregierung setzt bei der Kraftwerksstrategie auf Erdgas. Aus Sicht von Felix Fischer greift der Ansatz aber zu kurz. Denn der Kraftwerksbau wird Jahre dauern und hohe Kosten verursachen. Ergänzend schlägt der COO von Reverion daher eine zweite Säule vor: kurzfristig ausbaubare Biogasanlagen. Ausgestattet mit einer modernen Brennstoffzellentechnologie könnten sie leistungsstärker werden und die Versorgungssicherheit gewährleisten.
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Mit der Kraftwerksstrategie will die Bundesregierung nach der Sommerpause endlich Planungssicherheit schaffen. Der Bedarf an regelbarer Leistung ist unbestritten, die Umsetzung aber bleibt eine Herausforderung. Neue wasserstofffähige Gaskraftwerke sind zwar fest eingeplant, doch ihr Zubau wird Jahre dauern – und setzt zudem voraus, dass grüner Wasserstoff in ausreichender Menge, zu erträglichen Preisen und mit entsprechender Infrastruktur verfügbar ist.
Der wirtschaftliche Betrieb der geplanten Gaskraftwerke wird zudem ohne staatliche Unterstützung kaum möglich sein. Es werden Subventionen oder ein Kapazitätspreis notwendig, der beihilferechtlich verursachergerecht refinanziert werden müsste. Dies wird perspektivisch zu steigenden Strompreisen führen – trotz des Ziels, diese eigentlich zu senken.
Deutschland braucht eine realistische Ergänzung zur Großkraftwerksstrategie – eine zweite Säule, die kurzfristig ausgebaut werden kann, um Versorgungssicherheit zu gewährleisten, Belastungen durch den Netzausbau zu mindern und gleichzeitig einen Beitrag zur Dekarbonisierung zu leisten. Die Technologien dafür sind marktreif und umsetzbar. Sie drohen aber in der Debatte um die Kraftwerksstrategie unterzugehen.
Dezentrale Optionen konsequent nutzen
Schon heute stehen in Deutschland beispielsweise rund 6,4 Gigawatt installierte Biogasleistung zur Verfügung. Diese Anlagen sind in regionalen Wertschöpfungsketten verankert, oft bereits am Netz angeschlossen und könnten über die Ausstattung mit moderner Brennstoffzellentechnologie deutlich mehr leisten. Technologische Innovationen – wie reversible Kraftwerke – zeigen, dass Biogasanlagen nicht nur kontinuierlich Strom liefern, sondern auch in kürzester Zeit bedarfsgerecht einspeisen oder das Netz entlasten können.
Reversible Kraftwerke erlauben die Umwandlung von Strom in Wasserstoff oder Methan, was die Speicherung von erneuerbarem Überschussstrom sowohl kurz- als auch langfristig ermöglicht. Solche flexiblen Lösungen können das Stromnetz in beide Richtungen ausgleichen und decken sowohl die „Dunkelflaute“ als auch die „Hellbrise” ab. An drei Biogasstandorten in Bayern und Baden-Württemberg können wir das mit unseren ersten Reverion-Kraftwerken bereits heute zeigen.
Solche Ansätze könnten das verfügbare Leistungspotenzial von Biogas in Deutschland auf mehr als 20 GW steigern – ohne zusätzliche Biomasse. Das wäre eine der schnellsten Möglichkeiten, die Versorgungslücke bis zum Hochlauf der Wasserstoffinfrastruktur zu schließen.
Überdies fallen in den kommenden Jahren zahlreiche Biogasanlagen aus der EEG-Förderung. Innovative Technologien wie die reversiblen Kraftwerke ermöglichen jedoch einen wirtschaftlichen Weiterbetrieb und sichern damit die Zukunft dieser Anlagen. Eine Vernachlässigung von Biogas in der Kraftwerksstrategie wäre daher eine verpasste Chance, dringend notwendige Investitionen in die Modernisierung der deutschen Biogasinfrastruktur anzureizen.
Ein Beitrag zur Systemresilienz
Der Vorteil dezentraler Lösungen liegt nicht nur in der Geschwindigkeit: Sie erhöhen die Resilienz des Gesamtsystems und reduzieren den Druck auf den Netzausbau. Regionale Einspeisung stabilisiert das Netz, senkt Übertragungskosten und macht das System robuster gegenüber Störungen oder Engpässen.
Darüber hinaus entsteht so eine Brücke zur künftigen Wasserstoffwirtschaft. Viele bestehende Biogasanlagen sind bereits an das Gasnetz angeschlossen, das perspektivisch für den Transport von Wasserstoff umgerüstet werden kann. Damit tragen dezentrale Kraftwerke nicht nur zur Versorgungssicherheit bei, sondern fördern auch eine kosteneffiziente und koordinierte Transformation.
Politische Weichen richtig stellen
Damit dieses Potenzial schnell gehoben werden kann, braucht es drei zentrale Schritte:
1. Technologieoffenheit sichern: Der geplante Kapazitätsmarkt muss so ausgestaltet werden, dass auch dezentrale Anlagen mit geringen Mindestgrößen ab 0,5 MW teilnehmen können.
2. Förderlogik anpassen: Die exklusive Fokussierung auf Wasserstoffverstromung sollte zugunsten erneuerbarer Gase erweitert werden – das erhöht die Flexibilität und reduziert die Abhängigkeit von einem einzigen Energieträger.
3. Schnelle Integration ermöglichen: Bestehende Biogasanlagen sollten durch gezielte Förderanreize fit für netzdienliche, flexible Fahrweisen gemacht werden, um so einen kurzfristigen Beitrag zur gesicherten Leistung zu leisten.
Folgen für innovative Energietechnikunternehmen
Der Kurs der Bundesregierung hat nicht nur Auswirkungen auf die Energiepreise und Versorgungssicherheit, sondern auch auf die Perspektiven innovativer Technologieanbieter in Deutschland. Werden dezentrale Lösungen und neue Technologien in der Kraftwerksstrategie berücksichtigt, stärkt das den Standort und beschleunigt die Transformation. Werden sie jedoch übergangen, droht eine Verlagerung von Know-how und Wertschöpfung ins Ausland – ein Risiko für die gesamte Energiewirtschaft.
Fazit
Deutschland steht unter Zeitdruck, hat aber auch eine Menge Innovationspotenzial: Der Bedarf an regelbarer Leistung wächst, die Dekarbonisierung des Stromsystems duldet keinen Aufschub, und der Netzausbau ist ein Mammutprojekt. Dezentrale, flexible Lösungen können diese Lücke kurzfristig und nachhaltig schließen und bieten so das fehlende Puzzlestück in der Energiewende.
Die Technologie dafür ist bereits verfügbar - und das „Made in Germany”. Jetzt kommt es darauf an, dass die Kraftwerksstrategie dieses Potenzial konsequent nutzt und die politische Regulierung die notwendige Planungssicherheit schafft. Nur dann kann der Balanceakt zwischen Versorgungssicherheit, Klimaschutz und Kosteneffizienz zum Innovationsmotor werden – und das schon heute.
Felix Fischer hat 2022 Reverion mitgegründet. Das Unternehmen stellt reversible Hochtemperatur-Brennstoffzellenkraftwerke her. Sie wandeln Biogas oder Wasserstoff in Strom um und speichern überschüssige elektrische Energie in Form von Wasserstoff oder Methan.
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