Energiewende-Monitoring : Ein klarer Auftrag, politisch gegenzusteuern
Die eingetrübte Stromverbrauchsprognose des Energiewende-Monitorings gibt Sabine Nallinger wenig Hoffnung auf ein baldiges Ende der Wirtschaftsflaute. Die Vorständin der Stiftung KlimaWirtschaft plädiert deshalb für mehr Investitionen in die Elektrifizierung und einen effizienteren Erneuerbaren-Ausbau, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln.
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Der nach unten korrigierte Stromverbrauchskorridor des Energiewende-Monitorings stellt der deutschen Wirtschaft alles andere als eine sonnige Zukunft in Aussicht. Weniger E-Autos, weniger Wärmepumpen, weniger Elektrolyseure, weniger Industrieproduktion und damit auch weniger Investitionen und Wirtschaftsleistung – so das Bild, das der Bericht im Vergleich zu vorherigen Prognosen für die kommenden Jahre zeichnet. Lagen frühere Prognosen für 2030 noch bei maximal 910 Terawattstunden (TWh) Bruttostromverbrauch, liegt der Trendkorridor nun bei maximal 700 TWh. Vor allem angesichts der anhaltenden Rezession und Deindustrialisierung sind diese Aussichten ein alarmierendes Signal.
Zur Einordnung: Die deutsche Industrie verliert aktuell rund 10.000 Jobs pro Monat, bei Neugründungen erlebt sie seit der Energiekrise eine immer deutlichere Flaute. Dabei könnten Investitionen in elektrische Prozesse, Wasserstoff, Netzinfrastruktur und Erneuerbare eigentlich für mehr Wachstum sorgen und der Wirtschaft dabei helfen, einen Ausweg aus der Rezession zu finden. Gleichzeitig würden sie auch dazu beitragen, die Versorgung mit nachhaltiger und günstiger Energie am Standort zu sichern. Vorausgesetzt, die Regierung zieht bei den anstehenden Gesetzesänderungen die richtigen Schlüsse aus dem Monitoring.
Investitionen in die Elektrifizierung anreizen
Schwindendes China-Geschäft, teure Energieimporte, Zollstreit mit den USA, Rückstände bei Schlüsseltechnologien und drei Millionen Arbeitslose: Deutschlands Wirtschaftsmodell braucht dringend eine Erneuerung. Die Umstellung auf strombasierte Prozesse im Industrie-, Agrar-, Verkehrs- und Gebäudesektor könnte dabei eine wichtige Rolle einnehmen. Damit Unternehmen hier jedoch mehr investieren als das Monitoring derzeit prognostiziert, müssen die Anschaffung und der Betrieb elektrischer Anlagen besser kalkulierbar und attraktiver als ihre fossilen Alternativen sein.
Ein einfaches Instrument dafür wären verlässliche Investitionsanreize, etwa für Elektrofahrzeuge, Wärmepumpen oder elektrische Industrieanlagen. Viele der im Koalitionsvertrag angekündigten Maßnahmen wurden hier allerdings noch nicht umgesetzt oder können ihre Wirkung nicht voll entfalten, da ausstehende Reformen für Verunsicherung sorgen – siehe Heizungsgesetz und EPBD-Umsetzung. Geht es dagegen um den Betrieb elektrischer Anlagen, spielt der Strompreis eine zentrale Rolle. Eine Senkung der Stromsteuer für Verbraucher könnte hier helfen und vor allem die Kostenbilanz von E-Autos und Wärmepumpen langfristig verbessern.
Weiter gilt es aber auch, bei den Netzentgelten anzusetzen. Erfreulich ist hier, dass die Regierung bereits eine Bezuschussung der Netzentgelte mit rund 26 Milliarden Euro in den kommenden vier Jahren angekündigt hat. Vor dem Hintergrund der Kassenlage ein klarer Erfolg. Da viele Anschaffungen jedoch auf deutlich längere Zeiträume angelegt werden, bleibt Bedarf an längerfristigen Lösungen. Mit Blick auf die Industrie könnten Klimaschutzverträge diese Funktion übernehmen, etwa wenn es um den Betrieb von Industriewärmepumpen geht. Darüber hinaus bleibt auch eine Streckung der Netzentgelte via Amortisationskonto eine Möglichkeit, mit der man die Energiepreise langfristig und verlässlich dämpfen könnte.
An den Ausbauzielen für die Erneuerbaren festhalten
Die erneuerbaren Energien sind klimaneutral, senken die Handelspreise und machen unabhängig von ausländischen Energieimporten. In der Theorie tragen sie damit maßgeblich zur Erfüllung der drei energiepolitischen Ziele (Klimaneutralität, Kosteneffizienz, Versorgungssicherheit) bei und können den Standort attraktiv für internationales Kapital machen, das stets nach günstigem Grünstrom sucht. Das Problem: In der Praxis kommen die Vorteile der Erneuerbaren im Energiesystem noch nicht voll zum Tragen, da es bei der Integration an vielen Stellen hakt.
Manche Politiker forderten in den vergangenen Wochen, den Erneuerbaren-Ausbau zu verlangsamen, um Stress aus dem System zu nehmen. Was dabei jedoch übersehen wird, ist, dass selbst die bisherigen Ausbauziele für Wind und Solar kaum ausreichen, um den im Gutachten prognostizierten Stromverbrauch bei fortschreitendem Kohleausstieg sicher abdecken zu können. Das legt auch der aktuelle Versorgungsbericht der Bundesnetzagentur nahe. Was ein verlangsamter Ausbau jedoch mit Sicherheit bewirken würde, ist mehr Druck auf die Preise und die Versorgungssicherheit.
Beim Ausbau konsequent auf Effizienz setzen
Um Kosten der Energiewende zu senken, empfiehlt es sich, statt bei den Ausbauzielen direkt auf der Praxisebene anzusetzen. Sinnvoll wäre hier zum Beispiel eine stärkere Fokussierung auf Freiflächen-PV, die günstiger bei der Kapitalbeschaffung und Systemintegration ist. Weiter kann auch eine „Überbauung“ mehr Effizienzen heben, bei der Solar, Wind und Speicher über einen gemeinsamen Netzanschlusspunkt laufen. Beide Ansätze sind zwar weithin bekannt, von einer flächendeckenden Anwendung allerdings noch weit entfernt, da regulatorische Hürden bremsen.
Ebenfalls hilfreich, aber häufig übersehen, sind Lokalisierungsanreize. So werden bei der Standortwahl von Erneuerbaren aktuell vor allem die ertragreichsten Flächen ausgewählt, während Netzanschlusskosten kaum eine Rolle in der Kalkulation spielen. Eine breitere Anwendung von Baukostenzuschüssen könnte dem entgegenwirken und die Systemkosten insgesamt verringern.
Mehr Flexibilität durch zeitvariable Netzentgelte ermöglichen
Die Flexibilisierung der Stromnachfrage bietet enormes Potenzial und könnte zu deutlich mehr Stabilität sowie geringeren Systemkosten führen. Manche Studien gehen für 2030 von einer installierten flexiblen Leistung von über 200 Gigawatt aus. Um diese Kapazitäten zu nutzen, bräuchte es allerdings eine bessere Digitalisierung. Ein Flaschenhals ist hier der Smart-Meter-Rollout, der sich jedoch mit verbindlichen Umsetzungsfristen, klaren Zuständigkeiten und kürzeren Genehmigungsprozessen beschleunigen ließe. Weiter gilt es, das bidirektionale Laden endlich aus den Kinderschuhen zu holen und mehr regulatorische Klarheit für neue Geschäftsmodelle zu schaffen.
Das wichtigste Instrument zur Flexibilisierung bleibt jedoch der Preis. Da Erzeugung und Verbrauch derzeit immer häufiger aus dem Gleichgewicht geraten und hohe Redispatchkosten verursachen, sollte dringend über Lösungen jenseits des Preiszonensplits nachgedacht werden. Zeitvariable Netzentgelte in den Verteilnetzen – zum Beispiel verpflichtend mit mindestens zwei Tarifphasen – könnten hier Abhilfe schaffen. Die Idee ist im Koalitionsvertrag festgeschrieben, aber die Ausgestaltung steht noch aus.
Sabine Nallinger ist Vorständin der Stiftung KlimaWirtschaft, einer unabhängigen und parteiübergreifenden CEO-Initiative für mehr unternehmerischen Klimaschutz in Deutschland.
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