EU-Klimapolitik : Europa im Schatten Chinas: Warum der Green Deal eine neue Taktung braucht

Graham Weale
Graham Weale, Honorarprofessor für Energieökonomie, Centrum für Umweltmanagement, Ressourcen und Energie (CURE) der Ruhr-Universität Bochum Foto: André Laaks

Graham Weale bezweifelt, dass das EU-Ziel der Klimaneutralität bis zum Jahr 2050 erreichbar ist. China, argumentiert der Energieökonom an der Uni Bochum, setzt hierfür inzwischen die Maßstäbe, nicht Europa. Er plädiert für eine zeitliche und industriepolitische Neujustierung.

von Graham Weale, Ruhr-Universität Bochum

veröffentlicht am

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Der europäische Green Deal ist mit vier großen Zielen angetreten: Klimaneutralität bis 2050 zu tragbaren Kosten, technologische Führerschaft, globaler klimapolitischer Einfluss und größere Energieunabhängigkeit. Diese vier Ziele bildeten seinen politischen und ordnungspolitischen Kern. Doch unter den heutigen wirtschaftlichen und geopolitischen Bedingungen gerät jede dieser vier Säulen unter Druck. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr nur, wie der Green Deal umgesetzt wird, sondern ob seine bisherige Taktung noch tragfähig ist.

Besonders deutlich wird das im Vergleich mit China. China verantwortet rund 30 Prozent der globalen Emissionen, die Europäische Union weniger als 7 Prozent. Zugleich ist China in fast allen Feldern der grünen Technologien zum führenden Akteur geworden – bei Skalierung, Produktionskosten und industrieller Tiefe. Europa versucht damit, schneller zu dekarbonisieren als ein Wettbewerber, der über größere Kostenvorteile, längere Zeiträume und stärkere industrielle Hebel verfügt.

1. Die ökonomische Grundlage des 2050-Ziels wird fragiler

Zwischen 2014 und 2024 sanken die Nettoemissionen der EU jährlich um rund 74 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent. Für das 90-Prozent-Ziel bis 2040 müsste sich dieses Tempo mit sofortiger Wirkung auf etwa 145 Millionen Tonnen pro Jahr nahezu verdoppeln. Gleichzeitig sind die kostengünstigen Minderungsoptionen weitgehend ausgeschöpft. In energieintensiven Branchen wie Stahl, Chemie und Zement liegen die Grenzvermeidungskosten bereits heute bei rund 250 Euro pro Tonne CO2 mit CCS und steigen bei Wasserstoff oder Elektrifizierung auf 850 bis 950 Euro.

Hinzu kommt die Investitionsseite. Der jährliche Finanzierungsbedarf für Dekarbonisierung, Netze, Speicher und industrielle Umrüstung wird inzwischen auf bis zu 1.350 Milliarden Euro geschätzt. Dem steht eine Finanzierungslücke von rund 520 Milliarden Euro jährlich gegenüber. Ein Ziel, das auf Dauer solche Lücken voraussetzt, verliert politische Glaubwürdigkeit – unabhängig davon, wie richtig es klimapolitisch gemeint sein mag.

2. Technologieführerschaft ohne Skalierung reicht nicht aus

Europa verweist gern auf seine Innovationskraft. Doch in der neuen Energiewirtschaft entscheiden nicht Patente allein, sondern Produktionskosten, Kapitalzugang und industrielle Skalierung. Genau dort hat China einen strukturellen Vorsprung aufgebaut. Nach IRENA-Daten hält China rund 71 Prozent der Patente für erneuerbare Energien, die EU nur 4 Prozent. Bei Batterien beträgt das Verhältnis 69 zu 6 Prozent. In vielen grünen Industriegütern liegt Chinas Weltmarktanteil inzwischen bei 45 bis 60 Prozent, während Europa oft nur auf 10 bis 30 Prozent kommt.

Der europäische Zielpfad setzt damit auf technologische Führerschaft, ohne dass die industrielle Basis in gleichem Maße gesichert wäre. Was als Vorreiterrolle gedacht war, droht so zu einer Vorleistung zu werden, die andere kostengünstiger in Wertschöpfung umsetzen.

3. Europas globaler Einfluss bleibt begrenzt

Der Green Deal beruhte auch auf der Annahme, Europa könne durch Vorleistung internationale Standards setzen. Doch diese Erwartung hat sich nur teilweise erfüllt. Zwar hat der CO2-Grenzausgleich dazu beigetragen, dass China seinen Emissionshandel auf weitere Sektoren ausdehnt. Aber die Preisniveaus liegen weiterhin weit auseinander: in der EU bei rund 75 Euro je Tonne CO2, in China bei unter 15 Euro. Die USA verfügen bis heute über keinen landesweiten CO2-Preis; die bestehenden regionalen Systeme ändern nichts daran, dass ein mit Europa vergleichbarer nationaler Rahmen fehlt.

Kein anderer großer Emittent plant derzeit, das europäische Netto-Null-Datum 2050 zu übernehmen oder einen ähnlich ambitionierten CO2-Preispfad nachzubilden. Europa kann klimapolitisch Vorreiter sein, aber es kann das globale Tempo nicht allein bestimmen.

4. Energieunabhängigkeit wird nur teilweise erreicht

Die EU wird ihre Abhängigkeit von fossilen Importen verringern und damit einen wichtigen Fortschritt erzielen. Vollständige Energieunabhängigkeit ist jedoch auch in einem dekarbonisierten System kaum realistisch. An die Stelle fossiler Abhängigkeiten treten neue Abhängigkeiten bei Technologien, Vorprodukten sowie künftig wohl auch bei Wasserstoff und seinen Derivaten.

Besonders deutlich wird das bei den Kosten. Die Gestehungskosten für Photovoltaik und Onshore-Wind lagen 2024 in der EU laut IRENA rund doppelt so hoch wie in China und 40 bis 50 Prozent über dem globalen Durchschnitt. Genau das erklärt, warum Europa langfristig auf erhebliche Importe sauberer Energieträger angewiesen bleiben dürfte. Wenn Europa im Jahr 2050 – wie vielfach unterstellt – rund 75 Prozent seines Wasserstoffbedarfs und einen erheblichen Teil der Derivate importieren müsste, entstünden daraus jährliche Kosten von etwa 70 bis 100 Milliarden Euro. Das entspräche etwa einem Viertel der heutigen Energieimportkosten. Hinzu kämen erhebliche Importe grüner Vorprodukte und Technologien. Unter dem Strich würde die fossile Importabhängigkeit damit zwar sinken, die Entlastung der Handelsbilanz aber deutlich geringer ausfallen als oft unterstellt.

Was daraus folgt

Die Schlussfolgerung lautet nicht, dass Europa seine Klimaziele aufgeben sollte. Wohl aber muss es seine Taktung neu kalibrieren. Wenn alle vier ursprünglichen Versprechen des Green Deal – tragbare Kosten, Technologieführerschaft, globaler Einfluss und größere Energieunabhängigkeit – in ihrer heutigen Form unter Druck geraten, dann reicht es nicht, nur einzelne Instrumente nachzuschärfen.

Europa braucht eine realistischere zeitliche und industriepolitische Neujustierung seines Klimapfads. Dazu gehört auch die unbequeme Frage, ob das Zieljahr 2050 unter den veränderten globalen Bedingungen noch der richtige Bezugspunkt ist. Ein längerer Zeithorizont würde Zeit für Infrastruktur, Kapitalmobilisierung, industrielle Skalierung und technologische Lernkurven gewinnen – und damit die Chance erhöhen, dass Klimapolitik zugleich ökologisch wirksam und ökonomisch tragfähig bleibt.

Klimapolitik darf nicht allein an der Ambition ihrer Zielmarken gemessen werden. Sie muss sich auch daran messen lassen, ob sie finanzierbar, industriepolitisch tragfähig und geopolitisch realistisch ist. Genau diese Debatte braucht der Green Deal jetzt.

Graham Weale ist Honorarprofessor für Energieökonomie am Centrum für Umweltmanagement, Ressourcen und Energie (CURE) der Ruhr-Universität Bochum. Er war zuvor Chefvolkswirt von RWE und hat einen Abschluss in Physik von der Universität Oxford sowie einen MBA.

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