Deutschlands Wirtschaft : Stärkt Industrien, deren Chancen am größten sind

Lukas Bertram
Lukas Bertram, Ökonom und Programmleiter, ZOE Institut für zukunftsfähige Ökonomien Foto: Ökonom, ZOE Institut für zukunftsfähige Ökonomien

Vorsichtig optimistische Wachstumsprognosen stimmen nicht, warnt Lukas Bertram, Ökonom und Programmleiter am ZOE Institut für zukunftsfähige Ökonomien. Das Reformpaket der Regierung löst die strukturellen Probleme nicht. Außerdem braucht es mehr Geld für innovative Geschäftsmodelle.

von Lukas Bertram, ZOE Institut für zukunftsfähige Ökonomien

veröffentlicht am

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Selten war Wirtschaftspolitik so sehr in aller Munde wie in diesen Tagen. Die Koalition hat nach monatelangem Ringen ihr Reformpaket vorgelegt. Die Logik, die das Paket dominiert, prägt die Wirtschaftsdebatte bereits seit Langem: Wenn Deutsche fleißiger arbeiten, weniger krankfeiern und steuerlich entlastet werden, kommt die Wirtschaft wieder in Schwung.

Verstärkt wird dieser Eindruck durch Wachstumsprognosen, die zwar für das laufende Jahr schwach ausfallen, für die mittlere Frist aber regelmäßig freundlicher klingen. Zusammen ergibt sich daraus eine beruhigende Botschaft: Mit etwas mehr Geduld und Fleiß kommt Deutschland schon wieder auf die Beine. Diese Diagnose ist falsch – und sie ist gefährlich.

Denn wer genauer hinschaut, erkennt: Die Krise der deutschen Wirtschaft, insbesondere der Industrie, ist weder vorübergehender Natur, noch lässt sie sich durch Steuersenkungen und längere Arbeitszeiten lösen. China ist in deutschen Kernsektoren – etwa im Fahrzeug- und Maschinenbau – vom Absatzmarkt zum ernsthaften Wettbewerber geworden. Geopolitische Verwerfungen haben Lieferketten ins Wanken gebracht, auf die Deutschland jahrzehntelang gebaut hat. Und innovative Geschäftsmodelle erhalten selten den nötigen Anschub, um sich am Markt durchzusetzen. Das ist kein Konjunkturtal. Das ist eine neue Realität.

Die Industrie schrumpft

Die Folgen für den Arbeitsmarkt sind bereits spürbar. Seit 2019 ist jeder zwanzigste Industrie-Job verloren gegangen, eine Viertelmillion Stellen. Allein 2025 wurden 124.000 Industriearbeitsplätze abgebaut, in der Autoindustrie in sechs Jahren jeder siebte. Industrieinsolvenzen liegen auf einem 12-Jahres-Hoch. Erschwerend kommt hinzu, dass ein wachsender Teil des Stellenabbaus nicht durch aktive Entlassungen, sondern durch ausbleibende Neueinstellungen und nicht nachbesetzte Stellen entsteht. Die Industrie schrumpft vielerorts still und ohne großes Aufsehen.

Zwar entstehen anderorts neue Arbeitsplätze, etwa in erneuerbaren Energien – die Branche erreichte 2025 mit 436.000 Beschäftigen einen Rekordstand, angeführt von der Windenergie an Land (131.300 Personen). Auch der öffentliche Dienst, der Erziehungssektor und das Gesundheitswesen bauen Arbeitsplätze auf. Wer daraus jedoch schließt, der deutsche Arbeitsmarkt werde sich schon selbst regulieren, übersieht das zentrale Problem: Die Stellen, die wegfallen, und die Stellen, die dazukommen, verlangen unterschiedliche Fähigkeiten – und die lassen sich nicht von heute auf morgen aneignen. Von einer Übergangsphase auszugehen, greift zu kurz: Die Anforderungen an Arbeitnehmende verändern sich tiefgreifend und langfristig.

Politisch heikles Thema

Es ist verständlich, dass Politiker:innen zögern, diese Wahrheit offen auszusprechen. Wer klar benennt, dass ganze Branchen keine Zukunft haben und – solange sich die Politik mit Abwarten begnügt – viele Betroffene keine einfache Alternative finden werden, verliert Wählerstimmen in betroffenen Regionen. Kurzfristig ist die Hoffnung auf den Aufschwung bequemer als die Bereitschaft zu echter Veränderung.

Doch Arbeit ist für Menschen weit mehr als Einkommen. Sie ist Identität, Zugehörigkeit, das Gefühl, gebraucht zu werden. Jobverlust ohne Perspektive erzeugt Angst. Und Angst, das zeigen die Wahlergebnisse der letzten Jahre, treibt Menschen in die Arme populistischer Parteien.

Um dem entgegenzuwirken und Menschen eine echte Perspektive auf gute Arbeit zu bieten, braucht es eine industriepolitische Strategie, die da ansetzt, wo das Potenzial der deutschen Wirtschaft auf lange Sicht am größten ist. Das wird unbequeme Entscheidungen erfordern, aber eine Diagnose zu stellen und zu behandeln ist besser als immer neue Schmerzmittel zu verschreiben. Eine solche Therapie beginnt mit drei Schritten.

Förderung für zukunftsfähige Branchen

Erstens muss klar werden, wo realistische Zukunftschancen liegen: Welche Industrien können langfristig deutschen Wohlstand tragen, welche nicht? Diese Frage wird bisher zu selten systematisch gestellt. Stattdessen orientieren sich Förderentscheidungen oft eher an der Sichtbarkeit und Verhandlungsmacht einzelner Branchen und festigen damit häufig den Status quo. Objektivieren lässt sich diese Frage durch quantitative Indikatoren. Zum Beispiel können Daten zur ökonomischen Komplexität einer Branche anzeigen, wie viel Wissen und wie viele spezialisierte Fähigkeiten in ihr gebündelt sind, und damit, wie leicht sich daraus neue, verwandte Industrien entwickeln lassen. Die Emissionsintensität kann helfen zu verstehen, wie stark eine Branche vom Übergang zur Klimaneutralität betroffen sein wird. Und der Verflechtungsgrad in Lieferketten macht sichtbar, wie unverzichtbar eine Branche für andere Industrien ist, unabhängig von ihrer reinen Beschäftigungszahl.

Zweitens gilt es, auf dieser Basis die entscheidenden Hebel zu finden, um vielversprechenden Industrien beim Durchbruch und anderen beim Wandel hin zu Innovation und Nachhaltigkeit zu helfen. Das bedingt einen ehrlichen Blick auf die unterschiedlichen Herausforderungen verschiedener Branchen. Ein prominentes Beispiel: Die größten Probleme für die Transformation der deutschen Autoindustrie sind nicht zu viel Bürokratie, Steuern oder ein zu kurzer Arbeitstag. Es ist vor allem der technologische Rückstand gegenüber chinesischen Herstellern, etwa bei Batterien und Software. Lösungen, die an dieser Ursache vorbeigehen, verpuffen.

Drittens muss die Begleitung von Beschäftigten in schrumpfenden Branchen Teil der Industriestrategie werden, statt nur ein arbeitsmarktpolitischer Reflex. Umschulung ins Blaue hilft wenig. Wer weiß, welche Sektoren wachsen werden, kann Arbeitnehmende frühzeitig auf eine berufliche Veränderung vorbereiten.

Transformation bleibt fragil

Genauso wichtig ist aber die umgekehrte Richtung: Industriepolitik kann wachsende Branchen gezielt dort ansiedeln, wo bereits passende Fähigkeiten vorhanden sind. Nachdem Continental die Schließung seines Werkes in Gifhorn ankündigte, siedelte der Wärmepumpenhersteller Stiebel Eltron dort einen Teil seiner Fertigung an und qualifizierte Beschäftigte mit passenden Vorkenntnissen, etwa aus Montage, Logistik oder Elektrik, gezielt weiter.

Wie fragil solche Übergänge bleiben, zeigte sich kurz danach. Verunsicherung durch die monatelange politische Debatte um das sogenannte Heizungsgesetz ließ die Nachfrage einbrechen und zwang Stiebel Eltron unternehmensweit in die Kurzarbeit. Ohne verlässliche, regional gedachte Verzahnung von Arbeitsmarkt- und Industriepolitik bleiben neue Jobs am falschen Ort oder brechen wieder weg.

Aus diesen drei Bausteinen lässt sich ein stabiles Fundament bilden: eine Industriestrategie, die nicht auf das Prinzip Hoffnung setzt, sondern zukunftsfähige Industrien gezielt fördert und auf die Transformation vorbereitet. Die Bundesregierung wäre gut beraten, dies zur Grundlage künftiger Wirtschaftspolitik zu machen, statt weiter nur auf längere Arbeitszeiten und Steuerentlastung zu setzen. Es gilt, was Lampedusa schrieb: Damit alles bleibt, wie es ist, muss sich alles verändern.

Lukas Bertram ist Ökonom und leitet beim ZOE Institut für zukunftsfähige Ökonomien das Programm zur Finanzierung und Gestaltung einer grünen, gerechten Transformation.

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