Stromnetz : Flexibilität ist kein Nice-to-have, sondern Rückgrat der Energiewende
Negative Strompreise auf Rekordniveau und Kürzungen bei der Finanzierung von Flexibilitätstechnologien um 40 Prozent sind nach Ansicht von Jan Palasinski Warnsignale für Europas Stromnetz. Sie dürfen nicht ignoriert werden, mahnt der Partner bei Future Energy Ventures. Denn der Erfolg der Energiewende hängt davon ab, ob Flexibilität als kritische Infrastruktur verstanden und zur strategischen Priorität von Energiepolitik, Regulierung und Finanzierung wird.
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Mit einem globalen Stromverbrauchsanstieg von 4,3 Prozent im Jahr 2024, angetrieben durch industrielle Nachfrage, die Elektrifizierung des Verkehrs und die Ausbreitung von Rechenzentren, gerät Europas Stromsystem zunehmend unter Druck, im Gleichgewicht zu bleiben. Gleichzeitig wurden weltweit rekordverdächtige 700 Gigawatt an erneuerbarer Kapazität hinzugefügt, ein Großteil davon volatil.
Das verschärft die Herausforderung, die Netzstabilität aufrechtzuerhalten, insbesondere, wenn weder Sonne scheint noch Wind weht. Deutschland liefert einen Vorgeschmack auf dieses Ungleichgewicht: Im Jahr 2024 führten unflexible Netze und mangelnde Koordination zu neuen Rekorden bei negativen Strompreisen. Teilweise mussten Produzenten dafür zahlen, Strom ins Netz einzuspeisen, weil das Angebot die Nachfrage deutlich überstieg und dem System die Flexibilität fehlte, den Überschuss aufzunehmen. Diese negativen Preise sind ein Symptom struktureller Ungleichgewichte: Wenn die Erzeugung erneuerbarer Energien ihren Höhepunkt erreicht, der Verbrauch aber nicht entsprechend reagieren kann, bestraft der Markt das Überangebot.
Das ist mehr als nur ein Marktversagen, es ist ein strukturelles Warnsignal. Wir haben es am 28. April gesehen, als große Teile Spaniens und Portugals im Dunkeln lagen, nicht wegen mangelnder Erzeugung, sondern weil stabilisierende Mechanismen fehlten. Es war ein Vorgeschmack darauf, was passiert, wenn die Energiewende schneller voranschreitet als die Fähigkeit des Systems (oder der politische Wille, dringend etwas zu unternehmen, denn dieses potenzielle Problem ist seit Jahren bekannt und in einer perfekten Welt bräuchte es keinen Blackout, um zu erkennen, dass gehandelt werden muss), die Kontrolle zu behalten.
Während Europa intensiv über Energiesicherheit diskutiert, etwa durch Initiativen wie den Green Deal Industrial Plan oder den Net-Zero Industry Act, bleibt ein entscheidender Faktor weitgehend unbeachtet: Netzflexibilität. Gemeint ist damit die Fähigkeit, Stromangebot und -nachfrage in Echtzeit auszugleichen durch intelligente Speicherlösungen, dynamisches Lastmanagement und softwaregestützte Koordination dezentraler Erzeuger und Verbraucher. Ohne diese Fähigkeit wird die Energiewende zur Dauerbaustelle.
Kapital zieht sich zurück
Ironischerweise versiegt die Finanzierung genau in dem Moment, in dem der Bedarf an Flexibilität steigt. Dealroom, ein europäischer Anbieter von Datenanalysen, veröffentlichte kürzlich seinen Bericht „State of Energy Tech Financing in Europe 2025“, der zeigt, dass die Investitionen in Flexibilitätstechnologien im Jahr 2024 um fast 40 Prozent zurückgegangen sind. Und das in einer Zeit, in der das Energiesystem volatiler und komplexer ist als je zuvor. Der Bericht, der mehr als 800 europäische Energie-Tech-Deals analysierte, offenbart einen besorgniserregenden Trend: Während Segmente wie E-Mobilität oder grüne Fertigung ein moderates Wachstum verzeichneten, verloren ausgerechnet die Technologien an Boden, die die Systemstabilität sichern könnten, wie etwa Netzflexibilität.
Diese Lücke ist gefährlich, sie zeigt, dass Flexibilität immer noch als optionale technische Funktion gesehen wird, statt als das, was sie wirklich ist: kritische Infrastruktur. Ohne flexible Netzstabilisierung hilft es wenig, mehr Windräder oder Solaranlagen zu bauen, wie wir bei „Dunkelflaute“ und in Phasen starker Sonneneinstrahlung bei wenig bis keinem Wind gesehen haben. Strom muss verfügbar sein, wenn er gebraucht wird, nicht nur dann, wenn er erzeugt wird.
Flexibilität ist digitale Infrastruktur
Technologien wie Batteriespeicher, Vehicle-to-Grid-Systeme, Beschaffungsplattformen oder Demand-Side-Management sind bereits marktreif, aber sie werden weder als Infrastruktur reguliert noch finanziert. Und genau das sind sie: digitale Systeme, die es ermöglichen, Millionen dezentraler Energieentscheidungen in Echtzeit zu koordinieren, so wie Datenströme im Internet. Sie sind sofort verfügbar per „Klick“, im Vergleich zu den vielen Jahren und Milliarden von Euro, die es kosten würde, physische Infrastruktur in ausreichendem Maße für die Energiewende zu errichten.
Aus meiner Erfahrung sind diese Technologien nicht das Problem, denn sie funktionieren. Was fehlt, sind funktionierende Märkte, digitale Schnittstellen und politische Klarheit. Flexibilität bedeutet nicht nur „Speichern“, es geht um smarte Steuerung: Wann laden Wärmepumpen? Wann speisen E-Autos Energie zurück ins Netz? Welche Industrieanlagen können bei Spitzenpreisen pausieren? Diese Mechanismen funktionieren nur, wenn digitale Steuerung, wirtschaftliche Anreize und Netzdaten nahtlos integriert sind.
Wenn Europa widerstandsfähige, CO2-neutrale Stromsysteme will, braucht es ein digitales Rückgrat, das Energie intelligent verteilt. Flexibilität ist der Schlüssel und gehört in dieselbe Kategorie wie Glasfaser, Verkehrsnetze oder Mobilfunkstandards. Dänemark zum Beispiel hat massiv in digitale Netzinfrastruktur und Echtzeit-Flexibilitätsmärkte investiert. Das Land erzeugte dadurch im Jahr 2023 fast 60 Prozent seines Stroms aus Windkraft bei gleichzeitig einem der stabilsten Netze Europas.
Warum Investoren zögern und was sich ändern muss
Trotz erheblicher technologischer Fortschritte kämpfen viele Flexibilitätslösungen mit der Skalierung. Netzreaktive Wärmepumpen, Batteriespeicher hinter dem Zähler und Vehicle-to-Grid (V2G)-Technologien sind technisch ausgereift, stoßen jedoch europaweit auf fragmentierte Regulierung, begrenzten Marktzugang und einen Mangel an monetarisierbarem Nutzen.
Aus meiner Erfahrung im Venture Capital ist das Hauptproblem nicht ein Mangel an Technologie, sondern ein Mangel an Übersetzung: Wie wird ein netzunterstützender Effekt zu einem wirtschaftlichen Wert? Die Vorteile von Flexibilität sind systemischer Natur, aber sie werden selten monetarisiert. Das muss sich ändern.
Ein Umdenken ist nötig: Flexibilität darf kein Nischenthema mehr sein, sie muss zur strategischen Priorität von Energiepolitik, Regulierung und Finanzierung werden. Risikokapitalgeber, Projektfinanzierer und Industrieakteure müssen zusammenarbeiten, um Investitionspfade zu schaffen, die Flexibilitätstechnologien aus der Pilotphase herausführen und marktrelevant machen. Ein aktueller Bericht von Allianz Research zeigt: Der Ausbau von Netzinfrastruktur und Demand-Side-Flexibilität könnte die Strompreise in der EU bis 2035 um 11 Prozent und bis 2040 um 30 Prozent senken – im Net-Zero-Szenario.
Energiesouveränität entsteht im Code, nicht nur im Kraftwerk
Wer glaubt, Europas Energiezukunft liege im Bau neuer Kraftwerke, verkennt den entscheidenden Hebel. Die eigentliche Macht liegt im Code – in Softwarearchitekturen, die Lasten verschieben, Speicher verwalten, Wetter, Energieproduktion und Verbrauch prognostizieren und in Echtzeit Strom dorthin leiten, wo er am meisten gebraucht wird. Diese Steuerungsfähigkeit ist kein „Luxus-Feature“, sondern das Fundament, das Energiesicherheit, Klimaschutz und wirtschaftliche Effizienz miteinander vereinbar macht.
Flexibilität wird entscheidend dafür sein, ob Europas Energiesystem langfristig stabil, unabhängig und effizient wird. Um ihr volles Potenzial zu entfalten, muss sie als strategischer Bestandteil der europäischen Energie- und Digitalinfrastruktur behandelt und entsprechend priorisiert werden. In Regulierung, Investitionen und öffentlicher Planung.
Jan Palasinski ist Partner bei Future Energy Ventures, einem in Berlin ansässigen Venture-Capital-Fonds für Energietechnologien.
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