Versorgungssicherheit : Hormus zeigt: Fossile Abhängigkeit ist ein Standortproblem
Der Konflikt an der Straße von Hormus trifft Deutschland über Preise, Unsicherheit und Vertrauensverlust. Fossile Abhängigkeit wird damit zum Standortproblem und verschiebt die Investitionslogik bei Erneuerbaren, Netzen und Speichern für Industrie, Kapitalgeber und Infrastrukturbetreiber, schreibt Mathias Möhrpahl, von der Investitionsbank Carlsquare.
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Die Auswirkungen des Konflikts an der Straße von Hormus zeigen, dass Deutschlands Energieproblem nicht nur Versorgung heißt, sondern Kalkulierbarkeit. Selbst wenn deutsche Industriebetriebe ihre Energie nicht direkt aus der Golfregion beziehen, schlägt geopolitische Volatilität auf Preise, Finanzierung und Standortentscheidungen durch. Genau deshalb wird der Ausbau von Erneuerbaren, Netzen und Speichern zur industriepolitischen Frage.
Wer ein Chemie-, Metall- oder Logistikunternehmen in Deutschland führt, muss Risiken einpreisen, die Tausende Kilometer entfernt entstehen. Ein Konflikt an einer internationalen Schifffahrtsroute entscheidet darüber, wie sich Öl, Gas, Fracht und Vorprodukte verteuern. Was zunächst wie ein außenpolitischer Konflikt wirkt, kommt bei Unternehmen konkret an: als Kostenrisiko, Planungsunsicherheit und Investitionsfrage. Deutschland ist verwundbar, weil fossile Energie global bepreist wird. Wer fossile Energie importiert oder fossile Vorprodukte nutzt, importiert auch geopolitische Risiken.
Die Lehre aus Hormus lautet daher: Fossile Abhängigkeit ist nicht mehr nur ein Klimaproblem. Sie ist ein Bilanz-, Finanzierungs- und Standortproblem.
Die Rechnung kippt
Für energieintensive Branchen ist das keine abstrakte Debatte. Chemie, Kunststoffe, Metallverarbeitung, Transport und Logistik spüren solche Schocks oft früher als private Verbraucher. Energie steckt in Vorprodukten, Lieferketten, Frachtkosten und Absicherungen. Das Ifo-Institut meldet, dass rund 90 Prozent der Industrieunternehmen Belastungen durch den Iran-Krieg erwarten – vor allem höhere Energiepreise, Einschränkungen bei Schifffahrtswegen sowie Schwierigkeiten bei Vorprodukten und Rohstoffen.
Noch lässt sich daraus kein struktureller Investitionsboom in grüne Technologien ablesen. Genehmigungen, Finanzierungen und reale Installationen zeigen sich erst mit Verzögerung. Aber die Investitionslogik verschiebt sich bereits. Nicht mehr allein CO2-Vermeidung zählt, sondern Preisstabilität, Versorgungssicherheit und Kapitalmarktfähigkeit.
Wer bisher über eigene Solar- oder Windprojekte, Batteriespeicher oder dezentrale Wärmeversorgung nachdachte, kalkulierte häufig mit Amortisationszeiten von zehn bis fünfzehn Jahren. Vertretbar, aber nicht immer zwingend – vor allem, wenn die fossile Alternative kurzfristig günstiger erschien.
Diese Kalkulation verändert sich, wenn fossile Energie nicht nur teuer, sondern unplanbar wird. Dann geht es nicht mehr nur um einzelne Kilowattstundenpreise. Es geht um Preisexplosionen, Absicherungskosten für globale Transportwege, politische Unsicherheit bei CO2-Preisen und Abhängigkeiten von instabilen Regionen. Was lange als riskant galt – der Abschied von etablierten fossilen Strukturen –, erscheint zunehmend als das kalkulierbarere Szenario.
Der Markt beginnt, anders zu rechnen
Erste Signale sind sichtbar. E.ON meldet gestiegenes Interesse an dezentralen Energielösungen und fast verdoppelte Anfragen für Solaranlagen. 1KOMMA5° verzeichnet höhere Nachfrage nach Wärmepumpen. Industrieunternehmen prüfen Investitionen in Solar, Speicher, Elektrifizierung und Effizienz wieder intensiver. Auch frühe Nachfragesignale deuten in diese Richtung: Nach Angaben des Leadgenerierungsanbieters Interlead stiegen die Solar-Leads zwischen Februar und April um 79 Prozent, bei Wärmepumpen um acht Prozent.
Das sind noch keine harten Investitionsdaten. Aber sie sind ein Frühindikator für einen Mentalitätswechsel. Energieinfrastruktur wird nicht mehr nur nach Amortisation bewertet, sondern nach Risikoreduktion. Wer eigene Erzeugung, Speicher oder flexible Lasten aufbaut, reduziert die Abhängigkeit von kaum steuerbaren Märkten.
Wo die Investitionslogik bereits greift
Die Verschiebung betrifft vor allem drei Felder.
Erstens: Projektentwickler mit genehmigter Pipeline.
Planungsreife Solar- und Windprojekte werden in einem Umfeld volatiler Energiepreise zu strategisch wertvolleren Vermögenswerten. Entscheidend sind nicht Megawatt auf dem Papier, sondern Flächen, Netzanschlüsse, Genehmigungen und lokale Umsetzungskompetenz. Krisenbedingt höhere Bewertungsprämien können diesen Moment zu einem attraktiven Exit-Fenster machen. Plattformen mit umsetzungsreifen Projekten werden somit für strategische Käufer und Infrastrukturfonds interessanter.
Zweitens: Batteriespeicher und Flexibilität
Je größer der Anteil erneuerbarer Energien im Stromsystem wird, desto wichtiger werden Speicher, Lastmanagement und flexible Netzinfrastruktur. Für Unternehmen geht es um konkrete Kostenoptimierung: Lastspitzen kappen, Eigenverbrauch erhöhen, Strombeschaffung planbarer machen.
Drittens: Verteilnetze und Stadtwerke
Der Engpass der Elektrifizierung liegt zunehmend in den Netzen vor Ort. Wärmepumpen, Ladeinfrastruktur, Elektrifizierung und dezentrale Erzeugung treffen auf eine historisch gewachsene Netzlandschaft. Kommunale Versorger und Verteilnetzbetreiber stehen unter erheblichem Investitionsdruck, verfügen aber nicht immer über ausreichend Kapital, Personal oder Umsetzungskapazität.
Die zusätzlichen Finanzierungen der Europäischen Investitionsbank für Energie-Resilienz im April 2026 zeigen: Energieinfrastruktur wird zur Sicherheitsinfrastruktur. Damit das Kapital wirksam wird, sind beschleunigte Genehmigungsverfahren und stabile regulatorische Rahmenbedingungen entscheidend.
Das Risiko liegt im Abwarten
Wenn Energiepreise kurzfristig wieder sinken, etwa durch diplomatische Entspannung an der Straße von Hormus, schwächt das den unmittelbaren Investitionsdruck. Unternehmen könnten versucht sein, den Schock als vorübergehende Störung abzuhaken. Dieses Zögern ist nachvollziehbar: Netzentgelte, Genehmigungsrisiken, Fachkräftemangel, Finanzierungskosten und regulatorische Unsicherheit bremsen Investitionen. Diese Hindernisse sind real.
Gleichzeitig wäre es ein Fehler, fossile Entspannung mit strategischer Sicherheit zu verwechseln. Wer fossile Versorgung als Rückversicherung behält, trägt beim nächsten Schock das volle Preisrisiko. Erneuerbare Energien sind ein zentraler Baustein – aber kein vollständiger Ersatz, denn ohne grundlastfähige Erzeugung bleibt jede Energiestrategie unvollständig.
Die relevante Frage lautet daher nicht, welche Energiequelle in einem einzelnen Quartal billiger ist. Sie lautet: Welche Energiestrategie vereint Versorgungssicherheit, Grundlastfähigkeit und Planbarkeit über die nächste Dekade?
Die Straße von Hormus zeigt, was auf dem Spiel steht: industrielle Resilienz und Standortqualität. Die Antwort ist keine eindimensionale Wette auf Erneuerbare, sondern eine diversifizierte Strategie – mit konsequentem Ausbau von erneuerbarer Energie, gesicherter Grundlast und Effizienzsteigerung als gleichrangigen Säulen.
Mathias Möhrpahl ist Partner bei der Technologie-Investmentbank Carlsquare und verantwortet den Bereich Energy & Infrastructure. Er verfügt über 18 Jahre Erfahrung im Energiebereich.
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