Erderwärmung : Klimazweifel aus Prinzip: Ignoranz, Ideologie und Gefahr für die Gesellschaft
Zweifler am anthropogenen Klimawandel nehmen in Diskussionen oft eine Verweigerungshaltung gegenüber Fakten und elementarer Logik ein. Diese Art der Argumentation fußt letztlich immer auf einer Form von Verschwörungsglauben – und macht sachliche Diskussionen nahezu unmöglich, schreibt Frank Best, Professor an der HTWG Konstanz.
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Im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeit in der internationalen Klimaökonomie verfolge ich Nachrichtenkanäle weltweit. Egal ob zu neuen Forschungsergebnissen oder dem Wetterbericht fürs Wochenende: zuverlässig finden sich Kommentare wie „Das Klima wandelt sich immer“, „besteuert doch die Vulkane“, „Obama hat ein Haus am Strand gekauft“ und natürlich „follow the money“. Einen Teil kann man als Bots oder Trolle abtun. Doch Umfragen zeigen: signifikante Anteile der Bevölkerung weltweit sind überzeugt, dass Klimaforschung grundlegend fehlerhaft oder sogar bewusst manipuliert sei. Diese Fehleinschätzungen stellen keine Mehrheit, sind aber durch mächtige Befürworter in Industrie und Politik sehr präsent.
Gegenargumente basieren auf mangelnden Grundlagen und logischen Fehlern
Berechtigte Skepsis ist gut begründet; ideologische Zweifel benötigen keinen ernsthaften Grund. Sie basieren oft auf Unverständnis von Naturgesetzen, unbegründetem Misstrauen gegenüber Institutionen, einseitigen Betrachtungsweisen und kulminieren in umfassenden Verschwörungsmythen.
Es geht nicht um Erkenntnis, sondern um die Verteidigung einer vorgefassten Meinung; Gründe werden im Nachhinein selektiv gesucht. Das Prinzip ist: „Ich glaube A, die Fachwelt sagt B, also muss die Fachwelt falsch liegen“. Diese Haltung endet zwangsläufig in Manipulationsvorwürfen gegenüber den etablierten Wissenschaften und den Medien, die andere Erkenntnisse publizieren. In jedem anderen Themengebiet wäre eine Diskussion durch den Verweis auf die Standardliteratur oder eine kurze Erklärung zufriedenstellend beendet.
Beim Klimawandel dagegen werden nicht nur die Berichte des Weltklimarates, auch Dutzende von Lehrbüchern, Hunderte von Studiengängen, Tausende von Fachartikeln und Messreihen aus aller Welt pauschal als „von den Eliten diktiert“ abgetan. Subtilere Versionen argumentieren mit einer ebenso realitätsfernen Gleichschaltung der Wissenschaft durch eine Art emergent institutionalisierter Indoktrination in Studiengängen und Forschungseinrichtungen. Es sind aber im Gegenteil die wenigen, oft der Ölindustrie nahestehenden, „klimaskeptischen“ Wissenschaftler, die über Jahrzehnte an nachweislich falschen Thesen festhalten.
Banalitäten wie „vor 500 Millionen Jahren war es wärmer“ oder „CO2 macht nur 0,04 Prozent der Atmosphäre aus“ sollen ganze Forschungszweige widerlegen – als ob dies den Forschenden (oder der Allgemeinheit) bisher entgangen wäre. Langfristige Trends werden mit kurzfristigen Schwankungen bestritten („es gab keine Erwärmung zwischen 1998 und 2012“), globale Durchschnittswerte mit regionalen Einzelwerten angezweifelt („in Norwegen hat es gerade -20 Grad“).
Stromgrößen (Emissionen) werden mit Bestandsgrößen (Konzentrationen) verwechselt, Prozentpunkte mit Prozentwerten. Beim Klima scheint Logik vernachlässigbar, Verständnis der naturwissenschaftlichen Zusammenhänge unwichtig. Aussagen, die in anderen Themenbereichen nur Kopfschütteln hervorrufen würden, erhalten in Klimadiskussionen Applaus. Wie oft habe ich diesen Satz gehört: „Ich brauche kein Lehrbuch, es reicht der gesunde Menschenverstand“.
Dazu kommt höchst selektives Zitieren: Einzelne Sätze oder Tabellen aus den tausendseitigen IPCC-Berichten widerlegen angeblich das „Narrativ“ und werden „in hinteren Kapiteln versteckt“. Völlig fachfremde Pseudo-Experten werden als „unabhängige Forscher“ gelobt. Die eigentliche Fachliteratur wird pauschal abgelehnt mit der Begründung, „die Wissenschaft“ müsse „im Auftrag der links-grünen Globalisten und NGO“ die Wahrheit verschweigen. Wenn die Argumente ausgehen, steht immer die Weltverschwörung zur Verfügung.
Eine gängige Strategie in Diskussionen ist das Springen zwischen Themen: Wird ein Argument widerlegt, folgt ohne Beachtung der erklärenden Antwort das nächste. Eine nicht endende Kette an „Gegenbeweisen“ wird abgespult – ohne Gegenargumente zur Kenntnis zu nehmen. Sobald ein Zweifler eine Erklärung ignoriert und das nächste Thema in den Raum wirft, kann man die Diskussion getrost ad acta legen. Klimazweifler weigern sich prinzipiell, Missverständnisse und Fehler zuzugeben; sie müssten sich dann eingestehen, auch bei anderen Argumenten falsch liegen zu können.
Die verschiedenen Klimamythen werden nicht von den Zweiflern selber erarbeitet. Sie sind systematisch von Öllobby und libertären Institutionen in die Welt gesetzt und gezielt in sozialen Medien gestreut. Dies ist kein Verschwörungsmythos, sondern durch umfassende Untersuchungen, geleakte Strategiepapiere und Zeugenaussagen bewiesen. Umfassende Aufarbeitungen sind unter anderem von Oreskes, Supran, Stöcker, Levantesi, und Götze/Joeres veröffenlicht. Sehr gute Erklärungen und Widerlegungen von Klimamythen gibt es beim Umweltbundesamt, der Helmholtz-Gemeinschaft, Skeptical Science oder Klimafakten.
Folgen von Wissenschaftsverweigerung
Bei vielen anderen Themen könnte man all diesen Unsinn vielleicht ignorieren. Doch beim Klimawandel ist er im wahrsten Sinne des Wortes brandgefährlich. Zweifel an der Forschung verzögern politische Maßnahmen, verstärken Polarisierung und unterminieren demokratische Diskurse. Es werden Parallelrealitäten geschaffen, die kaum noch eine gemeinsame Basis für einen sachlichen Austausch bieten.
Die Emotionalisierung der Debatte erzeugt über die Jahrzehnte einen Riss in Gesellschaften, der bereits in vielen Ländern durch offene Klimawandelleugnung in politischen Parteien bis in die höchsten Staatsämter zu beobachten ist. Die Folgen treffen uns alle, besonders den Globalen Süden, wo Dürren, Überschwemmungen und Hitzewellen bereits heute Lebensgrundlagen zerstören.
Was tun?
Klimazweifel sind selten rational begründet – und lassen sich daher kaum mit rationalen Argumenten auflösen. Wer überzeugt ist, dass der Weltklimarat, Hunderttausende Wissenschaftler inklusive 180 Nobelpreisträgern und meteorologische Dienste Teil einer globalen Verschwörung sind, wird durch Fakten kaum erreichbar sein. Im persönlichen Umfeld helfen nur ruhige Gespräche über längere Zeiträume, in den sozialen Medien kurze, sachlich-informative Antworten. Nicht, um den harten Kern zu überzeugen – sondern um den Zweiflern und den Mitlesenden eine klare Alternative zu Falschbehauptungen zu bieten.
Die große Mehrheit der Bevölkerung weltweit vertraut der Wissenschaft, akzeptiert Fakten und versteht die Brisanz und Dringlichkeit des Themas. Umso wichtiger ist es, Falschinformationen nicht unwidersprochen stehen zu lassen. Wissenschaftliche Erkenntnis basiert nicht auf Ideologie oder politischem Diktat, sondern auf Messungen, Modellen, Theorien und Debatten. Sie ist anstrengend, komplex – und sie ist das Beste, was wir haben, um die Zukunft auf diesem Planeten zu sichern.
Frank Best ist Professor für Internationales Management an der HTWG Konstanz. Zu seinen Schwerpunkten gehören Klimaökonomie und Treibhausgasbepreisung, beides Themengebiete, in denen er regelmäßig mit Fake News und Verschwörungsmythen konfrontiert wird.
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