Transformation : Systemfrage Gas: Warum Deutschland nur als Elektrostaat Zukunft hat

Jürgen Trittin
Jürgen Trittin (Grüne), Bundesumweltminister a. D. Foto: Laurence Chaperon

Fossiles Gas hält Strom teuer, bremst die industrielle Transformation und verstärkt Abhängigkeiten. Nur ein geordneter Gasausstieg und eine konsequente Elektrifizierung können den Standort Deutschland wieder wettbewerbsfähig machen, schreibt Jürgen Trittin, Bundesumweltminister a. D.

von Jürgen Trittin, Bündnis 90/Die Grünen

veröffentlicht am

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Gas nicht als eine systemische Frage zu sehen, war der fundamentale Fehler der Energiepolitik der Ampel. Sie beruhte auf der Annahme, alle Akteure teilten die Klimaziele. Das war naiv.

Die Realität sah anders aus: Die Gasindustrie will auch nach 2045 noch Gas verkaufen. Die Stadtwerke scheuen die Investitionskosten. Die von ihnen losgetretene Kampagne gegen das Gebäudeenergiegesetz verzögert heute die Dekarbonisierung der Wärmebereitstellung um Jahre.

Aus der Diskussion über den richtigen Weg zur Klimaneutralität wurde ein brutaler Kulturkampf von rechts. Fossile Lobbys zeigten, dass sie bereit sind, gesellschaftlichen Frieden und Demokratie ihren Geschäftsinteressen zu opfern.

Von systemischer Naivität zu systemischer Bräsigkeit

Aus der Naivität der Ampel ist schwarz-rote Bräsigkeit geworden – das sture Festhalten an falschen Positionen wider alle Fakten. Wenn Markus Söder zugleich das Verbrenner-Aus kippen will und Milliardensubventionen für fossile Kraftstoffe fordert und Lars Klingbeil ihm hinterherläuft, zeugt das von Lernunwillen. Das Scheitern des Tankrabatts im Sommer war ihnen gleichgültig. Sie denken von 12 bis Mittag.

Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine bewies die damalige Bundesregierung in ihrem Krisen-Management mit dem Ausbau der Erneuerbaren und der Diversifizierung der Importe Handlungsfähigkeit. Deutschland wurde um einen hohen Preis vor Versorgungskrisen geschützt. Und es wurden die Grundlagen dafür gelegt, dass sich so etwas nicht einfach wiederholt. Mit Elektrifizierung und erneuerbaren Energien sollte Deutschland resilienter werden.

Union und SPD wollen heute die Elektrifizierung von Verkehr und Wärme wieder bremsen. Deutschland hat seine Abhängigkeit von russischen Pipeline-Systemen zum großen Teil gegen eine massive Importabhängigkeit von US-Flüssiggas (LNG) eingetauscht. Milliardenfache Abnahmeversprechen halten Europa in fossiler Knechtschaft und gefährden unsere strategische Souveränität.

Petrostaaten versus Elektrostaaten

Wir erleben das Ende des fossilen Kapitalismus und das Entstehen einer neuen globalen Systemkonkurrenz: Petrostaaten konkurrieren mit Elektrostaaten. Ob ein Land zum Elektro- oder Petrostaat wird, ist eine bewusste strategische Entscheidung – kein geologischer Automatismus. Norwegen zeigt, wie Exporterlöse zur Defossilisierung genutzt werden können. Deutschland hingegen läuft Gefahr, als Petrostaat ohne eigene Vorkommen in anhaltender Abhängigkeit zu verharren, was mit einem massiven Verlust an Souveränität und Wettbewerbsfähigkeit einhergeht.

Als Folge des anhaltenden Iran-Krieges wird Europa in diesem Jahr gut 400 Milliarden Euro für fossile Importe ausgeben müssen.

Dabei ist die Konkurrenz zwischen Petro- und Elektrostaaten wirtschaftlich längst entschieden. Öl und Gas sind gegenüber Erneuerbaren nicht mehr wettbewerbsfähig. Längst entfallen gut 90 Prozent des Kraftwerksneubaus weltweit auf Wind und Sonne; Investitionen in Solar, Wind, Netze und Speicher übertreffen fossile Energieträger um ein Vielfaches. Der Markt hat entschieden: Erneuerbare verdrängen global Kohle, Öl, Gas und Atom. Wer in Deutschland von Fusions- oder Kugelhaufenreaktoren träumt, ignoriert diese Marktrealitäten.

Doch der Markt allein regelt nicht alles. Aus der ökonomischen Schwäche der fossilen Mächte wächst imperialer Druck. Europas Souveränität bemisst sich daher daran, wie konsequent wir uns aus der fossilen Umklammerung befreien. Europa ist nur als Elektrostaat souverän – durch die konsequente Förderung der E-Mobilität, den raschen Ausbau von Batteriespeichern und die Verdrängung von Gas aus dem Wärmesektor.

Die Notwendigkeit einer neuen Industriepolitik

Deutschlands altes Geschäftsmodell – mit billigem russischem Gas Autos, Chemikalien und Maschinen zu bauen und global zu verkaufen – ist unwiederbringlich vorbei. „Isch over“ würde Wolfgang Schäuble sagen.

Fossile Energie bleibt teuer und hält die Strompreise hoch. Der Versuch, der fossilen Inflation mit Subventionen wie Tankrabatten, Gasumlagen oder Industriestrompreisen entgegenzuwirken, ist palliative Industriepolitik. Der Staat subventioniert dabei doppelt: sowohl die Anbieter als auch die Abnehmer fossiler Energie.

Ein Blick auf die Weltmärkte zeigt, wo die Reise hingeht. Während deutsche Automobilkonzerne Stellen abbauen, erobern chinesische Hersteller mit einer konsequenten Elektrostrategie den Weltmarkt. China wurde mit seinen E-Autos in fünf Jahren zum größten Autoexporteur der Welt. Elektrifizierung schafft Märkte und macht wettbewerbsfähig.

Der rasant steigende Strombedarf durch Künstliche Intelligenz beschleunigt den Trend zu Erneuerbaren: In den USA von Donald Trump wird dieser Nachfrageschub fast ausschließlich durch Photovoltaik, Wind und Speicher gedeckt. Diese sind von allen Optionen am schnellsten verfügbar und am billigsten. Selbst die Interessen der US-Tech-Oligarchen hebeln heute Trumps fossile Rhetorik von „Drill, Baby, Drill“ aus.

In Deutschland hingegen herrscht in den Köpfen der Bundesregierung Dunkelflaute. Versorgungs- und Preissicherheit durch subventioniertes Gas schaffen zu wollen, ist nicht nur eine extrem kostspielige Sackgasse.

Weil Strom durch Gas und Umlagen teuer bleibt, stockt die Transformation der energieintensiven Industrie. Wenn Unternehmen Investitionen in Hochtemperatur-Wärmepumpen wegen unkalkulierbarer Strompreise auf Eis legen, zeigt das: Die Verteuerung des Stroms durch die Bindung an das Gas untergräbt die industrielle Basis unseres Landes. Deutschlands industrielle Zukunft hängt an billigem Strom.

Fazit: Resilienz durch geordneten Gasausstieg

Wenn Deutschland seine Wettbewerbsfähigkeit zurückgewinnen und sich aus der Erpressbarkeit durch Autokraten und fossile Hegemonialmächte befreien will, gibt es nur einen Weg: Wir müssen geordnet, aber entschlossen aus der Nutzung von fossilem Gas aussteigen.

Industrie, Wärme und Verkehr müssen mit höchster Priorität elektrifiziert werden. Erneuerbarer Strom ist billig – wir müssen diesen Kostenvorteil bei den Verbrauchern und der Industrie endlich ankommen lassen. Nur über die konsequente Elektrifizierung auf Basis erneuerbarer Energien schaffen wir echte systemische Resilienz und sichern den Wirtschaftsstandort Deutschland nachhaltig ab.

Jürgen Trittin (Grüne) war von 1998 bis 2024 Mitglied des Bundestages und von 1998 bis 2005 Bundesumweltminister.

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