Prozesswäre und Co : Strom statt Stillstand: Warum Europa jetzt auf industrielle Elektrifizierung setzen muss
Ohne Strom keine grüne Industrie. So einfach lässt sich eine der zentralen Herausforderungen der europäischen Klimapolitik zusammenfassen, schreibt Felix Krause, Mitgründer und Geschäftsführer des Investors Vireo. Aus seiner Sicht ist das Potenzial für Elektrifizierung riesig. Der für Anfang 2026 angekündigte Electrification Action Plan biete die Chance, dieses auch zu heben.
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Initiativen wie der Clean Industrial Deal (CID) und die REPowerEU-Pläne betonen die Elektrifizierung als Schlüssel auf Europas Weg zu Klimaneutralität, Energieunabhängigkeit und Wettbewerbsfähigkeit. Noch dieses Jahr wird die Europäische Kommission zudem den Industrial Accelerator Act (IAA) vorschlagen und mit dem Electrification Action Plan, der für Anfang 2026 erwartet wird, soll die kosteneffiziente und systemdienliche Elektrifizierung des Endenergieverbrauchs in Industrie, Verkehr und Gebäuden deutlich beschleunigt werden.
Und das aus gutem Grund. Der Handlungsdruck ist enorm. Rund 20 Prozent der Treibhausgasemissionen in der EU entfallen auf die Industrie, vor allem durch die Verbrennung fossiler Energieträger. Gerade nach der Energiepreiskrise 2022/23 hat sich gezeigt, wie verwundbar industrielle Wertschöpfungsketten gegenüber volatilen Gasmärkten sind.
Die Elektrifizierung bietet hier gleich mehrere Lösungen. Sie dekarbonisiert industrielle Prozesse, und entkoppelt Europas Industrie von geopolitischen Risiken fossiler Energieimporte. Zudem bietet die Einführung neuer Elektrifizierungstechnologien Europa die Chance, zum Innovationstreiber zu werden und eine globale Führungsrolle bei der Entwicklung und Produktion neuer Schlüsseltechnologien einzunehmen.
Ambition trifft Realität: Warum der Fortschritt stockt
In der Praxis kommt die Elektrifizierung jedoch nur schleppend voran. In den letzten zehn Jahren sind die industriellen Emissionen um lediglich 8 Prozent gesunken. Ein zentraler Grund dafür ist die weiterhin nahezu vollständige Nutzung fossiler Energieträger bei der Erzeugung von Prozesswärme, die rund 75 Prozent der industriellen Emissionen verursacht.
Statt auf direkte Elektrifizierung setzt die Industriepolitik bislang stark auf molekulare Lösungen wie Wasserstoff, Biokraftstoffe und CCS. Diese Technologien sind für bestimmte Anwendungen essenziell, etwa bei Hochtemperaturprozessen oder stofflichen Einsatzstoffen. Doch ihre Skalierung ist langsam, teuer und oft an geografische Bedingungen gebunden.
Will Europa sein weiterhin ambitioniertes Klimaziel für 2040 erreichen und zumindest 85 Prozent der angestrebten 90-prozentigen Emissionsminderung innerhalb der EU realisieren, braucht es eine deutlich pragmatischere und direktere Route zur Dekarbonisierung der Industrie.
Elektrifizierung: Marktreif, wirtschaftlich, skalierbar
Die gute Nachricht ist: Elektrifizierung ist kein Zukunftsversprechen, sondern eine sofort verfügbare und wirtschaftlich attraktive Lösung. Derzeit sind europaweit nur etwa vier Prozent der industriellen Prozesswärme elektrifiziert. Dabei könnten bereits rund 60 Prozent des industriellen Wärmebedarfs mit marktreifen Technologien abgedeckt werden. Bis 2035 wären sogar bis zu 90 Prozent möglich, sofern sich auch Lösungen für hohe Temperaturen weiterentwickeln und am Markt durchsetzen.
Für Anwendungen bis 400 Grad Celsius stehen heute Elektrokessel, industrielle Wärmepumpen und Infrarotsysteme bereit, etwa in der Lebensmittel-, Papier- oder Chemiebranche. Aber auch bei Temperaturen über 500 Grad Celsius, gibt es technologische Fortschritte, etwa durch elektrische Lichtbogenöfen oder Plasmatechnologien. Damit wird auch die Elektrifizierung von Hochtemperaturprozessen zunehmend umsetzbar.
Auch aus systemischer Perspektive steht einer elektrifizierten Industrie nichts im Wege, denn sie leistet durch flexibles Lastmanagement einen wichtigen Beitrag zur Stabilität des Energiesystems. Technische Lösungen dafür sind bereits verfügbar. KI-gestützte Steuerungs- und Regelungssysteme ermöglichen es beispielsweise, industrielle Wärme- und Kälteerzeugung so zu flexibilisieren, dass Prozesse weiterhin zuverlässig laufen, während der Energieverbrauch dynamisch an das schwankende Angebot erneuerbarer Energien angepasst wird. Durch die Flexibilisierung elektrifizierter Prozesse lassen sich so nicht nur Netzengpässe vermeiden, sondern auch erhebliche Kosteneinsparpotenziale realisieren.
Was den Markthochlauf bisher ausbremst
Die größten Hürden liegen folglich nicht in der Technik, sondern in der infrastrukturellen und den politisch-ökonomischen Rahmenbedingungen. Verteil- und Übertragungsnetze sind bislang nicht auf den wachsenden Strombedarf einer elektrifizierten Industrie ausgelegt. Netzengpässe, lange Anschlusszeiten und fehlende Transparenz über künftige Bedarfe erschweren planbare Investitionen.
Zudem ist Strom in vielen Mitgliedstaaten durch Steuern, Netzentgelte und fortbestehende Subventionen fossiler Brennstoffe teurer als Gas oder Öl. Diese strukturelle Schieflage verzerrt Investitionsentscheidungen und hemmt den Markthochlauf elektrischer Prozesswärmetechnologien.
Dabei zeigt der Blick auf andere saubere Technologien, dass die Kosten mit steigender Verbreitung sinken. Die Preise für Photovoltaikmodule sind seit 1976 um 99,99 Prozent gefallen, auch bei Batteriesystemen und Elektrolyseuren haben Skaleneffekte massive Kostensenkungen ermöglicht. Für industrielle Wärmepumpen rechnet die IEA bis 2030 mit Kostensenkungen von bis zu 40 Prozent, insbesondere durch Skalierung und technologische Weiterentwicklung.
Um dieses Potenzial zu heben, braucht es jedoch faire Wettbewerbsbedingungen. Power Purchase Agreements (PPAs) und Carbon Contracts for Difference (CfDs) können langfristige Preis- und Investitionssicherheit schaffen und flankieren gleichzeitig den Ausbau erneuerbarer Energien.
Momentum mit Lücken: Ein Gesamtpaket fehlt (noch)
Das politische Momentum ist da. Mit dem CID und dem darauf aufbauenden Förderrahmen (CISAF) hat die Europäische Kommission wichtige Weichen gestellt. Im Dezember 2025 startet mit der „IF25 Heat Auction“ die erste EU-weite Auktion zur Elektrifizierung von Prozesswärme, finanziert über den Emissionshandel und mit einem Volumen von einer Milliarde Euro. Langfristig soll sie den Grundstein für die im CID angekündigte EU-Dekarbonisierungsbank legen, die als zentrale Finanzierungsplattform für klimaneutrale Industrieprojekte agieren soll.
Doch ein integrierter politischer Rahmen, der industrielle Elektrifizierung als eigenständiges Transformationsfeld systematisch adressiert, fehlt weiterhin. Der für Anfang 2026 angekündigte Electrification Action Plan bietet die Chance, einen solchen zu schaffen: Dafür könnten gezielte Investitionsanreize für marktreife Technologien, faire Strompreisstrukturen, beschleunigte Genehmigungsverfahren und langfristige Absicherungsinstrumente zentrale Elemente sein. Ebenso wichtig wären klare Zuständigkeiten, verbindliche Elektrifizierungsziele, sektorübergreifende Koordination und eine enge Verzahnung mit der Strommarktgestaltung und dem Netzausbau.
Ausblick: Europas neue industrielle Ära beginnt jetzt
Die Elektrifizierung industrieller Prozesse hat das Potenzial, zu einer tragenden Säule der europäischen Klimapolitik zu werden. Sie senkt Emissionen, stärkt die Wettbewerbsfähigkeit und erhöht die Resilienz.
Damit dieses Potenzial gehoben werden kann, braucht es gezielte Investitionen, in bestehende und auch in neue Technologien. Venture Capital spielt dabei eine entscheidende Rolle: Europäische Start-ups und Scale-ups entwickeln Schlüsseltechnologien wie modulare Hochtemperatursysteme, digitale Steuerungslösungen oder hocheffiziente Wärmepumpen, die Elektrifizierung skalierbar machen. Doch der Markthochlauf gelingt nur mit klaren politischen Leitplanken und einem ökonomisch tragfähigen Umfeld.
Der Electrification Action Plan kann hier den Unterschied machen, als strategisches Leitinstrument, das Einzelmaßnahmen bündelt, Anreize richtig setzt und systemische Hürden abbaut. Europa steht an der Schwelle zu einer neuen industriellen Ära. Jetzt ist der Moment, die industrielle Elektrifizierung zur Priorität zu machen.
Felix Krause ist Mitgründer und Geschäftsführer von Vireo, einem Berliner Clean-Tech-VC mit Fokus auf industrielle Elektrifizierung.
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