Elektrifizierung und Stromkosten : Das Klimaschutzprogramm muss erheblich kosteneffizienter werden
Graham Weale empfiehlt, das Klimaschutzprogramm der Bundesregierung grundlegend neu zu kalibrieren. Ausgangspunkt, schreibt der Wissenschaftler an der Ruhr-Universität Bochum, muss eine realistische Stromprognose auf Basis der Strompreise sein. Maßnahmen sollten anhand ihrer gesamten Emissionsreduktion pro investierten Euro gemessen werden.
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Das Bundesverfassungsgerichtsurteil vom April 2021 erklärte das Klimaschutzgesetz von 2019 teilweise für verfassungswidrig und veranlasste die damalige Regierung, das Datum für Klimaneutralität von 2050 auf 2045 vorzuverlegen und deswegen Ziele zu setzen – insbesondere einen stark ansteigenden Strombedarf –, die als Grundlage für ein weitreichendes Investitionsprogramm dienten. Aber diese Ziele haben sich schnell als unrealistisch erwiesen.
Das jüngste Klimaschutzprogramm von 2026 behauptet, dass das 2030-Ziel (65 Prozent Emissionsreduktion gegenüber 1990) noch möglich sei. Aber in den vergangenen zehn Jahren betrug die durchschnittliche jährliche Emissionsreduktion 25 Millionen Tonnen. Um das 2030-Ziel zu erreichen, müsste dieser Wert um 70 Prozent auf 42 Millionen Tonnen pro Jahr steigen. Selbst wenn das Ziel erreichbar ist, wäre dies nur mit einem weiteren Rückgang der Industrieproduktion möglich.
Die gestern verabschiedeten Eckwerte für den Haushalt 2027 sind leider ein weiteres Beispiel, dass Klimasubventionen eher einer Gießkanne ähneln als dem strukturierten Plan, Mittel auf Kosteneffizienzbasis zu verwenden. Die geplanten Maßnahmen werden nicht ausreichen, das 2030-Ziel zu erreichen.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche hat kürzlich zugegeben, dass die Klimaziele der EU für 2050 nicht erreicht werden können. Es ist es nun an der Zeit, dass die Regierung realistische Ziele für 2030 und die Zeit danach verkündet, um eine belastbarere Planungsbasis für die Industrie zu bilden.
Der hohe Strompreis bremst die Elektrifizierung
Zwei Faktoren treiben die Stromkosten für Verbraucher in die Höhe. Erstens sind die Netzkosten für Investitionen zur Integration der gesteigerten erneuerbaren Energien von 2016 bis 2024 um 73 Prozent gestiegen, und zweitens sind die CO2-Preise in diesem Zeitraum um das Zehnfache gestiegen.
Die hohen Strompreise sind vor allem problematisch, weil die Energiewende auf Elektrifizierung angewiesen ist und diese Preise verhindern, dass Strom seinen Marktanteil an der Endenergie erhöht, der seit 2005 hartnäckig bei nur 21 Prozent geblieben ist.
Die Regierung erkennt dieses Problem an, indem sie energieintensive Unternehmen zum Teil für die hohen Preise kompensiert und dazu die Netzentgelte für alle Kunden subventioniert. Dennoch bleiben die Endkundenpreise im Vergleich zu anderen Ländern hoch und taugen noch nicht für die gewünschte Elektrifizierung.
Bis 2030 wird es nur minimales Stromwachstum geben
Die Stromnachfrage ist im Wesentlichen seit zehn Jahren rückläufig. Obwohl die Elektrifizierung und ihr Einsatz für saubere Kraftstoffe im Zentrum der Energiewende stehen sollen, werden Fortschritte nur in zwei Bereichen erzielt – Wärmepumpen und batterieelektrische Fahrzeuge. Pläne zur Elektrifizierung der Industrie und zum Bau elektrolysebasierter Wasserstoffanlagen laufen sehr schleppend, einfach weil Strom viel zu teuer ist.
Entgegen diesen schwachen Wachstumstrends verringern Effizienzmaßnahmen in Gebäuden die Grundnachfrage, und die industrielle Produktion geht stark zurück. Basierend auf der Annahme, dass
- bis 2030 durchschnittlich 300.000 Wärmepumpen installiert werden, und 700.000 Elektrofahrzeuge neu angemeldet werden,
- insgesamt nur 2 GW Wasserstoff-Elektrolysekapazität installiert werden (gegenüber dem Ziel von 10 GW),
- sich der Strombedarf in Rechenzentren verdoppelt
- und die Stromnachfrage der Industrie um moderate 10 Prozent sinkt,
wird der Endstromverbrauch bis 2030 nur minimal steigen und unter 500 TWh bleiben. Dies ist deutlich niedriger als der für 2030 erwartete Bereich von 600 bis 700 TWh.
Richtig ist das Ziel des geplanten Netzpakets, erneuerbare Energie im Einklang mit dem Netz auszubauen. Aber man muss einen wichtigen Schritt weiter gehen und auch den Ausbau der erneuerbaren Energien mit der Nachfrage synchronisieren. Sonst werden Erneuerbare-Energie-Anlagen zunehmend wegen Netzengpässen abgeregelt oder ihre Energie wird zu Dumpingpreisen ins Ausland exportiert, was die Rendite solcher Anlagen stark beeinträchtigt.
Die geplanten Wachstumsraten für Wind- und PV-Kapazität bis 2030 sollten deswegen fast halbiert werden. Trotzdem würde dabei die Erreichung des Ziels von 80 Prozent erneuerbarer Stromerzeugung ermöglicht.
Die 12 GW Gaskraft werden die Preise weiter steigern
Ministerin Reiche setzt den Kampf der vorherigen Regierung fort, ein Gesetz zu finalisieren, das ein Ausschreibungsverfahren vornehmlich für den Bau von 12 GW neuer Gaskraftwerke einführt. Diese werden benötigt als Backup, um Phasen schwacher erneuerbarer Energieproduktion abzudecken. Es gibt drei vorrangige Probleme:
Bei einem niedrigeren Strombedarf wird sowieso weniger Kapazität benötigt.
Der effektive CO2-Preis zur Deckung der Bau- und Betriebskosten der neuen Anlagen würde im Vergleich zur Kohlenutzung etwa 520 Euro pro Tonne betragen – deutlich mehr als der aktuelle europäische ETS-CO2-Preis. Der komplette Umstieg auf Gas, basierend auf 1000 Betriebsstunden pro Jahr, würde weniger als 6 Megatonnen CO2-Äquivalent pro Jahr einsparen, etwa 1 Prozent der aktuellen Emissionen, was die geschätzte Investition von etwa 24 Milliarden Euro kaum rechtfertigt.
Die Fixkosten dieser 12 GW werden, verteilt über den gesamten Strombedarf – etwa 5 Euro je MWh (5 Prozent des Großhandelspreises) – von den Stromverbrauchern getragen werden. Das wäre ein weiterer Faktor, der den Elektrifizierungszielen entgegenwirkt.
Daher sollte die Bundesregierung prüfen, wie viel Backup-Gaskapazität notwendig ist und inwiefern Kohlekraftwerke (obwohl weniger flexibel als Gaskraftwerke) dazu beitragen können.
Elektrofahrzeuge senken Emissionen nur unzureichend
Eine weitere Schwäche des aktuellen Dekarbonisierungsansatzes besteht darin, dass nur die betrieblichen Emissionen berücksichtigt werden und nicht die Emissionen aus dem Produktionsprozess. Dies ist besonders wichtig für Elektrofahrzeuge, deren Batterieproduktion mit sehr hohen CO2-Emissionen verbunden ist. Daher erreicht die Elektrifizierung von Autos deutlich weniger, als die Schlagzeilenzahlen vermuten lassen, und stellt ein schlechtes Ergebnis der großzügigen Subventionen dar.
Elektrofahrzeugbesitzer profitieren nicht nur von der Kaufprämie, sondern auch von einer Befreiung von der KfZ-Steuer, sodass sich im Laufe der Fahrzeug-Lebensdauer die Subventionen bis auf 6.300 Euro pro Fahrzeug summieren.
Die Ökobilanz eines typischen Benzin- und Elektroautos beträgt jeweils 19,2 und 12,3 Tonnen CO2 (unter Annahme durchschnittlicher Strommix-Emissionen), sodass das Elektroauto mit Netzstrom nur 35 Prozent der gesamten Emissionen einspart (oder 45 Prozent mit reiner erneuerbarer Energie). Die effektive Subvention pro eingesparte Tonne CO2 beträgt 750 bis 1.000 Euro, womit sie im Vergleich zu einem aktuellen CO2-Preis von etwa 70 Euro pro Tonne sehr schlecht abschneidet.
Die Lösung besteht darin, „saubere“ Batterien anzufordern – solche, die mit reiner erneuerbarer Energie hergestellt werden, um etwa 60 bis 70 Prozent der Lebenszyklusemissionen im Vergleich zu Verbrenner zu sparen. Oder noch besser: Sie besteht darin, die Autos mit grünem Stahl zu bauen, damit sie tatsächlich CO2-frei hergestellt wären.
Realistische Ziele mit Schwerpunkt auf Kosteneffizienz
Deutschland ist zu Recht bestrebt, seine Emissionen so schnell wie möglich zu reduzieren. Um dem Hauptziel bestmöglich näherzukommen, ist es jedoch absolut notwendig, realistische Nebenziele zu setzen, die Maßnahmen dementsprechend zu dimensionieren und sie nach ihrer kompletten CO2-Reduzierung pro investierten Euro zu bemessen.
Graham Weale ist Professor für Energiewirtschaft an der Ruhr-Universität Bochum. Er war zuvor Chefvolkswirt von RWE und hat einen Abschluss in Physik von der Universität Oxford sowie einen MBA.
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