Rohstoff- und Energiesicherheit : Kritische Mineralien: Die Nationen müssen handeln wie in der Ölkrise der 70er Jahre
Bei einem wichtigen Thema der Energie- und Wirtschaftssicherheit läuten die Alarmglocken. IEA-Exekutivdirektor Fatih Birol mahnt: Wenn die Regierungen Störungen in Branchen wie der Stromversorgung oder dem Bau von Flugzeugtriebwerken verhindern wollen, müssen sie den Nachschub an kritischen Mineralien sichern.
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Vor etwas mehr als 50 Jahren löste die Ölkrise von 1973 einen dramatischen Anstieg der Benzinpreise in den Vereinigten Staaten, Europa und darüber hinaus aus, was die Wirtschaft belastete und zu drastischen Kraftstoffengpässen führte. Als Reaktion darauf schlossen sich die Regierungen unter der Führung des US-Außenministers Henry Kissinger zusammen, um die Internationale Energieagentur (IEA) zu gründen. Sie schufen einen Mechanismus zum Aufbau und zur gemeinsamen Nutzung von Notfall-Ölvorräten, um sicherzustellen, dass sie in Zukunft beim Ölnachschub nicht mehr erpressbar waren.
Diese bahnbrechende Zusammenarbeit hat sich in den folgenden Jahrzehnten bewährt und dazu beigetragen, die wirtschaftlichen Auswirkungen von Versorgungsunterbrechungen durch Hurrikane oder geopolitische Konflikte zu begrenzen. Energieversorgung wird weiterhin als Waffe eingesetzt, wie Russland es beim Erdgaslieferungen für Europa zum Zeitpunkt seiner Invasion in der Ukraine getan hat. Glücklicherweise konnte Europa schnell auf die wachsenden US-Exporte von Flüssigerdgas zugreifen und die Kürzungen der russischen Lieferungen ausgleichen.
Dieselbe Art zu denken, wird nun auch für kritische Mineralien benötigt.
Zusätzlich zu den anhaltenden Risiken auf den Öl- und Gasmärkten sieht sich die Welt mit neuen Gefahren für die Energiesicherheit konfrontiert. Ihnen müssen sich die Regierungen stellen. Ganz oben auf dieser Liste stehen Mineralien, die in einer Vielzahl von Technologien im Energiesektor und darüber hinaus zum Einsatz kommen. Sie sind für Stromnetze, Batterien und andere Energieanlagen von entscheidender Bedeutung, werden aber auch für KI-Chips, Flugzeugtriebwerke und Verteidigungstechnologien benötigt. Damit sind sie nicht nur für die Energiesicherheit, sondern auch für die allgemeine wirtschaftliche Sicherheit von zentraler Bedeutung.
Diese Mineralien werden nicht direkt zum Antrieb von Autos, zur Stromerzeugung oder zum Heizen von Häusern verwendet, so dass Versorgungsengpässe nicht die gleichen unmittelbaren Auswirkungen haben wie bei fossilen Brennstoffen. Dennoch können Versorgungsunterbrechungen wichtige Industrien lahmlegen, mit weitreichenden Folgen für Wirtschaft und Arbeitsplätze.
Diversifizierung ist die erste goldene Regel
Die jüngsten Turbulenzen um den Export Seltener Erden sind ein ernüchterndes Beispiel für diese Risiken. Als China im April seine Exportkontrollen verschärfte, bekamen Automobilhersteller in den Vereinigten Staaten, Europa und anderswo sofort Probleme bei der Beschaffung von Seltenerdmagneten, die für Elektromotoren und andere wichtige Komponenten benötigt werden. In einigen Fällen Bestand das Risiko von Fabrikschließungen bei ausbleibendem Zugang zu diesen Komponenten.
Diversifizierung ist die erste goldene Regel der Energiesicherheit. Und in dieser Hinsicht ist die globale Lage bei kritischen Mineralien nicht gerade beruhigend.
Von wichtigen Batteriemetallen bis hin zu Hightech-Materialien konzentriert sich das Angebot an kritischen Mineralien auf eine kleine Handvoll Länder. Bei bemerkenswerten 19 der 20 wichtigsten strategischen Mineralien, die die IEA genau verfolgt – darunter Gallium, Graphit und Seltene Erden –, ist China mit einem durchschnittlichen Marktanteil von 70 Prozent der führende Veredler. Und die Analyse der IEA zeigt, dass sich diese Marktkonzentration in den letzten Jahren noch verstärkt hat.
Derzeit unterliegt mehr als die Hälfte dieser strategischen Mineralien einer Exportbeschränkung oder -kontrolle, sei es für die Mineralien selbst oder für das Know-how, mit dem sie in Endprodukte integriert werden können.
IEA-Sicherheitsprogramm für kritische Mineralien
Regierungen weltweit werden sich der Risiken einer derart hohen Konzentration bewusst und suchen nach Möglichkeiten, darauf zu reagieren. Es sind sowohl kurzfristige Maßnahmen erforderlich – um die Resilienz gegen mögliche Störungen zu stärken – als auch längerfristige Maßnahmen, um die Lieferketten zu diversifizieren und strukturelle Risiken zu verringern.
Wie schon auf den Ölmärkten in den 1970er Jahren hat keine einzelne Regierung alle Antworten parat. Aber wie damals kann auch heute die internationale Zusammenarbeit den Weg in die Zukunft weisen.
Die IEA ist dafür der natürliche Ort. In den vergangenen fünf Jahren haben wir massiv in den Aufbau unserer globalen Daten- und Analysekapazitäten im Bereich kritischer Mineralien investiert, ähnlich, wie wir es für unsere weltweit führenden Fähigkeiten in anderen Bereichen des Energiesektors getan haben.
Mit der Unterstützung unserer Mitgliedsländer und auf der Grundlage unserer jahrzehntelangen Erfahrung und Expertise mit Mechanismen zur Sicherung der Ölversorgung haben wir ein neues Critical Minerals Security Program aufgebaut, um ein koordiniertes Vorgehen im Falle von Versorgungsunterbrechungen zu fördern.
Neue Instrumente für Preis- oder Mengensicherheit
Wie auf den Ölmärkten in den 1970er Jahren sind die Herausforderungen erheblich. Die Märkte allein werden keine größere Vielfalt schaffen. Wir brauchen neue politische Maßnahmen und neue internationale Partnerschaften zwischen rohstoffreichen Ländern, Raffinerien, Kapitalgebern und Verbrauchern.
Es werden neue Instrumente erforderlich sein, die ein gewisses Maß an Preis- oder Mengensicherheit bieten, um Investitionsbarrieren abzubauen und Finanzierungen zu ermöglichen. Im Juli 2025 beispielsweise startete das US-Verteidigungsministerium eine wegweisende öffentlich-private Partnerschaft mit dem Seltene-Erden-Unternehmen MP Materials. Sie umfasst Kapitalbeteiligungen, Preisuntergrenzen und zukünftige Abnahmeverpflichtungen, um eine vollständig inländische Lieferkette für Seltene Erden aufzubauen. Die Europäische Union hat unterdessen 60 strategische Projekte ausgewiesen, die damit Anspruch auf vereinfachte Genehmigungsverfahren und einen verbesserten Zugang zu Finanzmitteln haben.
Es ist eine enorme Herausforderung, sicherzustellen, dass Volkswirtschaften auf eine unterbrechungsfreie Versorgung mit den für ihre Industrien wichtigen Mineralien zählen können. Aber mit dem Geist und der Zielstrebigkeit, die Regierungen nach der Ölkrise von 1973 bei der Gründung der IEA gezeigt haben, können wir das Gleichgewicht zugunsten einer sichereren Wirtschafts- und Energiezukunft verschieben.
Dieser Beitrag erschien zuerst in englischer Version im Magazin „Time“.
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