StromVKG : Wer Versorgungssicherheit plant, muss Flexibilität mitdenken
Deutschland will beim Strom neue Reservekapazitäten von elf Gigawatt ausschreiben. Gleichzeitig gibt es auf Industrie- und Gewerbeseite Flexibilitätspotenziale von fünf bis sieben Gigawatt. Trotzdem werden regelbare Lasten nur nachgelagert berücksichtigt, kritisiert Nicolás Juhl vom Energiemanagement-Dienstleister encentive. Das birgt die Gefahr, dass Versorgungssicherheit teurer organisiert, wird als nötig.
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Dass erneut über Kraftwerke diskutiert wird, ist verständlich. Durch den Atom- und Kohleausstieg sowie den Ausbau der Erneuerbaren verändert sich die Logik des Stromsystems. Wind und Sonne können nicht rund um die Uhr Strom liefern, und der Markt allein stellt Reservekapazitäten für seltene Extremsituationen nicht automatisch im richtigen Umfang bereit. Gesicherte Leistung muss daher regulatorisch organisiert werden. Vor diesem Hintergrund hat die Regierung einen Entwurf für das Strom-Versorgungssicherheits- und Kapazitätengesetz () auf den Weg gebracht. In den kommenden zwölf Monaten sollen steuerbare Kapazitäten im Umfang von elf Gigawatt ausgeschrieben werden.
Das Problem ist, dass Versorgungssicherheit noch immer mit neuer Erzeugung gleichgesetzt wird. Diese Denkweise stammt aus dem alten Stromsystem. Wenn die Last stieg und Energie fehlte, baute man einfach weitere Erzeuger.
Ein Stromsystem mit hohem Anteil erneuerbarer Energien folgt einer anderen Logik. Wind und Sonne richten sich nicht nach industriellen Schichtplänen. Deshalb reicht es nicht, einfach mehr Anlagen auf die Angebotsseite zu stellen. Wir müssen Verbrauch, Speicher, Netze und Erzeugung in jeder Stunde besser zusammenbringen und an dieser Stelle greift die Kraftwerkstrategie zu kurz.
Die Lastseite kommt zu spät
Für die praktische Umsetzung des StromVKG gibt es eine klare Reihenfolge. Die ersten Ausschreibungen im Jahr 2026 zielen auf Langzeitkapazitäten ab. Im Mai 2027 soll die Ausschreibung für Erzeugungskapazitäten sämtlicher Erzeugungsanlagen folgen. Regelbare Lasten sind für Ende 2027 geplant.
Das zeigt deutlich, welche Ressourcen politisch zuerst als sicherheitsrelevant gelten. Erzeugungsleistung wird mit konkreten Volumina, Terminen und Kapazitätsprodukten ausgeschrieben. Flexible Nachfrage ist zwar im StromVKG vorgesehen, prägt aber den Start nicht. Damit verschenkt Deutschland Zeit und Effizienzpotenzial und macht Versorgungssicherheit teurer, als sie sein müsste.
Industrielle Flexibilität ist kein theoretisches Potenzial, das erst noch entstehen muss. Viele Anlagen sind längst am Netz. Kälteanlagen, Wärmespeicher, Pumpen, Druckluftsysteme, Ladeinfrastruktur, Batteriespeicher oder Betriebsprozesse mit Puffern können ihren Strombezug zeitlich verschieben, während die Produktion unverändert weiterläuft. Und das erschlossene Potenzial wäre erheblich. Laut einer McKinsey-Umfrage könnten Flexibilisierungsmaßnahmen die Spitzenlast von Industrie und Gewerbe um fünf bis sieben Gigawatt senken. Diese Größenordnung sollte in den Fokus einer Debatte rücken, in der Deutschland elf Gigawatt neue Kapazitäten ausschreibt.
Sichtbare Infrastruktur gewinnt zu oft die politische Debatte
Der Flexibilisierungshebel wird bislang kaum genutzt, weil unser Stromsystem einerseits jahrzehntelang darauf ausgerichtet war, die Erzeugung zu steuern und nicht die Nachfrage. Andererseits wurde Versorgungssicherheit historisch über sichtbare Infrastruktur organisiert. Ein Kraftwerk kann man planen, bauen und einweihen. Eine Stromleitung erscheint auf Karten. Ein Speicher steht sichtbar auf einem Gelände. Flexibilität dagegen entsteht dezentral, in vielen einzelnen Anlagen, Lastgängen und Betriebsabläufen. Sie lässt sich nicht fotografieren, weil sie im wahrsten Sinne des Wortes im Verborgenen wirkt: im Maschinenraum, wo der Verbrauch tatsächlich stattfindet. Dadurch ist sie politisch schwerer zu erklären als der Bau eines Kraftwerks, ist aber nicht weniger real.
Hinzu kommt, dass Kraftwerksbetreiber, Speicherentwickler, Netzbetreiber und Anlagenhersteller etablierte Rollen und klare Investitionslogiken haben. Das prägt die Debatte. Lösungen auf der Angebots- und Infrastrukturseite sind oft präsenter als auf der Nachfrageseite, weil ihre Geschäftsmodelle seit Jahren in die politische Sprache übersetzt sind. Es gibt etablierte Mechanismen und es wird konkret über Leistung, Verfügbarkeit, Ausschreibungen und Vergütung gesprochen. Bei der Nachfrageflexibilität bleibt vieles unscharf und es fehlen Standards, Erfahrungswerte und Marktrollen.
Auf Industrieseite kommt hinzu, dass Unternehmen ihre Produktion auf Qualität, Lieferfähigkeit und Kosten optimieren, nicht jedoch auf die Anforderungen des Stromsystems. Viele sind sich gar nicht bewusst, welche Flexibilitätspotenziale in ihren Anlagen stecken und wie sie diese ohne Produktionsrisiken monetarisieren können.
Das StromVKG muss Flexibilität gleichwertig behandeln
Flexibilität kommt in der Debatte vor, steht aber selten im Zentrum. Politisch wird weiterhin primär über Megawatt neuer Erzeugung gesprochen. In einer Knappheitssituation ist ein Megawatt reduzierte Last systemisch aber ebenso relevant wie ein Megawatt zusätzliche Erzeugung. Entscheidend sollte sein, welchen Beitrag eine Ressource für das System leistet, und nicht, ob sie aus Erzeugung, Speicher oder Lastverschiebung kommt.
Die Konsequenz ist simpel. Das StromVKG sollte Nachfrageflexibilität als gleichwertigen Baustein von Versorgungssicherheit anerkennen und frühzeitig einplanen. Dafür braucht es technologieoffene Ausschreibungen, realistische Präqualifikationsanforderungen und klare Vergütungsmechanismen. Regelbare Lasten sollten nicht erst nachgelagert in Ausschreibungen aufgenommen werden. Sie müssen bereits bei der Ermittlung des Kapazitätsbedarfs, im Ausschreibungsdesign und bei den Präqualifikationsregeln gleichwertig berücksichtigt werden. Zusätzlich sollten Investitionen in digitale Steuerbarkeit und Lastmanagement gezielt unterstützt werden. Die Energiewende braucht nicht den einen richtigen Hebel, sondern einen intelligenten Mix. Gaskraftwerke, Speicher, Netze und Nachfrageflexibilität lösen unterschiedliche Probleme. Die Debatte sollte diese Hebel nicht gegeneinander ausspielen, sondern einen Mix finden, der Versorgungssicherheit am effizientesten herstellt.
Es geht nicht darum, Gaskraftwerke für überflüssig zu erklären. Sie werden durchaus gebraucht. Deutschland sollte jedoch keine teure Sicherheitsinfrastruktur bauen, ohne vorhandene Hebel wie Nachfrageflexibilität als gleichwertige Systemressource in die Planung einzubeziehen.
Nicolàs Juhl ist als CEO bei encentive unter anderem für Strategie und Vertrieb zuständig. Das 2020 gegründete Unternehmen betreibt KI-gestützte Energiesteuerung.
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