Kosten der Naturzerstörung : Der Biodiversitätsverlust wird zum Kreditrisiko
Der Verlust biologischer Vielfalt trifft nicht nur Produzenten, sondern er verteuert Rohstoffe, verschiebt Risiken entlang globaler Lieferketten und landet als Kreditrisiko bei Finanzinstituten und Investoren. Davor warnen Ralf Lütz, Seniorberater Nachhaltiges Wirtschaften (CIB) und Beauftragter für Biodiversität Deutschland der französischen Großbank BNP Paribas, und Marco Meyer, Leiter Nachhaltige Finanzdienstleistungen Deutschland bei Capgemini Invent.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden
Biodiversität galt lange als abstraktes Thema für Naturschutzberichte, doch sie ist längst ein finanzieller Schlüsselfaktor. Wenn Ökosysteme kippen, geraten Geschäftsmodelle und mit ihnen Kreditportfolios unter Druck. Mehr als 50 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung hängen direkt oder indirekt von Ökosystemleistungen ab, wie etwa Bestäubung, Wasserreinigung oder Bodenfruchtbarkeit. Brechen diese Grundlagen weg, entstehen Risiken, die sich nicht nur auf produzierende Unternehmen beschränken lassen.
Die Wirkung ist selten linear, da Naturveränderungen und Klimawandel sich gegenseitig verstärken. Degradierte Böden etwa speichern weniger Wasser, Hitzeperioden wirken dann länger, und Extremwetter trifft ungeschützte Flächen folglich härter. Was in einer Region beginnt, setzt sich über Rohstoffmärkte fort, verändert Einkaufspreise, belastet Produktionskosten und erreicht schließlich auch Haushalte in Europa. Damit verschiebt sich Biodiversität von einem „weichen“ Nachhaltigkeitsthema in den Kern wirtschaftlicher Stabilität.
Biodiversität betrifft drei Risikoarten in Bilanzen
Für Unternehmen und Finanzinstitute zeigt sich der Biodiversitätsverlust oftmals durch physische Risiken, wenn Wasser knapper wird, Böden erodieren, Ernten ausfallen oder Schädlinge zunehmen. Er wirkt aber auch als transitorisches Risiko, wenn neue Regeln, Sorgfaltspflichten oder Erwartungen von Kunden oder Aufsichtsbehörden die Produktions- oder Distributionskosten erhöhen und Absatzmärkte verschieben.
Der Verlust der biologischen Vielfalt wird überdies zum systemischen Risiko, wenn viele Akteure gleichzeitig betroffen sind und Preisschocks sowie Produktions- sowie Ertragsausfälle sich gegenseitig verstärken. Gerade diese Gleichzeitigkeit ist für Kreditportfolios gefährlich, da Korrelationen steigen und Risikopuffer schrumpfen.
Vom Kakaobaum zum Kapitalmarkt
Der Kakaoanbau liefert ein anschauliches Beispiel. In Westafrika wurden vielerorts vielfältige ursprüngliche Agroforstsysteme durch Monokulturen ersetzt. Kurzfristig steigen so Anbauflächen, langfristig nimmt aber die Widerstandskraft der Böden und Pflanzen ab. Entwaldung, Artenrückgang und Wasserstress gehen dabei Hand in Hand, denn Böden verlieren durch intensive Landwirtschaft Humus und speichern darum weniger Feuchtigkeit.
Die Erträge nehmen infolgedessen tendenziell ab, und zusätzlich schwanken sie stärker. Die sinkenden Mengen treiben Rohstoffpreise, Lieferengpässe werden wahrscheinlicher und europäische Hersteller sowie Händler sehen sich gezwungen, die Kosten an Kundinnen und Kunden weiterzugeben. Das ist keine Theorie, sondern genauso geschehen und immer noch aktuell.
Für Banken wird das relevant, sobald Cashflows der Kreditnehmer volatiler werden. Ohne Absicherungen gegen Preis- oder Mengenrisiken verschlechtert sich die Bonität, Sicherheiten verlieren an Wert und Kreditbedingungen werden gerissen. Zusätzlich entstehen Reputations- und Haftungsrisiken, wenn Finanzierungen mit Entwaldung oder Biodiversitätsschäden verbunden werden. Selbst Institute, die nur indirekt finanzieren, sind betroffen, weil Lieferketten in Branchen wie Lebensmittel, Bau oder Chemie bis in sensible Regionen reichen.
Kenngrößen machen den Start möglich
Darum müssen sich Finanzinstitute damit befassen. Die größte Hürde stellt für sie aktuell noch die Messbarkeit dar. Biodiversität ist lokal, multidimensional und selten durch eine einzige Kenngröße zu fassen. Trotzdem gibt es praktikable Einstiege: Standorte und Lieferketten können zuerst grob verortet, wesentliche Abhängigkeiten danach identifiziert, Risiken bewertet und die Ergebnisse in Kreditentscheidungen übersetzt werden. Dabei helfen strukturierte Ansätze wie der LEAP-Ansatz der internationalen Taskforce on Nature-related Financial Disclosures TNFD. Auch wenn Datenlücken bleiben: Wichtig ist ein pragmatischer Start, der mit jedem Durchlauf präziser wird.
Entscheidend sind Indikatoren, die ökologisch sinnvoll und im Kreditprozess nutzbar sind. Dazu gehören etwa Landnutzungsänderungen, Wasserentnahme, Bodenerosion, Verschmutzung oder Recyclingquoten. Viele Informationen liegen in Einkaufsdaten, Herkunftsnachweisen, Satellitenbildern, Auditberichten oder Fragebögen vor. Wer diese Quellen verbindet, kann ein Frühwarnsystem aufbauen, das Branchen mit hoher Ökosystemabhängigkeit priorisiert, Engagement (aktive Dialoge) mit Kunden strukturiert und Monitoring in die laufende Betreuung integriert.
Vom Messen zum Handeln
Eine mögliche Lösung zur Minderung der Risiken sind Agroforstsysteme. Sie kombinieren zum Beispiel Kakao mit Schatten-, Obst- und Nutzholzbäumen, verbessern Bodenqualität, senken Trockenstress und stabilisieren Einkommens- und Umsatzstrukturen durch zusätzliche Produkte.
Solche und andere Nature-Based Solutions, naturbasierte Lösungen, sind oft kostengünstiger als rein technische Anpassungen. Sie erhöhen zudem die Resilienz der Betriebe, womit das Ernte- und auch das Kreditausfallrisiko sinkt. Für Banken eröffnen Agroforstsysteme einen doppelten Hebel, indem sie Risiken reduzieren und Kapital dorthin lenken, wo eine messbare Wirkung entsteht.
Naturpositive Finanzierung
Praktisch lassen sich naturbezogene Ziele über mehrere Instrumente finanzieren. Bei nachhaltigkeitsgebundenen Finanzierungen, beispielsweise Sustainability-linked Loans, hängen Konditionen an klaren Biodiversitätskennzahlen, etwa Schutzflächen, Renaturierung oder entwaldungsfreie Beschaffung. Grüne und blaue Anleihen, Green Bonds und Blue Bonds, bündeln Mittel zweckgebunden für naturbezogene Projekte. Bei Blended Finance, die gemeinsame Finanzierung oder Investition durch öffentliche und private Geldgeber, werden die Risiken zwischen öffentlicher Hand, Entwicklungsbanken und Privatinvestoren verteilt. Sogenannte Payments for Ecosystem Services vergüten Landnutzende für nachweisbar wirksame Aktivitäten zugunsten von Ökosystemleistungen wie etwa Wasserreinigung oder Habitatschutz.
Auch Biodiversitätszertifikate rücken aktuell verstärkt in den Fokus. Unternehmen und Finanzhäuser erhalten Biodiversity Credits, wenn sie Renaturierungen finanzieren. Für deren Akzeptanz an den Finanzmärkten braucht es jedoch Klarheit über zugrundeliegende Methodiken, eine transparente Berichterstattung und glaubwürdiges Monitoring, sonst drohen Greenwashing-Risiken.
Wichtig für den Finanzmarkt ist ein Perspektivwechsel: Biodiversität ist kein zusätzlicher Arbeitsaufwand, sondern Stabilitätsindikator. Wer sie ignoriert, unterschätzt Risiken, weil Natur und Klima gemeinsam auf Preise, Produktion und Bonität wirken. Wer sie integriert, macht Portfolios robuster, stärkt Kundenbeziehungen und schafft auch Anreize für Geschäftsmodelle, die Natur erhalten statt sie zu verbrauchen.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden