Nachhaltige Geldanlagen : Die Zeit der ESG-Sprechblasen ist vorbei
Wer die Überschriften zu all den ESG-Fonds verfolgt, die jüngst geschlossen wurden, könnte meinen: Der Markt für nachhaltige Investments sei tot. Dabei vollzieht sich eine längst überfällige Konsolidierung – mit Vorteilen für Anlegerinnen und Anleger wie für (seriöse) Anbieter, schreibt Jessica Bodmann von Oikocredit in ihrem Standpunkt-Gastbeitrag.
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Ein Vertrauensverlust mit neun Nullen: Mehr als acht Milliarden US-Dollar flossen in den ersten drei Monaten des vergangenen Jahres netto aus weltweiten ESG-Fonds ab, wie Morningstar berechnet hat – ein Vertrauensverlust nie dagewesenen Ausmaßes. So viel Geld haben Anleger:innen bislang in keinem vergleichbaren Zeitraum aus den ESG-Titeln abgezogen. Insgesamt wurden weltweit 94 ESG-Produkte liquidiert oder fusioniert, allein in den USA wurden zwanzig Fonds geschlossen. Rekord. Global ESG Funds Suffer Outflows in Q1 2025 Amid Intensifying ESG Backlash | Morningstar.
Der Markt bereinigt sich – endlich!
Doch die Schließung der ESG-Fonds spiegelt weniger ein Ende der Nachhaltigkeit wider als eine Marktbereinigung. Denn was viele unterschätzen: Viele Fonds wurden in der Hochphase des ESG-Booms aufgelegt, leider teils ohne klare Nachhaltigkeitsstrategie. Sie waren eher Teil einer Marketing-Strategie, um werteorientierte Anleger:innen anzulocken. Die Motivation war eher die Gewinnmaximierung statt einer Produktstrategie, die transparent und eindeutig auf eine positive ökologische und soziale Entwicklung in der Welt ausgerichtet ist. Die aktuelle Konsolidierung ist damit eher ein Zeichen für Fokussierung auf Qualität statt Quantität.
ESG-Produkte haben Verbraucher verunsichert
Anbieter von ESG-Produkten müssen stärker auf die Verbraucher:innen beziehungsweise. Kund:innen hören. Zwei Drittel der Deutschen interessieren sich für grüne Investments – und fordern strenge Kriterien, wie eine Bafin-Umfrage ergab. Ein ganz ähnliches Bild zeigt eine Erhebung europäischer Verbraucherorganisationen: 42 Prozent der Befragten wären bereit, nachhaltig zu investieren. Als einen wichtigen Grund für das Nicht-Investieren nannten die Befragten „mangelndes Vertrauen in nachhaltigkeitsbezogene Aussagen”. Das macht umso deutlicher: Nur ESG-Produkte mit ganz klaren und strengen Kriterien können langfristig auf dem Markt bestehen.
Zur Verunsicherung der Verbraucher:innen hat sicherlich auch beigetragen, dass sich in jüngster Zeit immer mehr ESG-Fonds für Rüstungsunternehmen öffnen: Laut Bundesverband Investment und Asset Management (BVI) stieg der Anteil von Luftfahrt- und Rüstungsunternehmen in nachhaltig gelabelten Fonds („Artikel‑8‑Fonds”) von knapp einem Prozent Ende des vorletzten Jahres auf 1,3 Prozent Mitte letzten Jahres. In Deutschland fokussierte Fonds zeigen bis zu 4,6 Prozent Rüstungsanteil. Sogar Fonds, die besonders strenge ESG-Kriterien verfolgen, wiesen erstmals Rüstungsinvestments auf.
Das dürfte weitere Anleger:innen verunsichert haben – vor allem jenen, die werteorientiert und ethisch investieren wollen.
Regulatorische Unsicherheit schafft langfristig Vertrauen
Die ESG-Regulierung ist komplex und befindet sich im Wandel. Instrumente wie die EU-Taxonomie oder die Sustainable Finance Disclosure Regulation (SFDR) sind komplex, teils widersprüchlich und in ihrer Auslegung noch nicht vollständig geklärt. Viele Anleger:innen sind, wie schon oben erwähnt, verunsichert, was als „nachhaltig“ gilt. Diese Unsicherheit sorgt für Zurückhaltung beim Investieren. Das ist ein strukturelles Problem, das mit klareren, strengen Standards gelöst werden kann. Daher begrüßen wir die geplanten Änderungen der EU. Langfristig liegt in der Regulierung ein enormes Potenzial: Klare, verlässliche und ambitionierte Standards können Vertrauen schaffen, Greenwashing vorbeugen und den Markt für nachhaltige Finanzprodukte stabilisieren. So überarbeitet die EU-Kommission aktuell die SFDR und erkennt in einem Entwurf erstmals Impact Investing als Ergänzung zu Transition- oder Nachhaltigkeitsprodukten an – mit spezifischen (und für Verbraucher:innen nachvollziehbaren) Angaben etwa zu Zielen, Kennziffern und Auswirkungen. Nur diese Produkte dürfen Impact in ihrem Namen tragen.
Weg von den Marketing-Sprechblasen
Die ESG-Debatte verlagert sich weg von pauschalen grünen Labels hin zu konkreten Wirkungsnachweisen („Impact“). Davon profitieren Unternehmen und Fonds, die auf eine echte ökologische und soziale Transformation abzielen. Nachhaltigkeit ist nicht „out“, sondern unterzieht sich einem Glaubwürdigkeitscheck. Anleger:innen achten zunehmend auf konkrete Kriterien wie CO2-Reduktion, Biodiversität, Einhaltung der Menschenrechte entlang der Lieferkette oder soziale Kennzahlen (Anteil weiblicher Führungskräfte und vieles mehr).
ESG wird relevanter und ein Werkzeug für Resilienz und Zukunftsfähigkeit – statt bloßer Marketingstrategie. Das schließt unserer Meinung auch Zugeständnisse aus, wie zum Beispiel zugelassene prozentuale Anteile von umstrittenen Branchen in einem Finanzprodukt. Dazu können beispielsweise Energieunternehmen mit fossilen Expansionsplänen sein, was viele Anlegerinnen und Anleger kritisch sehen.
Unabhängig von der Regulierung ist die Wirkungsmessung ein zentrales Instrument, um glaubwürdig zu zeigen, dass ein Investment strenge Nachhaltigkeitskriterien anlegt. Zum Beispiel durch eine Befragung der Menschen entlang der Lieferkette oder einer Messung von Einkommens- und Arbeitsplatzeffekten durch die Bereitstellung von Betriebskapital. Das ist aufwändig, aber lohnt sich! Denn so können Anleger:innen nachvollziehen, ob ihr Investment wirklich nachhaltig ist – in dem Sinn, dass es zu einer ökologischen und sozialen Transformation beiträgt.
Die Schließung zahlreicher ESG-Fonds ist kein Ende nachhaltiger Finanzprodukte, sondern ein überfälliger Schritt hin zu mehr Qualität und Glaubwürdigkeit. Anleger:innen können künftig mit klareren Kriterien und weniger Greenwashing rechnen. Für Anbieter heißt das: weg von Etiketten hin zu mehr Transparenz und messbarer Wirkung. Nur so werden sie Vertrauen zurückgewinnen. Die Zeit der ESG-Sprechblasen ist vorbei. Jetzt zählt Substanz.
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