Ausblick auf den GMK-Vorsitz 2026 : Gesundheitsversorgung der Zukunft im Fokus
Deutschlands Gesundheitssystem steht trotz hoher Qualität vor großen Belastungen. Niedersachsen drängt als neues Vorsitzland der Gesundheitsministerkonferenz auf ein starkes Gesamtkonzept: mehr ambulante Versorgung, bessere Steuerung der Patientenwege, starke Prävention und krisenfeste Strukturen. So soll die medizinische Versorgung zukunftssicher und verlässlich bleiben.
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Egal ob jung oder alt, ob in Hannover oder auf Borkum lebend – das Thema Gesundheit betrifft uns alle. Es bestimmt unsere Lebensqualität und ist die zentrale Voraussetzung dafür, dass wir selbstbestimmt den Anforderungen des Alltags gerecht werden können. Gesundheit braucht aber Verlässlichkeit. Deshalb haben wir unser Gesundheitssystem, ein dichtes Geflecht aus unterschiedlichen Akteurinnen und Akteuren, die in diversen Handlungsfeldern einen wichtigen Beitrag zur medizinischen Versorgung der Bevölkerung leisten.
Zunächst die gute Nachricht: Deutschland hat eines der besten Gesundheitssysteme der Welt. Im internationalen Vergleich sind wir gut mit Ärztinnen und Ärzten versorgt. Niemand muss darum fürchten, keine Behandlung zu bekommen – schon gar nicht als Notfall. Doch wir spüren immer mehr, dass genau dieses Gesundheitssystem zunehmend auf die Probe gestellt wird. Der technische Fortschritt, ein Mentalitätswandel bei Patientinnen und Patienten und die demografische Entwicklung erweisen sich als große, wenn nicht gar existenzielle Herausforderungen. In Zukunft wird immer weniger medizinisches Personal zur Verfügung stehen und das bei einer gleichzeitig steigenden Anzahl an Pflegebedürftigen. Die Situation ist klar und nun sind Lösungen gefragt.
Lösungen, die auf unterschiedlichen Ebenen gefunden werden müssen. Zum einen sind die Krankenhäuser beziehungsweise ihre Träger in der Verantwortung, sich so aufzustellen, dass sie den Bedarfen vor Ort gerecht werden. Zum anderen benötigen sie dafür geeignete Rahmenbedingungen, die nur die Politik gestalten kann. Gesundheitspolitik bedarf stets einer engen Abstimmung zwischen Bund und Ländern. Der Bund gibt die rechtlichen Weichenstellungen vor, nach der die Länder sowie ihre Selbstverwaltungsorgane, darunter Krankenkassen und Ärztevereinigungen, ihre Planungen vorantreiben können.
KHAG: Bund und Länder ringen um richtige Antwort
Mit der Krankenhausreform wollen wir diesen wichtigen Weg gehen. Durch die Einführung von Leistungsgruppen sorgen wir für verbindliche Qualitätsstandards und gewährleisten, dass Patientinnen und Patienten auch nur dort behandelt werden, wo nachweislich die nötige Erfahrung und die entsprechende Ausstattung besteht. Im selben Atemzug senken wir anhand der Vorhaltevergütung den Kostendruck der Kliniken, die nicht länger darauf angewiesen sind, möglichst viele Patientinnen und Patienten durchzuschleusen.
Während Bund und Länder mit Blick auf das KHAG derzeit noch um die richtige Antwort ringen, wie die Gesundheitsversorgung von morgen im Detail aussehen soll, steht längst fest: Das eine Patentrezept wird es nicht geben. Vielmehr benötigen wir einen ganzen Koffer an Medikamenten, um die einzelnen Symptome wirksam zu behandeln. Insbesondere Flächenländer wie Niedersachsen stehen vor der Frage, wie eine qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung auch künftig gesichert bleiben kann. Und es darf kein Pflaster hier und dort sein, es bedarf eines tragenden Gesamtkonzeptes, um unser System wieder gesund und dauerhaft stabil zu machen.
Zum 1. Januar hat Niedersachsen den Vorsitz der Gesundheitsministerkonferenz (GMK) übernommen. Zentrales Leitthema wird die Versorgungssicherheit sein. Als Niedersächsische Landesregierung machen wir uns für eine zukunftsfähige Gesundheitsversorgung stark, die regional angepasste, vernetzte, effiziente und krisensicher gestaltete Strukturen in den Mittelpunkt stellt.
Ambulant vor stationär
Doch wie kann eine moderne Versorgungssicherheit aussehen? Häufig drehte sich die öffentliche Diskussion der vergangenen Monate um den finanziellen Aspekt. Und ja, wir müssen die Kosten im System senken. Dies darf in meinen Augen jedoch nicht zulasten der Behandlungsqualität gehen. In Niedersachsen arbeiten wir bereits seit vielen Jahren daran, den ambulanten Sektor zu stärken. Viele Leistungen, die derzeit noch stationär erbracht werden, könnten problemlos ambulant durchgeführt werden, so z.B. knapp ein Drittel aller Hüftoperationen. Durch die Verlagerung in den ambulanten Bereich würden die Kosten für Behandlungen drastisch sinken – genauso wie durch eine Stärkung von frühzeitigen Präventionsangeboten.
Dies muss einhergehen mit einer besseren Patientensteuerung. Aus dem Grund unterstütze ich ausdrücklich die von der Bundesregierung geplante Einführung eines Primärarztsystems. Als Vorsitzland wird sich Niedersachsen sehr wesentlich für eine Ambulantisierung unseres Gesundheitswesens und damit für eine sichere hausärztliche Versorgung einsetzen. Zu Letzterem zählt auch die Entlastung der Hausarztpraxen durch eine verstärkte Delegation von Aufgaben, beispielsweise an Community Health Nurses oder Physician Assistants.
Zudem machen wir uns für kürzere Wartezeiten auf Arzttermine stark und für eine Anpassung der Regelung für Hybrid DRG bei den Fachärztinnen und Fachärzten. Ebenfalls ist eine grundlegende Reform der Apotheken unverzichtbar, allerdings braucht es viel mehr Mut als der Bund bislang an den Tag gelegt hat. Das gilt insbesondere für eine Stabilisierung der Honorare.
Krisenresilienz bleibt wichtiges Thema
Zur Versorgungssicherheit gehört allerdings auch die zivile Verteidigung und ein vollumfängliches Krisenmanagement. Einrichtungen des Gesundheitswesens müssen in der Lage sein, schnell und effizient auf zivile und militärische Zwischenfälle zu reagieren. Ich weiß, dass viele Menschen nicht gerne darüber nachdenken, doch es wäre politisch verantwortungslos, sich diesem Thema nicht zu stellen. Das verdeutlichen uns die schrecklichen Bilder aus der Ukraine. Aus diesem Grund brauchen wir einheitliche Strukturen für die Beschaffung von Schutzausrüstung, Impfstoffen und Arzneimitteln sowie eine Koordination von Logistik und Expertenberatung bei Bedrohungslagen.
Zu guter Letzt wird auch der Infektionsschutz eine wichtige Rolle auf der GMK spielen. Die Corona-Pandemie hat uns vor Augen geführt, wie wichtig ein krisenfester Öffentlicher Gesundheitsdienst ist. Wir wollen daher den Personalaufbau vorantreiben genauso wie die Digitalisierung. Die Länder haben auf Fachebene bereits eine Liste mit wünschenswerten Änderungen des Infektionsschutzes erstellt und werden diese auch im Rahmen der Hauptkonferenz noch einmal deutlich Richtung Bund adressieren.
Die Gestaltung einer zukunftsfesten Gesundheitsversorgung wird somit zu einem der zentralen Schwerpunkte der GMK. Von ihr soll das klare Signal ausgehen, dass sich die Länder der Probleme und Herausforderungen bewusst sind und die Weichen für eine nachhaltige, finanziell tragfähige und patientenzentrierte Reform des Systems stellen wollen.
Dr. Andreas Philippi ist seit 2023 Gesundheitsminister von Niedersachsen, das Niedersachsen zum Jahreswechsel den Vorsitz der 99. Gesundheitsministerkonferenz übernommen hat. Philippi ist Facharzt für Chirurgie und Notfallmedizin und war von 2021 bis 2023 Mitglied des Deutschen Bundestages.
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