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Prävention : Wer hat Angst vor der Zuckersteuer?

Barbara Bitzer
Barbara Bitzer ist Geschäftsführerin der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und Sprecherin der Deutschen Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK). Foto: Dirk Deckbar

Die Zuckersteuer ist in Deutschland zum Zankapfel zwischen Gesundheits- und Finanzpolitik geworden, findet Barbara Bitzer von der Deutschen Diabetes Gesellschaft. Im Standpunkt plädiert sie dafür, das eigentliche Ziel der Steuer im Blick zu behalten: gesunde Ernährung und der Schutz von Kindern und Jugendlichen. Besonders Kinder aus sozial benachteiligten Familien würden von der gesundheitsfördernden Wirkung profitieren.

von Barbara Bitzer, Deutsche Diabetes Gesellschaft

veröffentlicht am

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Wer hätte gedacht, dass eine Maßnahme der Verhältnisprävention, die zahlreiche europäische Länder bereits eingeführt haben, eine so intensive politische und gesellschaftliche Debatte in Deutschland auslöst? Die Zuckersteuer ist zum Zankapfel zwischen Gesundheits- und Finanzpolitik geworden. Dabei gerät ihr eigentliches Ziel zunehmend aus dem Blick: gesündere Ernährung zu fördern, gesündere Rahmenbedingungen zu schaffen und insbesondere Kinder und Jugendliche zu schützen.

Wissenschaftlich-medizinische Verbände und Organisationen begrüßen das Vorhaben seit vielen Jahren ausdrücklich. Die Lebensmittel- und Zuckerindustrie dagegen kritisiert es scharf. In dieser kontroversen Debatte droht das gesundheitspolitische Ziel der Zuckersteuer in den Hintergrund zu geraten.

Prävention statt Reparatusmedizin

Platz 17 von 18: Im Public Health Index 2025 gehört Deutschland zu den Schlusslichtern der untersuchten Länder Nord- und Zentraleuropas. Keine der im Index untersuchten ernährungspolitischen Maßnahmen wird hierzulande umgesetzt. Andere Länder machen vor, wie es gehen kann: mit gesundheitsfördernden Steuern, dem Schutz von Kindern vor Lebensmittelwerbung für Ungesundes und klaren Standards für die Schulernährung.

Deutschland setzt derweil auf freiwillige Zusagen der Industrie und die Eigenverantwortung von Verbraucher:innen und Eltern. Statt Krankheiten konsequent vorzubeugen, leisten wir uns eine teure Reparaturmedizin. Die Gesundheitsausgaben steigen: Rund 530 Milliarden Euro waren es 2024. Einen großen Teil dieser Kosten verursachen Adipositas und deren Folgeerkrankungen wie Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen oder Krebs. Wer den Kostenanstieg wirksam bremsen will, muss der Prävention politisch mehr Gewicht geben.

Die neue soziale Frage?

Wer über die soziale Wirkung einer Zuckersteuer spricht, muss beides im Blick behalten: die finanzielle Belastung und den gesundheitlichen Nutzen. Höhere Preise können Haushalte mit geringem Einkommen relativ stärker treffen. Gleichzeitig zeigen die Daten soziale Unterschiede beim Konsum zuckergesüßter Getränke: In sozial benachteiligten Lebenslagen ist der Konsum überdurchschnittlich hoch. Zugleich profitieren gerade diese Haushalte überproportional von der gesundheitsfördernden Lenkungswirkung.

Das gilt besonders für Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien, die in Deutschland vier- bis fünfmal so häufig von Adipositas und ernährungsbedingten Erkrankungen betroffen sind wie Kinder aus Familien mit einem hohen sozioökonomischen Status. Verhältnisprävention erreicht sie unabhängig davon, welchen Bildungsabschluss ihre Eltern haben, ob zu Hause auf eine gesunde Ernährung geachtet wird oder sie Zugang zu Gesundheitsinformationen finden. Hier liegt viel Potenzial für mehr gesundheitliche Chancengerechtigkeit. Auch eine stabilere gesetzliche Krankenversicherung kommt allen Versicherten zugute – nicht zuletzt Menschen mit geringem Einkommen.

Bevormundung oder gesunde Wahl?

Verbraucher:innen sollen weiterhin selbst entscheiden, was sie essen und trinken. Eine Zuckersteuer ist kein Verbot; der Konsum einer Limonade kann und soll auch weiterhin eine bewusste Entscheidung sein. Zugleich zeigt der Ernährungsreport des Bundesernährungsministeriums: Die meisten Menschen in Deutschland möchten sich gesund ernähren – möglichst ohne Verzicht. Eine Zuckersteuer kann ein gesünderes Getränkeangebot fördern und damit die gesunde Wahl zur einfachen Wahl machen.

Und auch davon profitieren Kinder und Jugendliche besonders. Anders als Erwachsene können sie die langfristigen Folgen ungesunder Ernährung oft noch nicht abschätzen und ihre Gewohnheiten entsprechend anpassen. Politik und Gesellschaft tragen deshalb Verantwortung für Bedingungen, die ein gesundes Aufwachsen erleichtern. Höhere Preise für ungesunde Produkte können dabei ein zusätzliches Signal setzen.

Steuern als gesundheitspolitisches Instrument

Ein häufiges Gegenargument lautet, es gebe keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass eine Zuckersteuer zur Prävention von Übergewicht und Adipositas beitragen kann. Sie habe keine gesundheitliche Lenkungswirkung. Dabei sind zuckergesüßte Getränke unbestritten ein Treiber ernährungsbedingter Erkrankungen: Sie erhöhen das Risiko für Übergewicht, Typ-2-Diabetes und weitere Krankheiten.

Zuckergesüßte Getränke verursachen hohe Gesundheitskosten, die von der Solidargemeinsacht getragen werden. Eine Zuckersteuer führt dazu, dass auch die Verursacher:innen und Herstellerfirmen einen Teil dieser Kosten mittragen. Eine Zuckersteuer kann den Konsum dieser Getränke und die tägliche Zuckeraufnahme deutlich reduzieren. Erste stichhaltige Studien zeigen zudem, dass sich der Anstieg von Übergewicht nach ihrer Einführung verlangsamt. Auch hier profitieren besonders Kinder und Jugendliche.

Gesundheit als wirtschaftliches Kapital

„Steuererhöhungen sind Gift für die Wirtschaft.“ Oder: „Eine Zuckersteuer gefährdet Arbeitsplätze und stopft nur Löcher im Bundeshaushalt.“ In wirtschaftlich angespannten Zeiten scheinen solche Argumente jeden gesundheitspolitischen Anspruch zu überlagern. Doch weder eine Zuckersteuer noch eine höhere Tabaksteuer kann den Bundeshaushalt allein finanzieren.

Wer gesundheitsfördernde Steuern nur als Einnahmequelle betrachtet, greift zu kurz. Denn die Folgen ungesunder Ernährung belasten langfristig auch die wirtschaftliche Entwicklung und Produktivität. Allein Adipositas verursacht jährlich mehr als 60 Milliarden Euro Kosten; für Diabetes werden etwa 30 Milliarden Euro veranschlagt.

Hinzu kommen Krankheitstage, Verdienstausfälle, Frühverrentung und damit verbundene Produktivitätsverluste, die auch die Industrie treffen. Auch die internationalen Erfahrungen sprechen nicht dafür, dass eine gestaffelte Herstellerabgabe die wirtschaftliche Grundlage der Getränkeindustrie gefährdet oder gar Arbeitsplätze vernichtet.

Die Zuckersteuer ist kein Allheilmittel: Allein kann sie den Anstieg von Adipositas und Typ-2-Diabetes nicht stoppen. Sie ist aber ein wichtiger erster Schritt zu gesünderen Lebensbedingungen. Am erfolgreichsten wäre sie, wenn Hersteller den Zuckergehalt ihrer Getränke senken und Hersteller und Verbraucher:innen dadurch kaum Steuern zahlen müssten. Das sollte der Maßstab der Debatte sein.

Barbara Bitzer ist Geschäftsführerin der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und Sprecherin des Wissenschaftsbündnisses Deutsche Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK).

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