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Verkehr & Smart Mobility

Standpunkt

Nachhaltige Mobilität: Raus aus der Komfortzone!

André Schwämmlein, CEO und Mitgründer von FlixMobility
André Schwämmlein, CEO und Mitgründer von FlixMobility Foto: FlixMobility

Um Bahnfahren günstiger und attraktiver zu machen, brauchen wir mehr Wettbewerb auf der Schiene, schreibt FlixMobility-CEO André Schwämmlein. Erreicht werden könne dies unter anderem durch eine Senkung der Trassenpreise, einen einheitlichen Mehrwertsteuersatz und steuerliche Anreize für geteilte Mobilität.

von André Schwämmlein

veröffentlicht am 26.10.2021

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Seit der Wahl am 26. September befinden wir uns in der Phase der Richtungsentscheidungen: In unterschiedlichen Themengruppen tüfteln die Arbeitskreise der Ampelparteien ab morgen an den Inhalten des Koalitionsvertrages. Und dabei geht es um nichts Geringeres als um die Zukunft unseres Landes. Und wer über das Deutschland nach Kohle, Kurzstreckenflügen und Corona oder über Fachkräfte- sowie Ressourcenmangel nachdenkt, muss selbstverständlich über den Klimawandel diskutieren.

Sprechen wir über Klima und lebenswerte Städte und Regionen, dann steht das Thema Mobilität ganz oben mit auf der Liste. Unweigerlich landet man also bei der Frage, ob man wieder mehr öffentliche Verkehrsmittel nutzt, sich ein E-Auto oder doch noch einen Hybrid anschaffen soll, ganz aufs Auto verzichtet oder alles beim Alten belässt, weil man seine Komfortzone dann doch nicht verlassen will.

Letzteres ist für jeden, der Verantwortung für kommende Generationen übernehmen will, und für mich als Gründer von FlixMobility natürlich keine Option. Mir liegt nachhaltige Mobilität besonders am Herzen: Es ist unsere Verantwortung, uns über die Zukunft von Mobilität Gedanken zu machen.

Die Ampelkoalition wird als verbindendes Element den Klimaschutz organisieren müssen; der wirtschaftlich machbar, sozial verkraftbar und dennoch nachhaltig und innovativ ist. Das wird bei der Mobilität besonders sichtbar: Die Pandemie hat die Menschen verstärkt ins eigene Auto getrieben. Eine Entwicklung, die in vielerlei Hinsicht bedenklich ist. Das erhöhte Verkehrsaufkommen führt zu noch mehr Staus.

Drei Dinge sind in der kommenden Legislatur entscheidend 

Autobahnen und Städte sind heute schon überlastet, alternative Verkehrsmittel weiterhin noch lange nicht bei den Auslastungszahlen, die vor Corona jährlich stiegen. Es gilt also, die richtigen Anreize für die Menschen zu finden, damit sie ihr Mobilitätsverhalten neu denken. Außerdem müssen wir reizvolle Angebote für kollektiven Fernverkehr und geteilte Mobilität schaffen. Das funktioniert über Preis, Bequemlichkeit, Pünktlichkeit und Verfügbarkeit.

Innovationen zulassen, CO2-Emmissionen reduzieren und den Verkehrssektor effizient finanzieren – dieser Dreiklang wird für die kommende Legislatur entscheidend sein.

Öffentlicher Verkehr ist nur dann attraktiv und eine echte Alternative, wenn er leicht zugänglich, bequem und intelligent vernetzt ist. Oft sind die Debatten jedoch von der reinen Frage „Schiene gegen Straße“ geprägt. Diese greift viel zu kurz. Stattdessen muss die Devise lauten: Vorrang des umweltfreundlichen, kollektiven Verkehrs in Bus und Bahn gegenüber Individual- und Flugverkehr.

Zielgerichtete Investitionen in die Mobilitätsinfrastruktur, smarte Planung und Vernetzung von Verkehrsverbindungen und der Abbau von Hürden jeglicher Art bilden die wichtigsten Anreize für den Ausbau und Umstieg auf nachhaltige Verkehrsmittel wie Bus und Bahn.

Mobilität gestalten statt verbieten

Der neue Wettbewerbsreport von Mofair legt den Finger in die Wunde: Das stark verkrustete System Schiene muss zukunfts- und innovationsfähig aufgestellt werden, um ein breiteres Angebot zu ermöglichen und mehr Fahrgäste für umweltfreundliche Verkehre zu gewinnen.

Günstigeres Bahnfahren und ein attraktiveres Angebot erreicht man durch mehr Wettbewerb, das haben uns viele unserer europäischen Nachbarn erfolgreich vorgemacht. Der kann aber nur florieren, wenn man ihn nicht durch das einseitige Fördern einzelner Unternehmen in eine Schieflage bringt. Die Lösung liegt auf der Hand: gleiche Bedingungen für alle Anbieter, Vernetzung von smarten Angeboten unterschiedlicher kollektiver Verkehre und eine Infrastruktur, die das ermöglicht. Konkret bedeutet das:

  • Unmittelbare Senkung der Trassenpreise auf die Höhe der direkten Kosten, wie in vielen EU-Staaten üblich

  • Öffnung der Bahn-Buchungsplattform bahn.de für alle Anbieter

  • Betreiben der Bahninfrastruktur durch einen unabhängigen Infrastrukturbetreiber, um einen einfachen und fairen Zugang zur Infrastruktur zu gewährleisten

  • Förderung des Reisens auf allen Verkehrsträgern durch Mehrwertsteuermodelle, die alle nachhaltigen Verkehrsträger begünstigen: einheitliche sieben Prozent für nationale Beförderung

  • Nutzung des EU-Binnenmarktes, um eine Angleichung an internationale Systemstandards und Vorschriften zu erreichen

  • Incentivierung kollektiver und geteilter Mobilität über monetäre Anreize und steuerliche Vorteile

Diese Maßnahmen versprechen deutlich mehr Fahrgäste für Züge und Busse und treiben den Wandel zu einer nachhaltigen Mobilität voran, ohne die Menschen in ihrer Mobilität einzuschränken. Wir wünschen uns von der Fortschrittskoalition, dass sie den Mut und die Durchschlagskraft hat, die spannenden und drängenden Themen unserer Zeit neu zu gestalten, um Deutschland jetzt nach vorne zu bringen.

Über die Frage, wie Schienenpersonenverkehr attraktiver und erschwinglicher werden kann, diskutiert FlixMobility-CEO André Schwämmlein heute ab 13 Uhr via Zoom mit den Europa-Abgeordneten Anna Deparnay-Grunenberg (Die Grünen/EFA) und Barbara Thaler (ÖVP/EPP) sowie mit Carl Adam Holmberg von der schwedischen Eisenbahngesellschaft Snälltåget und Kristian Schmidt, Landverkehrsdirektor bei der EU-Kommission.

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