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Verkehr & Smart Mobility

Standpunkt

Raus aus dem Tank

Johanna Büchler, Senior Expert für Klimaschutz im Verkehr bei der Deutschen Umwelthilfe
Johanna Büchler, Senior Expert für Klimaschutz im Verkehr bei der Deutschen Umwelthilfe Foto: promo

Raps, Getreide, Ölpalmen: Überall auf der Welt werden Pflanzen eigens dafür kultiviert, um aus ihnen vermeintlich klimafreundlichen Agrokraftstoff herzustellen. Eine neue Studie im Auftrag der Deutschen Umwelthilfe zeigt: Hier liegt eine fundamentale Fehlkalkulation vor, schreibt DUH-Expertin Johanna Büchler.

von Johanna Büchler

veröffentlicht am 24.02.2022

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Seit über 15 Jahren fördert die Politik in Deutschland und Europa die Beimischung biogener Kraftstoffe zu fossilem Diesel und Benzin. Ebenso lange ist bekannt, dass der vermeintlich grüne Agrosprit, den man an der Tankstelle automatisch mit-tankt, gravierende Klima- und Umweltschäden verursacht. 

Palmöldiesel, dessen Einsatz die Zerstörung der letzten Urwälder Südostasiens vorantreibt, ist negativer Spitzenreiter und soll deshalb ab 2023 in Deutschland und ab 2030 EU-weit nicht mehr im Tank landen. Zudem ist der Einsatz aller Agrokraftstoffe EU-weit nun gedeckelt, um eine weitere Expansion der Agrarflächen zu verhindern. 

Nicht wenige meinen, damit seien die Probleme gelöst – so auch die alte Bundesregierung und die EU-Kommission. Leider stimmt das nicht. Eine neue Studie des ifeu-Instituts im Auftrag der Deutschen Umwelthilfe (DUH) hat den Flächenverbrauch für Agrokraftstoff und die damit verbundenen Klimakosten unter die Lupe genommen. 

Sie zeigt, dass der Einsatz von Agrokraftstoff im Namen des Klimaschutzes eine fundamentale Fehlkalkulation ist – die sich weder durch den Ersatz einzelner Rohstoffe wie Palmöl noch durch ein Einfrieren des Status quo korrigieren lässt.

Natürliche Vegetation würde mehr CO2 binden

Das Grundproblem: Der Anbau von Pflanzen für Kraftstoff benötigt enorm viel Fläche – Fläche, die für andere Zwecke nicht mehr zur Verfügung steht. Rund um den Globus dienen heute über 1,2 Millionen Hektar – fast fünfmal das Saarland – der Produktion von Agrosprit allein für deutsche Autos: Rapsfelder in Deutschland, Getreideäcker in der Ukraine, Zuckerrohrplantagen in Peru. Alles natürlich Monokultur, behandelt mit Dünger und Pestiziden.

Das Klima hat nichts davon, dass wir dem Agrosprit so viel Platz einräumen – im Gegenteil. Die Berechnungen des ifeu-Instituts zeigen, dass natürliche Vegetation auf einer Fläche dieser Größe über einen Zeitraum von 30 Jahren deutlich mehr CO2 aus der Atmosphäre binden könnte als der Einsatz von Agrosprit laut amtlichen Zahlen an fossilen CO2-Emissionen vermeidet. 

Unter dem Strich steht allein für in Deutschland getankten Agrosprit ein Klimaschaden von über sieben Millionen Tonnen CO2 pro Jahr. 

In den offiziellen Agrokraftstoff-Klimabilanzen wird das verschenkte CO2-Speicherpotenzial der eingesetzten Flächen ignoriert – so als stünden riesige Landstriche ohne Abstriche fürs Klima als Anbauflächen zur Verfügung. Dabei herrscht massiver Flächendruck, in Deutschland und global. 

Kraftstoff aus Anbaubiomasse zu gewinnen ist dabei eine extrem ineffiziente Landnutzung, wie die Studie ebenfalls zeigt: Die Erzeugung von Solarstrom für E-Autos benötigt 97 Prozent weniger Fläche für die gleiche Kilometerleistung. Eine kombinierte Flächennutzung mit Photovoltaik und Renaturierung hätte einen dreifach größeren Klimanutzen als der vermeintlich klimafreundliche Agrosprit. 

RED-Revision bietet Gelegenheit zum Umsteuern

Klar ist: Möchte man 1,2 Millionen Hektar Land für den Klimaschutz einsetzen, ist der Anbau von Pflanzen für Agrokraftstoff die völlig falsche Wahl. Im Verkehrssektor braucht es statt einem „weiter so mit anderem Kraftstoff“ eine grundlegende Mobilitätswende sowie einen raschen Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor und Umstieg auf effiziente elektrische Antriebe.

Unnötige Flächenverschwendung auf Kosten von Klima und Natur verdient keine staatliche Förderung. Trotzdem werden Agrokraftstoffe als „erneuerbare Energie“ gewertet und zahlen auf die gesetzlichen nationalen und europäischen Quoten zur Treibhausgasminderung im Verkehr ein. Eine umweltschädliche Subvention, findet auch das Umweltbundesamt.

Die laufende Revision der Erneuerbare-Energien-Richtlinie (RED) auf EU-Ebene bietet die Gelegenheit, diese Absurdität endlich zu korrigieren. Die EU-Kommission möchte weitermachen wie bisher, umso wichtiger ist eine klare Positionierung der Bundesregierung im EU-Rat. Agrokraftstoffe dürfen nicht länger auf die Zielvorgaben der RED für erneuerbare Energie im Verkehr angerechnet werden. 

Die in dieser Sache federführende Umweltministerin Steffi Lemke muss zum Glück nicht überzeugt werden: Sie hat sich zusammen mit ihrem Kollegen und heutigen Landwirtschaftsminister Cem Özdemir und der grünen Bundestagsfraktion erst vor neun Monaten im Bundestag für einen Ausstieg aus Agrokraftstoffen stark gemacht. Nun gilt es, mit Nachdruck für eine entsprechende Position der Bundesregierung im EU-Rat zu werben. Die Studie der DUH liefert dafür schlagkräftige Argumente.

Kaputte Ökosysteme emittieren CO2

Landfläche ist eine extrem wertvolle Ressource und ein Nadelöhr für die Eindämmung von Klima- wie Biodiversitätskrise. Wir müssen der Natur Platz zurückgeben, degradierte Ökosysteme wiederherstellen und natürliche CO2-Senken stärken. 

Aktuell sind wir fernab vom Kurs: Das Ziel Deutschlands, den Flächenverbrauch bis 2020 auf unter 30 Hektar pro Tag zu reduzieren, ist genauso krachend verfehlt worden wie das Ziel, auf mindestens zwei Prozent der Landesfläche Wildnis zuzulassen. 

Laut Klimaschutzgesetz soll 2030 der Landnutzungssektor 25 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente aus der Atmosphäre binden – aber die Bundesregierung selbst erwartet, dass aufgrund des desaströsen Zustands der natürlichen Ökosysteme stattdessen 22 Millionen Tonnen Tonnen CO2-Äquivalente emittiert werden. 

Global sieht es nicht besser aus: Alarmierende wissenschaftliche Daten zeigen, dass aufgrund von Abholzung und Klimaerhitzung große Teile des Amazonas-Regenwalds bereits mehr CO2 emittieren als binden. Wenn wir jetzt nicht massiv gegensteuern, wird die Natur vom Freund zum Feind in der Klimakrise. 

Flächen entlasten, naturverträglich anbauen

Jede Möglichkeit, Flächendruck zu reduzieren, muss deshalb genutzt werden – und kaum eine Maßnahme lässt sich so schnell umsetzen wie der Ausstieg aus Produktion und Nutzung von Agrokraftstoff. Schon ein deutscher Alleingang brächte eine spürbare Flächenentlastung von etwa 0,5 Millionen Hektar in Deutschland und über 1,2 Millionen Hektar weltweit. Ein EU-weiter Ausstieg im Rahmen der RED würde noch um ein Vielfaches größere Flächen für sinnvollere Nutzungen freistellen.

Das heißt nicht, dass auf heutigen Raps- und Maisfeldern ab morgen wieder Wald wachsen sollte. Fruchtbares Ackerland wird primär für naturverträgliche Nahrungsproduktion gebraucht. Aber weniger Flächendruck bedeutet mehr Spielräume, um an anderer Stelle geeignetes Land an die Natur zurückzugeben.

Unser Umgang mit Land muss sich grundlegend ändern. Das sagt nicht nur die DUH, sondern auch der wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung. Für klimaschädliche Flächenfresser wie Agrosprit haben wir keinen Platz mehr.

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