Wie Innovation Hubs Zukunft erproben : Ohne Blaupause, aber mit Haltung
Bad Nauheim entwickelt sich derzeit von der klassischen Kurstadt zur modernen Gesundheitsstadt. Der Smart Region Hub „Digital. Im. Puls“ ist dabei kein Showroom, sondern ein lernendes Ökosystem, das Wirtschaft, Verwaltung und Stadtgesellschaft zusammenbringt. Wie das funktioniert, schreibt Matthias Wieliki, Magistrat der Stadt, in seinem Werkstattbericht.
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In Hessens drittem Smart Region Hub „Digital. Im Puls“ wird Zukunft nicht nur diskutiert, sondern erprobt. Als Raum für Smart City und wirtschaftliche Innovation bringt er Wirtschaft, Gesundheitsbranche, Stadtgesellschaft und Verwaltung zusammen, um Digitalisierung vor Ort wirksam zu machen. Digitalisierung ist dabei kein Selbstzweck. Sie soll Standortqualität stärken, Teilhabe ermöglichen, kommunale Gestaltungskraft verbessern und Innovationskraft sichtbar machen.
Der Anspruch lautet: Denken, Machen und Erleben verbinden. In der Praxis ist das ein Balanceakt zwischen Fördervorgaben, Standortinteressen, politischen Zielsetzungen, gesellschaftlichen Erwartungen und dem Anspruch, Wirkung zu erzielen. Innovation im kommunalen Raum braucht deshalb mehr als Technik. Sie braucht Haltung, Vertrauen, Übersetzung und strategische Klarheit.
Vom Ort zur Innovationsstruktur
Bereits vor dem Smart Region Hub startete die Stadt Bad Nauheim mit dem Co-Working-Space „Work Nouveau“. Auf 334 Quadratmetern entstand ein Ort für neue Formen der Arbeit und Vernetzung. Außerdem wurde der Verein „Im. Puls“ gegründet, der seither das erforderliche Netzwerk aufbaut. Mit dem Smart Region Hub kam eine strategische Ebene mit Fokus auf Smart Health, kommunale Digitalisierung, Gründung, Innovationsförderung und gesellschaftliche Offenheit hinzu. Damit ist der Hub ein lernendes Ökosystem, in dem Stadt, Verein, Wirtschaft, Politik und aktive Akteurinnen und Akteure aus dem Netzwerk gemeinsam wirken.
Innovation braucht Offenheit. Aber sie braucht ebenso Orientierung. Deshalb steuern Stadtverwaltung, Politik und Wirtschaft den Hub gemeinsam strategisch. Schwerpunkte entstehen entlang der Standortstrategie, der Förderlogik, konkreter Bedarfe und der Impulse aus dem Netzwerk. Beirat, Verein, Barcamps und Events helfen dabei, Themen zu spiegeln und gemeinsame Linien zu entwickeln.
Offen, aber nicht beliebig
Bad Nauheim bringt dafür eine besondere Stärke mit, hat sich die Stadt doch von einer reinen Kurstadt zur modernen Gesundheitsstadt entwickelt. Akut- und Rehakliniken, ein Max-Planck-Institut, eine hohe Facharztdichte und eine starke Gesundheitswirtschaft prägen den Standort. Jeder Euro, der in der Gesundheitsbranche erwirtschaftet wird, sorgt für 38 Cent Wertschöpfung in Handel, Dienstleistung und Gastronomie vor Ort. Gleichzeitig ist gerade diese Branche kaum planbaren und tiefgreifenden Veränderungen ausgesetzt und damit keinesfalls ein auf ewig sicheres Pfund für den Wirtschaftsstandort.
Daher braucht es Raum und Impulse für relevante Zukunftsthemen wie Longevity, Prävention, digitale Gesundheitsanwendungen, Datenkompetenz, Künstliche Intelligenz und smarte Infrastrukturen. Der gemeinsame Weg dorthin entsteht in einer smarten Stadt längst nicht mehr im Rathaus, sondern im Netzwerk. Der Weg entsteht über eine gemeinsam getragene Vision und Verständigung. Dadurch entstehen nicht immer perfekte Lösungen, aber tragfähige.
Wirkung: Vom Event zur Kooperation
Der Hub versteht sich nicht als Veranstaltungsort allein, sondern als wirkungsorientierte Infrastruktur. Erfolg zeigt sich dort, wo aus Begegnung Kooperation wird, aus Ideen Pilotprojekte entstehen und aus Pilotprojekten übertragbare Lösungen wachsen. Im Bereich Smart Health wurden etwa KI-Lösungen für Dokumentation und Verwaltung von Pflegediensten sichtbar und in Kliniken in Teststellungen gebracht. Auch die Verwaltung profitiert: Sie nutzt den Hub für interne Veranstaltungen, Strategie- und Zukunftsthemen sowie für co-kreative Formate mit unterschiedlichsten Stakeholdern und Partnern.
Ein zentrales Element des Digital. Im. Puls sind Formate für und mit einer aktiven Community. Das Spektrum reicht von Fachveranstaltungen, Workshops und Fuck-Up-Formaten für Kommunalverwaltungen bis zu Barcamps, Pitch-Events und Angeboten für junge Menschen. Die Smart School Days stärken etwa Teilhabe und Selbstwirksamkeit junger Menschen. Pitch-Formate geben Gründenden Sichtbarkeit, Netzwerkzugang und Feedback. Gleichzeitig bleibt der Hub offen für die Stadtgesellschaft. Weniger digital affine Menschen werden über alltagsnahe Themen eingebunden, etwa Online-Betrug bei Seniorinnen und Senioren oder sicheres Verhalten von Kindern im Netz.
Technologie wird niedrigschwellig erfahrbar gemacht. Exponate und Demonstratoren zeigen exemplarisch, wie KI, Daten, 3D-Druck oder immersive Anwendungen Prozesse verbessern, Ressourcen gezielter einsetzen oder Zukunftsbilder verständlicher machen können. Beim „smarten Mittwoch“ können solche Anwendungen regelmäßig ohne Anmeldung erlebt werden.
Regionale Einbindung und Verstetigung
Als Smart Region Hub wirkt Digital. Im. Puls nicht nur lokal. Eingebunden sind das Land Hessen, regionale Netzwerke der Wirtschaftsförderung und Gründungsunterstützung sowie lokale Unternehmen und Interessierte. Viele Zukunftsfragen enden nicht an Stadtgrenzen. Fachkräftegewinnung, Gesundheitsversorgung, Digitalisierung, Klimaanpassung und Gründungsförderung sind regionale Aufgaben. Der Hub kann hier Knotenpunkt sein. Ein Förderprojekt ist dabei immer nur ein Startpunkt. Entscheidend ist, was dauerhaft entsteht. Die Verstetigung hängt an einer aktiven Community und an Erfolgen, die weitere Investitionen rechtfertigen.
Kommunale Innovation bewegt sich in einem besonderen Spannungsfeld. Einerseits braucht es Mut zum Ausprobieren. Andererseits müssen Verlässlichkeit, Qualität, Datenschutz, Sicherheit und Akzeptanz gewahrt bleiben. Dieser Zielkonflikt prägt die Arbeit des Hubs. Neue Ideen sollen sichtbar und testbar werden, dürfen aber nicht beliebig wirken.
Was Innovation Hubs leisten können
Der Hub zeigt, welche Rolle kommunale Innovation Hubs übernehmen können. Ihre Stärke liegt nicht darin, fertige Blaupausen zu liefern. Ihre Stärke liegt darin, Räume zu schaffen, in denen Orientierung, Vertrauen und gemeinsames Handeln entstehen. Das erfordert aufseiten der kommunalen Initiatoren und Kuratoren Haltung und Mut.
Matthias Wieliki leitet im Magistrat der Stadt Bad Nauheim den Fachbereich Zentrale Steuerung. Es ist sein erster Beitrag für diese Rubrik. Von ihm zuletzt in dieser Rubrik erschienen: Selbst ist die Stadt: Ambitionierte Digitalisierungsvorhaben kommunaler Angestellter.
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