Verbrenner-Aus : 2035 die Schuld zu geben, wird Deutschlands Automobilindustrie nicht retten
Die deutsche Automobilbranche steckt in einer tiefen Krise. Der Binnenmarkt schrumpft, und wichtige Exportmärkte gehen verloren. Die Lösung liegt nicht in der Abschaffung des Verbrennerverbots 2035, sondern in erschwinglichen E-Autos und neuen Strategien.
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Die Krise, mit der die deutsche Automobilbranche konfrontiert ist, ist greifbar. Um sie zu bewältigen, muss jedoch das richtige Mittel gewählt werden – das falsche könnte die Symptome verschlimmern oder sogar fatal sein. Für manche ist das Rezept einfach: Man muss nur das angebliche „Verbot von Verbrennungsmotoren nach 2035” abschaffen, dann werde die deutsche Automobilindustrie wieder aufblühen. Es ist jedoch fehlgeleitet, die Debatte auf das Jahr 2035 zu konzentrieren. Schlimmer noch, es lenkt sogar davon ab, die wirklichen Probleme der europäischen Industrie anzugehen.
Der erste Aspekt der Krise ist die Schrumpfung des europäischen Binnenmarktes. Heute werden in Europa sechs Millionen weniger Autos verkauft als 2019. Die Gründe für diesen Rückgang sind vielfältig, aber sie sind alle auf eine Grundursache zurückzuführen: Neuwagen sind, unabhängig vom Antriebstyp, so teuer geworden, dass sich nur noch die Wohlhabendsten einen Kauf leisten können.
Günstige und kleine E-Autos für Europa
Steigende Rohstoff- und Energiekosten haben dazu beigetragen, aber die Strategie der Autobauer selbst war ein wesentlicher Faktor. Indem sie sich dafür entschieden haben, weniger Fahrzeuge zu höheren Preisen zu verkaufen, um die Gewinnmargen zu steigern, haben sie die Kosten für die Verbraucher in die Höhe getrieben. Mittelschichtshaushalte halten länger an ihren Autos fest, wodurch die Nachfrage weiter stagniert.
Diese Strategie war gleichermaßen schädlich für das industrielle Ökosystem: weniger Autos zu höheren Preisen bedeutet geringere Produktion in den Fabriken und schrumpfende Auftragsbücher der Zulieferer. Seien wir ehrlich: Die Autobauer selbst haben die Schrumpfung des EU-Marktes herbeigeführt. Das hat wenig mit Elektroautos zu tun. Die Priorität muss daher sein, sich wieder auf eine Strategie zu konzentrieren, die Autohersteller dazu bringt, Autos zu produzieren, die sich Europäer tatsächlich leisten können. Deshalb unterstütze ich den Plan der Europäischen Kommission, erschwingliche, emissionsfreie Kleinwagen zu entwickeln, die in Europa hergestellt werden.
Der zweite Aspekt der Krise ist der Rückgang der Verkäufe auf Exportmärkten, angefangen natürlich mit China. Die Zahlen sprechen für sich. Der Marktanteil deutscher Hersteller sinkt stetig auf dem bis vor kurzem noch sehr lukrativen chinesischen Markt. Volkswagen machte 2019 19 Prozent des chinesischen Marktes aus, 2024 sind es nur noch 14,5 Prozent.
Die Exportmärkte deutscher Hersteller verlagern sich rasant auf Elektrofahrzeuge, die mittlerweile über 50 Prozent der Neuwagenkäufe in China ausmachen. Auch Märkte wie Vietnam und Thailand wenden sich E-Autos zu. Gleichzeitig haben die Hersteller zu langsam in diese Technologie investiert und werden nun von chinesischen Herstellern überholt, die leistungsstarke, kostengünstige Elektrofahrzeuge anbieten.
Exportmarkt geht verloren, Binnenmarkt schrumpft
Deutschlands exportorientiertes Modell gerät unter Druck. Seit diesem Jahr importiert Deutschland mehr Kapitalgüter aus China, als es dorthin exportiert – und die Automobilbranche bildet keine Ausnahme: Die Einfuhren chinesischer Komponenten, darunter ein Anstieg manueller Getriebe um 181 Prozent im zweiten Quartal, sind stark gestiegen und setzen die Lieferkette enorm unter Druck.
Folglich sind die Produktionsvolumina in Deutschland im Vergleich zu 2019 um zwölf Prozent gesunken, und 51.000 Arbeitsplätze gingen in nur einem Jahr in diesem Sektor verloren. Und die Entscheidungen der Trump-Regierung werden der deutschen Automobilindustrie offensichtlich nicht helfen, sich zu erholen.
All dies ist der Kern der Krise und hat nichts mit der europäischen Regelung für 2035 zu tun. Jedes Unternehmen, ob Autohersteller oder nicht, das auf einem schrumpfenden Binnenmarkt sitzt und seine Exportmärkte verliert, wäre in einer schlechten Lage. Ich möchte tatsächlich Arbeitsplätze retten und konzentriere mich deshalb lieber auf die wirklichen Ursachen, anstatt das Ziel für 2035 zum Sündenbock zu machen und dabei sowohl unsere Klimaziele als auch unseren Industriestandort zu gefährden.
Elektrifizierung: klima- und geopolitische Notwendigkeit
Die Entwicklung neuer emissionsfreier Technologien (Batterien, Wasserstoff, synthetische Kraftstoffe etc.) ist natürlich keine leichte Aufgabe. Wir müssen unsere Autobauer und Zulieferer unterstützen, insbesondere indem wir ihnen helfen, neue Wertschöpfungsketten in Europa effektiver aufzubauen, als wir es heute tun. Aber wir dürfen das Ziel niemals aus den Augen verlieren.
Die Elektrifizierung unserer Wirtschaft – und damit unserer Mobilität – ist sowohl eine klimapolitische als auch eine geopolitische Notwendigkeit, da benzinbetriebene Autos uns immer von Ölmächten abhängig machen werden, die nicht unsere besten Interessen im Sinn haben. Anstatt unsere Ziele infrage zu stellen, sollten wir uns auf die Mittel konzentrieren, sie zu erreichen. Am Ende dieser kollektiven Anstrengung werden wir industriell stärker, geopolitisch souveräner und klimatisch widerstandsfähiger sein.
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