On-Demand-Verkehre : Die Provinz fährt vor
On-Demand-Verkehre befinden sich nach einer ersten geförderten Versuchsphase in fast 100 Kleinprojekten in einem kritischen Zustand. Zu hoch sind die Kosten für die Kommunen und es fehlt an Personal. Nun soll der Start größerer autonomer Flotten im realen Betrieb eine Zukunftsperspektive bieten. Ein Blick in den Landkreis Ludwigslust-Parchim zeigt die Chancen.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden
On-Demand-Verkehre, also Kleinbusse, die ganz ohne Fahrplan unmittelbar auf die Fahrtenwünsche der Fahrgäste reagieren, haben in den letzten Jahren einen deutlichen Aufschwung erlebt. In fast 100 On-Demand-Projekten haben Städte und Landkreise in Deutschland die neuen Möglichkeiten der digital gestützten Mobilität getestet. Ergebnis: Es funktioniert. Als Ergänzung zum klassischen ÖPNV verbessern die Dienste zwar die Mobilität vieler Menschen gerade im ländlichen Raum, in Zeiten geringer Nachfrage und insbesondere für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen durch barrierefreie Fahrzeuge.
Doch anstatt die Angebote auszuweiten, wurden erste On-Demand-Verkehre inzwischen wieder eingestellt, zuletzt in Leverkusen und Nordfriesland. Der Grund: zu hohe Kosten und Personalmangel. Zwar könnten Kosten etwa durch einen passenden Zuschnitt der Bediengebiete oder den zentralen Ankauf von Software für mehrere Projekte verringert werden. Doch was bleibt, ist der hohe Personalbedarf.
Autonome Shuttles können Personalmangel ausgleichen
Bei der Lösung des Personalmangels könnte autonomes Fahren eine Schlüsselrolle spielen. Von der Gesellschaft gibt es hierfür inzwischen Rückenwind: Die anfängliche Skepsis gegenüber autonomem Fahren im ÖPNV verändert sich in Deutschland zunehmend hin zu Interesse und Akzeptanz – insbesondere dort, wo die Technik erlebbar ist. Gerade als Beitrag zum Klimaschutz und als Mobilitätsangebot für das Land sehen vier von fünf Deutschen einen klaren Mehrwert. Drei Viertel hätten kein Problem damit, in einen fahrerlosen Minibus, Bus oder eine U-Bahn einzusteigen.
Gut also, dass derzeit in mehreren Regionen Deutschlands autonome Shuttles entwickelt werden. Das Projekt „Autonome Rufbusse im Landkreis Ludwigslust-Parchim“, kurz ARuf_LUP, gehört zu den ambitioniertesten Vorhaben im autonomen ÖPNV.
Ludwigslust-Parchim: Schaffst du es hier, schaffst du es überall
Der Landkreis Ludwigslust-Parchim ist zweimal so groß wie das Saarland, es leben dort aber nur 209.000 Menschen – und das meist weit verteilt im ländlichen Raum. Der Landkreis und die örtliche Verkehrsgesellschaft Ludwigslust-Parchim (VLP) haben für einen modernen, klimafreundlicher ÖPNV bereits Beachtliches geschafft. Mit einem Anteil von mehr als 20 Prozent Elektrobussen liegt die Provinz über dem entsprechenden Anteil der meisten deutschen Metropolen.
Zwischen den größeren Gemeinden fahren Linienbusse, in allen anderen Orten gibt es Rufbus-Angebote: mit App bestellbar (77 Prozent Buchung via App) und mit Anschluss an die Regionalbahnen. 200.000 Bestellungen erwartet die VLP für 2025 – eine Steigerung von 56 Prozent innerhalb der letzten zehn Jahre. Doch die wachsende Nachfrage lässt die Region an ihre Leistungsgrenzen stoßen. Etwa 20 Prozent aller Anforderungen von Rufbussen müssen aufgrund von Fahrermangel abgelehnt werden.
Erstmals autonome Systeme von deutschem Anbieter eingesetzt
Mit dem autonomen On-Demand-Shuttle-Dienst ARuf_LUP will die VLP nun das Angebot für die Bürger:innen weiter verbessern und die Wachstumsgrenze „Fahrpersonal“ umfahren. Das vom Bundesverkehrsministerium geförderte und im Mai 2025 gestartete Projekt läutet eine neue Entwicklungsphase für den On-Demand-Verkehr in Deutschland ein: Zum einen sollen schrittweise größere ländliche Gebiete mit einer wachsenden Anzahl an Level-4-Fahrzeugen bedient werden.
Bisherige Projekte arbeiteten mit einzelnen Fahrzeugen in einem kleinen Bediengebiet meist im urbanen Raum. Zum anderen stammt das eingesetzte System vom Berliner Unternehmen Motor AI, dem derzeit einzigen deutschen Anbieter einer Software zum autonomen Fahren.
Dessen autonome Fahrzeuge arbeiten mit einem auf kognitiver Künstlicher Intelligenz (KI) basierenden System. Diese KI ist in der Lage, ohne vorheriges datenintensives Training Entscheidungen in komplexen Fahrsituationen zu treffen. Das System hat im Frühjahr 2025 die Erprobungsgenehmigung erhalten und sammelt seither Fahrpraxis.
Die Fahrzeuge verfügen über ein umfassendes Sensorpaket (Radar, Lidar, Kameras, IMU, GPS). Die Sicherheitsfahrer:innen, die sich zunächst noch mit im Fahrzeug befinden, sollen mittelfristig entfallen. Danach werden die autonomen Fahrzeuge aus der Ferne technisch überwacht, um bei Bedarf eingreifen zu können. Perspektivisch soll eine wachsende Anzahl von Fahrzeugen gleichzeitig betreut werden – ein wichtiger Hebel für die Skalierung.
Die Erfahrungen in Ludwiglust-Parchim können exemplarisch zeigen, wie autonome On-Demand-Systeme in ländlichen Räumen funktionieren können – unter realen Bedingungen, mit echten Fahrgästen und eingebettet in bestehende Verkehrsangebote. Gerade weil der ÖPNV in Deutschland sehr kleinteilig organisiert ist, kommt es darauf an, dass sich gute Ansätze durch solche Blaupausen schnell verbreiten.
Bund und EU haben Weg für autonomen ÖPNV geebnet
Die Bundespolitik und die EU haben in den letzten Jahren bereits wichtige gesetzliche Grundlagen für die Erprobung und Einführung autonomer Shuttles gelegt. Ob das Personenbeförderungsgesetz, das Gesetz zum autonomen Fahren, die Autonome-Fahrzeuge-Genehmigungs- und Betriebs-Verordnung oder der EU Artificial Intelligence Act: Sie alle erleichtern es Kommunen und Betreibern entsprechende Angebote aufzubauen.
Die Regelwerke bieten die Grundlage eines europäischen Wegs, der nicht bloß Tech-Giganten imitiert, sondern Klimaschutz, soziale Teilhabe benachteiligter Bevölkerungsgruppen und das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger verbessern will. Ohne kluge Integration droht mehr Verkehr, mehr Energieverbrauch und mehr Ungleichheit in der Mobilität. Ein ungeregeltes Detektieren des öffentlichen Raums und die Verarbeitung von Daten außerhalb Europas könnten das Vertrauen in die Technologie schnell zerstören.
Bundesregierung und Akteure vor Ort sollten Momentum nutzen
Die neue Bundesregierung hat sich in ihrer Strategie zum autonomen Fahren das Ziel gesetzt, in Deutschland bis 2028 den weltweit größten Betriebsbereich autonomer Fahrzeuge aufzubauen. Um dieses Ziel zu erreichen, braucht es zum einen jetzt von der Bundesregierung Fördermittel, die strategisch auf wenige große, langfristige Modellvorhaben konzentriert werden. Zum anderen sind aber auch Länder, Kommunen, Betreiber, Unternehmen, Verbände und Wissenschaftspartner gefragt. Es braucht eine Umsetzungsallianz dieser Akteure; die gesetzlichen Anpassungen sind weitestgehend auf den Weg gebracht – nun liegt es an ihnen, das Momentum zu nutzen.
Die autonomen On-Demand-Shuttles haben das Potenzial, die Mobilität auf dem Land deutlich zu verbessern. Ob sie langfristig für die Kommunen tragfähig sind, ist eine offene Frage. Mit ausreichend Engagement der Politik und der Mobilitätswirtschaft in die Modellregionen lässt sich vor Ende dieses Jahrzehnts eine Antwort finden. Der Landkreis Ludwigslust-Parchim zeigt mutig und vorbildlich, wie ein solches Engagement aussehen kann.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden