Reform der Einfuhrumsatzsteuer : Ein Schritt zu mehr Wettbewerbsfähigkeit
In einem scheinen sich die Regierungsparteien in Berlin nach den Wahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz einig: Es braucht Reformen, um die Wirtschaft anzukurbeln. Überraschende Einigkeit herrscht auch schon lange bei mancher konkreten Maßnahme. Dazu zählt die Reform der Erhebung der Einfuhrumsatzsteuer. Daraus kann nur folgen: einfach machen.
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Aus ökonomischer Sicht ist die 80 Milliarden Euro schwere Einfuhrumsatzsteuer für vorsteuerabzugsberechtigte Unternehmen zwar grundsätzlich ein neutraler Posten. In der Praxis führt ihre Erhebung jedoch zu erheblichen Liquiditätsbelastungen. Ein weiterer zentraler Aspekt ist die internationale Wettbewerbsfähigkeit. In Deutschland wird die Einfuhrumsatzsteuer unmittelbar bei der Einfuhr fällig (Background berichtete).
Unternehmen sind verpflichtet, die Steuer vorzufinanzieren, bevor sie diese im Rahmen der Umsatzsteuervoranmeldung geltend machen können. Dieser zeitliche Versatz führt zu einer nicht unerheblichen Liquiditätsbelastung, insbesondere bei hohen Importvolumina oder margenschwachen Geschäftsmodellen.
Hinzu kommen administrative Aufwände im Zusammenspiel mit Zollbehörden und Logistikdienstleistern, die Prozesse verlangsamen und zusätzliche Kosten verursachen. Diese betreffen nicht nur große Konzerne, sondern insbesondere auch kleine und mittlere Unternehmen, die weniger Ressourcen für spezialisierte Steuer- und Zollabteilungen vorhalten können. Von der viel zitierten Entbürokratisierung sind wir hier weit entfernt.
Alle anderen EU-Mitgliedstaaten haben effizientere Verfahren etabliert, bei denen die Einfuhrumsatzsteuer nicht mehr als Vorauszahlung erhoben, sondern direkt im Rahmen der Umsatzsteuervoranmeldung verrechnet wird. Dieses einfachere Verfahren führt dazu, dass Unternehmen ihre Importströme gezielt über diese Länder abwickeln, selbst wenn die Waren für den deutschen Markt bestimmt sind. Deutschland verliert dadurch nicht nur an Attraktivität als Logistik- und Wirtschaftsstandort, sondern auch an Wertschöpfung entlang der Lieferketten.
Praktisch alle großen Wirtschaftsorganisationen sprechen sich für die Einführung eines Verrechnungsmodells aus – vom Bundesverband der Deutschen Industrie über den Deutschen Industrie- und Handelskammertag bis hin zu zahlreichen Branchenverbänden aus Industrie, Handel und Logistik.
Wohlstand erwächst aus internationaler Wettbewerbsfähigkeit
Ein Blick zu den Nachbarn lohnt sich: Der Vergleich des deutschen Systems der Einfuhrumsatzsteuer mit den Regelungen in den Niederlanden, Polen oder Italien verdeutlicht, wie stark steuerliche Rahmenbedingungen internationale Warenströme und Standortentscheidungen beeinflussen können. Unsere Nachbarn haben Prozesse etabliert, bei denen die Einfuhrumsatzsteuer nicht physisch entrichtet werden muss. Stattdessen erfolgt die Verrechnung im Rahmen der Umsatzsteuererklärung. Neben dem Liquiditätsvorteil reduziert dieses Verfahren vor allem die Komplexität und beschleunigt die Abwicklung von Importen erheblich.
Diese Unterschiede haben spürbare Auswirkungen auf die Logistik in Europa. Häfen wie Rotterdam, Danzig oder Genua profitieren in besonderem Maße von den effizienteren steuerlichen Rahmenbedingungen. Unternehmen richten ihre Lieferketten zunehmend so aus, dass Waren über diese Standorte in die Europäische Union eingeführt werden. Der Grund liegt nicht in geografischen Vorteilen, sondern in der Möglichkeit, Liquidität zu schonen und administrative Hürden zu minimieren.
Die Konkurrenzhäfen fungieren mehr und mehr als zentrale Eingangstore für den europäischen Binnenmarkt. Es entsteht ein selbstverstärkender Effekt: Höhere Umschlagsmengen führen zu weiteren Investitionen und einer noch stärkeren Position im internationalen Wettbewerb.
Für die deutschen Seehäfen ergibt sich daraus ein struktureller Nachteil. Obwohl ein erheblicher Teil der importierten Waren für den deutschen Markt bestimmt ist, findet ein wachsender Anteil der Wertschöpfung im Ausland statt. Die aktuelle Ausgestaltung der Einfuhrumsatzsteuer wirkt somit nicht nur als Liquiditätsbelastung für Unternehmen, sondern auch als indirekter Standortfaktor im europäischen Wettbewerb der Logistikdrehscheiben.
Dabei sind die Häfen das Fundament unserer wirtschaftlichen Zukunft. Es geht um mehr als eine steuerrechtliche Reform – es geht um die Frage, ob wir die Zukunft gestalten oder weiter im Klein-Klein verharren wollen. Auch hier lohnt sich der Blick zu unseren Nachbarn, denn bei ihnen herrscht ein gänzlich anderes Verständnis über die Bedeutung der Häfen als Schaltzentralen des internationalen Handels.
Gesucht: Balance zwischen Wirtschaftskraft und Richtlinien
Wir stehen an einer Weggabelung. Werden die deutschen Häfen das Rückgrat globaler Wertschöpfungsketten bleiben, oder werden wir zum Zuschauer? Diese Frage wird sich auch an der Reform der Einfuhrumsatzsteuer entscheiden. Wir dürfen eins nicht vergessen: Handel ist wie Wasser – er sucht sich immer den Weg des geringsten Widerstands. Deutschland muss aufhören zu zaudern und sich hinter Bürokratie zu verschanzen.
Vor dem Hintergrund globaler Lieferketten, zunehmender geopolitischer Unsicherheiten und des Drucks zur Transformation der Industrie ist es entscheidend, unnötige Liquiditäts- und Bürokratiebelastungen abzubauen. Eine Reform der Einfuhrumsatzsteuer wäre ein wirkungsvoller und vergleichsweise schnell umsetzbarer Hebel, um die Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft nachhaltig zu stärken.
Für politische Entscheider ergibt sich daraus ein klarer Handlungsauftrag: Die Modernisierung der Einfuhrumsatzsteuer ist kein fiskalisches Risiko, sondern eine wirtschaftspolitische Chance. Und sie wäre ein klarer Beleg für die Reformfähigkeit der Bundesregierung.
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