Autoindustrie : Elektroschock
Während manche in der Bundesregierung von „effizienten Verbrennern“ träumen, steigen die E-Auto-Absätze weltweit rasant, zeigt die Internationale Energieagentur in ihrem jüngsten Report. Für den Klimaschutz ist das eine gute Nachricht – für die deutsche Autobranche existenzbedrohend.
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Für das erste laut gedachte „Wie bitte?“ muss man nur bis zur dritten Grafik blättern: Auf Seite 18 zeigt der neue E-Mobilitätsreport der Internationalen Energieagentur (IEA), wie sich der Anteil der Elektroautos, also batterieelektrischen Pkw und Plug-in-Hybriden, am Gesamtverkauf in einer Reihe von Ländern zwischen 2020 und 2025 verändert hat:
- Thailand: von einem auf 23 Prozent
- Uruguay: von null auf 28 Prozent
- Nepal: von zehn auf 68 Prozent
Nepal? 68 Prozent E-Autos? Wie bitte?
Es ist nicht lange her, da hieß es in Deutschland regelmäßig: Im reichen, dicht besiedelten Europa, ja, da würde es irgendwann schon gehen mit der E-Mobilität. Aber in weniger entwickelten Weltregionen würden die Menschen noch Jahrzehnte Verbrenner fahren.
Nun zeigt die IEA, wie schlecht solche Aussagen gealtert sind. Anteil der rein elektrischen Elektroautos im vergangenen Jahr in Vietnam: 41 Prozent. Weltweit hatte 2025 jedes vierte verkaufte Auto einen Elektromotor. Das vermeintlich progressive Europa lag mit 27 Prozent E-Mobilitätsanteil nur knapp über dem globalen Schnitt. Der Anteil der europäischen Hersteller am wachsenden Elektromarkt lag 2025 bei kläglichen 15 Prozent. Für die zuletzt strauchelnden deutschen Hersteller und die ihnen zugetane Politik sollte das ein Alarmsignal sein.
Verbrenner sind fahrende Öfen
Doch während die Elektrifizierung des weltweiten Pkw-Markts rasant an Dynamik gewinnt, tritt die Debatte in Deutschland seit Jahren auf einer Stelle mit Namen „Technologieoffenheit“. In einem Brief an die EU-Kommission forderte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) noch Ende vergangenen Jahres „mehr Flexibilität“ bei der Transformation der Autobranche. Auch über das Jahr 2035 hinaus müssten „hocheffiziente Verbrenner“ zugelassen werden können.
Allein die Formulierung widerspricht physikalischen Gesetzen. Bei einem Verbrennungsprozess wandelt sich immer der größte Teil der eingesetzten Energie in Wärme. Was Autos mit Verbrennungsmotor eher zu fahrenden Öfen macht, die auch nach mehr als hundertjähriger Entwicklung nichts mit Effizienz zu tun haben.
Ziel von Merz‘ Intervention ist, das eigentlich für das Jahr 2035 beschlossene europäische Ende von Neuwagen mit Verbrennungsmotor aufzuweichen. Angesichts der jüngsten E-Auto-Zahlen würde er der deutschen Branche damit einen Bärendienst erweisen.
Denn auch wenn man sich ausschließlich die Zahlen für reine E-Autos anschaut und die Scheinlösung Plug-in-Hybride außen vor lässt – die Transformation läuft in rasantem Tempo, wie Greenpeace bereits im März nachgezeichnet hat. Auch beim vollelektrischen E-Auto hat eine ganze Reihe vermeintlich unterentwickelter Märkte Europa inzwischen abgehängt.
Während der Anteil rein-batterieelektrischer Pkw-Neuzulassungen in der EU im vergangenen Jahr bei 17 Prozent lag, erreichte er beispielsweise in Thailand 19 und in Uruguay 28 Prozent. Auch die Geschwindigkeit der Transformation in vielen internationalen Märkten übertrifft den zuletzt gemächlichen Anstieg in der EU bei Weitem. In Kolumbien etwa schnellte der Anteil reiner Stromer von unter einem Prozent im Jahr 2022 auf knapp neun Prozent 2025 hoch.
Auch Expert:innen unterschätzten Marktdynamik
Global betrachtet verläuft der bisherige Hochlauf der E-Mobilität verblüffend ähnlich zu früheren Technologiesprüngen, etwa der Photovoltaik vor zehn Jahren. Ähnlich wie damals unterschätzten selbst etablierte Beratungsfirmen die Geschwindigkeit der Marktveränderung massiv. Die Expert:innen von Roland Berger etwa prognostizierten 2011 in einem „Best-Case-Szenario“ einen Marktanteil für reine Elektroautos von etwa zehn Prozent im Jahr 2025. Für das gleiche Jahr schätzte die Boston Consulting Group noch 2020 den Marktanteil auf gerade mal sieben Prozent. Tatsächlich lag der Anteil rein-batterieelektrischer Pkw im vergangenen Jahr mit 17 Prozent mehr als doppelt so hoch.
Die Zahlen der IEA unterstreichen die unterschätzte Dynamik. Das 20-prozentige E-Auto-Wachstum weltweit im vergangenen Jahr schlug sich in mehr als 100 Ländern in Rekordverkäufen nieder. Die Folgen des Iran-Kriegs spiegeln sich dabei noch nicht einmal wider. Der rasante Preisanstieg am Ölmarkt hat der Welt die Risiken fossiler Abhängigkeiten vor Augen geführt. Vielen Regierungen wird jetzt erst klar, wie Elektromobilität diese Abhängigkeit reduzieren kann.
500 Milliarden Liter Kraftstoff könnten eingespart werden
Entsprechend erwartet die IEA auch in diesem Jahr ein deutliches Wachstum. In Europa wird 2026 vermutlich jeder dritte verkaufte Neuwagen einen E-Motor haben. Für den Schutz des Klimas und die Unabhängigkeit von fossilen Lieferanten kann das eine gute Nachricht sein. Gegenüber dem derzeit wahrscheinlichen Pfad könnte eine weitere Beschleunigung des Hochlaufs in den kommenden 25 Jahren rund 1,4 Gigatonnen CO2 und rund 500 Milliarden Liter Kraftstoff zusätzlich einsparen. Mit dieser Spritmenge könnte Deutschland den jüngsten Pkw-Verbrauch über zehn Jahre decken.
Wie stark die deutsche Autoindustrie von diesem Trend profitiert, der inzwischen auch von Privathaushalten getrieben wird, hängt auch von den politischen Entscheidungen zum Verbrenner-Aus ab. Werden die Flottengrenzwerte tatsächlich aufgeweicht, sinkt der Druck auf die Hersteller, bezahlbare E-Autos zu verkaufen. Wenn der günstigste VW derzeit nicht unter 33.000 Euro (ID.Polo Life) zu haben ist, die Leute aber keine Lust auf teure Spritrechnungen haben, dann profitieren am Ende chinesische Hersteller.
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