Branche in der Krise : Es braucht die Fahrräder der Zukunft
Die Fahrradbranche steckt in einer Krise der Ideen. Zwischen übervollen Lagern, verpassten Chancen und Variationen des Immergleichen hat sie vergessen, was sie einst angetrieben hat: Innovation. Die Zukunft des Fahrrads entscheidet sich nicht auf der Eurobike – sie entsteht in den Köpfen derer, die das Fahrrad neu denken.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden
Die Fahrradbranche blickt orientierungslos in die Zukunft. Die aktuelle Debatte um die Positionierung der Eurobike und den Ausstieg der zwei Industrieverbände Zukunft Fahrrad und Zweirad Industrie Verband ist nur das offensichtliche Symbol für die Probleme der Branche. Mit dem Corona-Boom hat die Fahrradwirtschaft endlich den erhofften Durchbruch für das große Wachstum gesehen. Sie ist mit überfüllten Lagern schnell wieder auf dem Boden der Tatsachen gelandet.
Die Fehler kann man jetzt schnell bei der Politik finden, die zu wenige Radwege baut, Klimaschutz nicht ernsthaft verfolgt oder mit der Erhöhung der Pendlerpauschale weiterhin Fehlanreize setzt. Das sind richtige Punkte, aber sie greifen zu kurz. Denn sie vernachlässigen ein essenzielles Hauptproblem, das Produkt.
Festhalten am Mantra des Vortriebs per Schwitzen
Eine wiederholte Kritik an der Eurobike ist, dass in den Hallen keine echten Innovationen zu sehen seien. Das ist korrekt, aber das ist kein Fehler der Eurobike, sondern der Hersteller, der Branche, die nur Variationen vom immer gleichen Produkt anbieten: Pedelec, Fahrradlenker, Sattel, Kette, Zweiräder.
Die Fahrradbranche in ihrem Kern hat die Fähigkeit zu wirklichen Produktinnovationen verloren. Es wird verzweifelt am Mantra der Kette, der Zweiräder, dem Vortrieb per Schwitzen festgehalten. Die Debatte um die Begrenzung der Spitzenleistung auf 750 Watt ist das zweite Symbol davon, in der zurück auf ein „konventionelles“ Fahrrad geblickt wird.
Notwendig ist jedoch der Blick nach vorn. Wie muss das Fahrrad in zehn Jahren aussehen? Wie muss das Fahrrad gestaltet werden, wie kann es emotional aufgewertet werden, um die Zielgruppen auf das Rad zu bringen, die bisher kaum oder nicht fahren? Es wird lieber despektierlich auf E-Scooter und Autos geblickt, anstatt zu fragen, was sie im Produkt besser machen.
Die Antworten sind teilweise erschreckend einfach: Wetterschutz, robuste Smartphone-Halterung, kein Schwitzen, höhere Sicherheit, robuste, abschließbare Transportmöglichkeiten, wartungsarme Fahrzeuge und digitale Integration von Fahrzeug und Smartphone. Seit einer gefühlten Ewigkeit koppeln sich Smartphone und Auto, gibt es Spracheingabe, Navigation und Musikauswahl. Das Bedienfeld am Pedelec beschränkt sich auf die Auswahl der Unterstützungstufe.
Es braucht auch Fahrzeuge mit drei oder vier Rädern
Das Fahrrad braucht zum Wachsen wieder Produkte, die Menschen begeistern. Die Spaß machen in der Nutzung, die ausgerichtet sind auf ihre Nutzungsbedürfnisse. Dafür braucht es auch Fahrräder, die drei oder vier Räder haben. Damit wird mehr Sicherheit, mehr Wetterschutz, mehr Komfort möglich. Es braucht Fahrräder, die mit Kraft die Fahrerinnen unterstützen können, weil nicht alle (zum Beispiel Senior:innen, Frauen) genug Kraft haben, um moderne Räder den Berg hochzufahren. Sicher den Berg hochzukommen, ist essenziell für das subjektive Sicherheitsempfinden.
Es braucht günstige Einstiegsräder mit Style. Es braucht Fahrräder mit unterschiedlichen Transportboxen, damit Handwerker, Logistiker, Pflegedienste und andere täglich harte Jobs zuverlässig ausüben können. Es braucht Fahrräder, die beim Pendeln über Land schneller sind als 25km/h. Es braucht Fahrräder, die mit digitalen Features das Produkt endlich an das Smartphone heranführen, die das Produkt wieder begehrenswert machen.
Es gibt am Markt bereits einige Innovationen, die den Weg dahin aufzeigen. In der Radlogistik ist der Wetterschutz bei vielen Modellen etabliert. Wer Sommer und Winter acht Stunden draußen arbeitet, wünscht das oft. Immer mehr Standard werden digitale Features wie sogenannte Keyless-Go Systeme. Das Rad und die Transportbox schließt automatisch, wenn der Fahrer weggeht.
Innovator:innen werden oft noch belächelt
Kettenlose Antriebe ermöglichen neue Fahrzeugdesigns und senken die Wartungskosten deutlich. Diese und viele weitere Neuerungen bringen aktuell Zielgruppen aufs Rad, die für das „konventionelle“ Fahrrad nicht erreichbar sind. Hier wird gerade die Innovationskraft in der Fahrradbranche vorangetrieben. Auch für den Personenverkehr gibt es diese Innovator:innen, die zu oft noch belächelt werden.
Das Fahrrad der Zukunft werden Fahrräder der Zukunft sein. Es wird eine Vielfalt von Designs geben, vom stylischen Einstiegsrad bis zum vertikal, digital integrierten, wettergeschützten, mehrspurigen Rad. Es wird mehr Anhänger geben und Fahrräder, die automatisiert fahren. Damit wird es möglich, neue Zielgruppen mit einer Vielfalt von überzeugenden Produkten neu zu begeistern.
Mit Produkten, die in der Breite begeistern, gelingt es auch, die Mehrheiten für sichere Infrastruktur zu finden. Mit einer Vielfalt von Innovationen, von wirklich neuen Produkten und Dienstleistungen wird man auf der Leitmesse auch nicht mehr das Gefühl haben, immer nur das Gleiche zu sehen. Das Schöne dabei: Die Schlüssel dafür hat die Branche selbst in der Hand.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden